Kommunikation mit China

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Vor kurzem hat ein Familienmitglied (FM), dessen Namen ich hier nicht erwähnen möchte, eine Lampe bestellt. Allerdings nicht für sich selbst, sondern für FMs Oma (deren Name ich ebenfalls nicht nennen will). Bei dem leuchtenden Produkt handelte sich auf jeden Fall um eine Nachttischlampe.

Sehr moderne Form, sehr geschwungen, regelrecht ineinander verwickelt, bestellt über meinen Lieblingsfeind-Großhändler mit dem großen A am Anfang und zon hintendran. Die Lampe kam aus China, hat 30 Euro gekostet, darunter ein ganzer Euro Versand. Ziemlich wenig Geld für so eine weite Strecke. Aber dann doch wieder vom Gesamtpreis her betrachtet – viel zu viel Geld für so ein gewundenes Dings, denn: Alles wackelt an der Lampe. Ganz unten, wo die geschwungene Form zusammenläuft ist eine Lötstelle, die weder einen fachgerechten, noch sicheren Eindruck vermittelt. Sie sieht einfach nur schlampig aus. So als würde die Lötstelle beim ersten Einschalten auseinanderbrechen. Der einzige positive Aspekt an der Lampe: Sie funktioniert tatsächlich, wenn man den Stecker in die Steckdose steckt und das glühende Ding einschaltet. Sogar ziemlich hell. Allerdings fehlt der Dimmer, der in der Beschreibung angepriesen wurde. „Schrott“, sagte unser Familienmitglied – das ich im Folgenden der Einfachheit halber FM nennen werde – in eindeutiger und nicht misszuverstehender Offenheit. Unser FM schrieb dem Hersteller eine Beschwerde. „Ich schick doch das Teil nicht mit DHL zurück für 17 Euro“, sagte FM zu uns.

Die Antwort auf die Beschwerde seht Ihr hier:

„Sehr schön“, sagte ich. Schon allein die Anrede: „Lieber Freund“. So würde ich auch gerne mal angesprochen werden. Zum Beispiel von den Menschen, die sich über einen Artikel von mir beschweren wollen. „Lieber Freund, wenn sie keine Ahnung von der Materie haben, sollten Sie einfach die Finger von solchen Themen lassen.“ Bei solch einer Anrede würde ich vielleicht nicht sofort das drängende Bedürfnis verspüren, dem Schreiber mit dem nackten Hinterteil ins Gesicht springen zu wollen. Vielleicht würde ich mich bei solch einer Anrede wie „Lieber Freund“ einfach über die sehr konstruktive Kritik freuen und dann nur noch denken: Vollpfosten.

Besonders schön an der Antwort auf die Beschwerde unseres Familienmitglieds fand ich auch die Erwiderung: „Sie können diesen Artikel behalten oder als Geschenk an Ihre Freunde behandeln, die ihn geeignet haben.“ Seitdem ich diesen Satz gelesen habe, denke ich ständig darüber nach, was dieser Mensch in dem so unendlich weit entfernten Land auf dieser so großen, weiten Welt wohl gemeint haben könnte. Dass ich den Artikel an Freunde weitergeben könnte – so weit reicht mein Horizont, dass ich mir das zusammenreimen kann. Aber was meint der Chinese mit „die ihn geeignet haben“???

Noch ratloser lässt mich dieser Satz zurück: „Wir beten aufrichtig für eure herzliche Vergebung und euer Verständnis.“ Zu wem betet dieser Chinese? Zu Mao tse tung? Oder zu Xi Jinping? Allerdings könnte er ja auch Buddhist sein? Oder Moslem? Dann würde er aber vielleicht ein Uigure sein und womöglich in Xinjiang in einem Lager leben müssen. Aber wieso eigentlich er? Die Person könnte ja auch eine Frau sein, die unserem Familienmitglied da zurückgeschrieben hat. Man beachte den Namen am Anfang der Nachricht: Chayishangmaoyouxiangongsi. Aus den aneinandergereihten Buchstaben ergibt sich für einen unwissenden Mitteleuropäer nicht, ob es sich bei der Person um einen Mann oder eine Frau handelt. Oder irgendwas dazwischen. Obwohl. Ob das in China überhaupt zugelassen wäre – divers? Vielleicht sind aber auch die chinesischen Computer so weit entwickelt, dass sie Antworten auf Beschwerden selbsttätig absenden. Ohne, dass überhaupt eine menschliche Person je einen Blick darauf geworfen hat? Fragen über Fragen.

Immerhin: Die Antwort aus dem großen „Reich der Mitte“ (warum eigentlich „der Mitte“?) hat uns amüsiert. Und beschäftigt. Und mich sogar zu einer Kurzgeschichte inspiriert. Vielleicht sollte ich Chayishangmaoyouxiangongsi eine persönliche Nachricht zukommen lassen. Einen freundlichen Dank. Aber: Wer weiß, was der Google-Übersetzer aus meinen Zeilen machen würde. Vielleicht würde ja dann morgen eine Abordnung der chinesischen Botschaft vor meiner Tür stehen. Und mir androhen, dass sie erneut beten wollen. Und dann nicht für FM, sondern für mich ganz persönlich. Ich will gar nicht so genau wissen, wie das aussehen könnte. Deshalb „nur“ hier auf diesem Weg, ohne Übersetzung: Liebe(r) Chayishangmaoyouxiangongsi, bitte nehmen Sie meinen herzlichen Dank entgegen, für Ihre so wunderbaren Formulierungen. Wenn Sie sich künftig bei der Herstellung Ihrer Lampen genauso viel Mühe geben würden wie beim Schreiben solcher Nachrichten – es würde mit Sicherheit zur Verständigung unserer Völker beitragen. Ich verneige mich voller Ehrfurcht gen Osten und wünsche Ihnen und Ihrem Volk viel Weisheit, einen gesunden Menschenverstand und viel Empathie. Gerade Empathie könnte vielleicht zur Einhaltung der Menschenrechte in Ihrem so großen und mit Sicherheit fantastischen Land beitragen. Mit freundlichen Grüßen, …

Unseren FM würde ich im Übrigen empfehlen, künftig keine Produkte mehr bei A… zu bestellen. Und schon gar nicht so vermeintlich günstige Produkte aus dem Reich der Mitte.

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