Kunst trotz(t) Ausgrenzung

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Zum 100jährigen Bestehen hat die Reutlinger Arbeiterwohlfahrt eine sehr besondere Ausstellung in die Reutlinger Volkshochschule geholt

Ein alter leerer Koffer, daneben liegen Schuhsohlen. Schuhsohlen, die in der Nähe des KZ Bergen-Belsen gefunden wurden. Wer den Blick vom Boden erhebt, erkennt an einer Wand Bilder von Andreas Felger. Bruchstückhaft sind darauf Stiefel zu erkennen, Gewehre, Helme, Hitler, Hakenkreuze, Tote – das Grauen an sich. Drei Meter weiter an einer anderen Wand ein Handtuch, mit aufgedruckten Zahlen. Vergrößerte Zahlen, die Auschwitz-KZ-Häftlingen auf den Arm tätowiert wurden. Der Titel des Werks: „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ An anderer Stelle in der Reutlinger Volkshochschule hängen große Mengen an gestickten Porträts von Menschen, die einst aus- und eingewandert sind.

Auf der Rückseite hat die Künstlerin Sybille Loew die Gründe für das Weggehen aus der Heimat gestickt: Diese Gründe reichen von der Liebesheirat bis zu Terror, Krieg, Mord und „Missbrauch durch Sextouristen“.

Der Reutlinger AWO ist es gelungen, zu ihrem 100. Geburtstag eine sehr beeindruckende, an- und berührende, nachdenklich stimmende und fantastische Ausstellung nach Reutlingen zu holen, die am vergangenen Freitag offiziell in der Volkshochschule eröffnet wurde. „Es ist das Normalste in der Welt, dass Menschen ihre Heimat verlassen und andernorts wieder Fuß fassen“, sagte Andreas Pitz einleitend zu dieser Ausstellung „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“. Als Kurator hatte Pitz von der Diakonie Deutschland den

Auftrag erhalten, eine Wanderausstellung zum Thema Ausgrenzung zu erstellen. Die Werke schmücken nun mit einer unglaublich großen unterschiedlichen Vielfalt die Wände in der VHS über drei Stockwerke hinweg.

Dazu gehört auch Klaus G. Kohn. Er hat Porträts von unterschiedlichsten Menschen fotografiert. Zwei Diakonissinnen, ein muslimischer Imam, zwei Rocker, ein St. Pauli-Fußballfan, zwei homosexuelle Paare. All diese Bilder verleiten zum Nachdenken. Zum Verändern des Blickwinkels. Ebenso wie eine Bilderserie von Julia Krahn, die sich mit „Schönheitsidealen“ beschäftigt. Oder auch Georg Kleber, der in einer Wärmestube Obdachlose gezeichnet und Satzfetzen dazugeschrieben hat, die der Künstler auffing. „Schon vor hundert Jahren, als die AWO Reutlingen von Elisabeth Zundel gegründet wurde, ging es darum, Menschen am Rand auf Augenhöhe zu begegnen“, hatte Ulrich Högel als heutiger Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt in die Ausstellung eingeleitet. „Die Arbeit der AWO ist damals wie heute von enormer Bedeutung“, betonte Dr. Ulrich Bausch als VHS-Geschäftsführer am vergangenen Freitag. „Die Ausstellung ist ein Leuchtturm, um den Respekt für Menschen aufzuzeigen, um mit Kunst zur Nachdenklichkeit einzuladen.“

„Kunst darf und muss auch verstörend sein“, sagte Andreas Pitz zu den Bildern rund um das Thema Holocaust und Schoa – doch der Satz passt auch auf zahlreiche andere Werke in dieser begeisternden Ausstellung. Wie etwa die Bilder von Tammam Azzam, der auf dem Computer europäische Kunstklassiker in

die zerbombten Häuserfassaden syrischer Kriegsschauplätze projiziert. Oder der ebenfalls syrische Künstler Elijah Haider, der mit dem Bild „Manipulation“ irritierende Fragen beim Betrachter hinterlässt.

Von Birgit Helmy steht eine Skulptur in den Gängen der VHS, die nach einem Besuch im Übergangswohnheim Berlin Marienfelde entstanden ist. Die Künstlerin ist dort einer Vielzahl an schönen Frauen begegnet. Frauen, die sie auffällig an Nofretete erinnerte, jene altägyptische Königin, die von vielen so verehrt wird. „Nofretete hatte sechs Töchter, hätten sie zu einer anderen Zeit geboren auch in Marienfelde landen können“, hatte sich die Künstlerin gefragt.

Ebenfalls Porträts hat Harald Birck geschaffen. Die Büsten stehen im Erdgeschoss der VHS in der großen Eingangshalle und sind eindrucksvolle Abbilder von Obdachlosen, Geflüchteten, Gestrandeten. „

Da sehe ich aus wie ein König“, hatte laut Pitz ein Wohnungsloser gesagt, als er sein eigenes Abbild gesehen hatte. „Jetzt müssen wir drauf hoffen, dass wir die Ausstellung mit anderen Corona-Bestimmungen auch tatsächlich eröffnen dürfen“, sagte Bausch abschließend. Offiziell soll die Ausstellung bis zum 3. Juli gehen. „Vielleicht können wir auch verlängern“, hoffte Uli Högel.

INFO:

Ausstellungskatalog und vier Werke per Spende zu haben

Es gibt parallel zur Ausstellung unter dem Titel „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“ einen ebenfalls beeindruckenden Ausstellungskatalog, der gegen eine Spende zu haben ist. Ebenfalls käuflich zu haben sind vier Kunstwerke, die von der Kreissparkasse Reutlingen zur Verfügung gestellt werden. „Eingangsgebot sind je 100 Euro, es darf aber auch gerne mehr sein“, sagte Joana Pape. Wer sich für die Werke interessiert, kann sich direkt an die Öffentlichkeitsreferentin der KSK wenden, unter Tel. (07121) 331-1206 oder per Mail: joana.pape@ksk-reutlingen.de. Auch hier werden die Erlöse der AWO Reutlingen zukommen.

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