8 Endlich Bretagne – Am Ende der Welt

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Wir sind gerade aufgestanden, die Sonne strahlt über Strand, Meer und uns ins Gesicht, viele Menschen rennen schon über den Strand, einer macht dort sogar Kniebeugen, andere reiten mit Pferden dort entlang, eine Horde scheinbarer Tour-de-France-Radler radelt vorbei – so dass ich schon ein schlechtes Gewissen kriege, ob all der Sportlichkeit. Bine sagte: „Da müssen wir ganz schnell in die andere Richtung gucken.“ Kurz darauf rast eine Horde Porsche-Fahrer vorbei. Auf der Straße direkt vor unserer Terrasse. Unfassbar. Incroyable. Röhrend. Dröhnend. Ratternd. Knatternd. Mindestens 30 dieser Spezies unausrottbarer Dünnbrettbohrer. Sonntags gemeinsam Porsche-Ausfahrten machen. An die schönsten Orte der Welt. Mit geistig tiefergelegtem Rennfahrerblick hier an den Stränden vorbeijetten. Wie krank. Und das auch noch im Pulk. Noch kränker. So eine Horde ist uns ja schon mal auf den engen Straßen im Pfälzer Wald entgegengerast gekommen. Das gehört verboten, sage ich zu Bine. „Du kannst denen doch nicht das Autofahren verbieten“, meint sie. „Doch“, sage ich trotzig. Doch, das würde ich am liebsten machen. Allen Porsche- und anderen Rennautofahrern mit viel zu vielen PS. SUV-Fahrern. Röhrenden, tiefergelegten Allerweltautos, die nur eins wollen: auffallen. Alle verbieten. Und verschrotten. Okay. Okay, ich habe mich jetzt abreagiert und trinke weiter meinen Kaffee. Ganz ruhig. Ganz aufgeräumt. Und schaue aufs Meer. Auf dies Straße davor, auf der gerade gar keine Autos fahren. Wie schön. „Und außerdem wurden hier ja die Porsche-Fahrer durch den Hubbel in wenigen Metern ausgebremst“, sagt Bine. Stimmt. Krank ist das trotzdem, diese Ausfahrten im Porsche-Pulk.

Kommen wir zu wichtigeren Dingen des Lebens – gestern waren wir bei erneut herrlichem Wetter am Pointe du Raz. Oder Beg Ar Raz, wie das wohl auf bretonisch heißt. Nach rund einer Stunde Fahrt hatten wir dieses Touristenzentrum erreicht, das nach Bines Angaben vor rund 30 Jahren noch ganz anders ausgesehen hat. Ohne angelegten Parkplatz, für den wir satte 6,50 Euro zahlen mussten. Ohne die vielen Touri- und Andenken-Läden, „da war früher ganz normal einfach ein Café“, sagte Bine.

Heute glänzt da ein Informationszentrum und eine originelle Crêperie in der fast hochsommerlichen Sonne (27,9 Grad wurde angezeigt, aber wir dachten, dass es gar nicht so heiß gewesen sei, weil stets ein kühlender Wind blies). Also so ein Besucherzentrum, wie es mittlerweile an allen außergewöhnlichen Stellen dieser Welt zu finden ist. Weil ja mit solchen Menschenmengensammlungspunkten natürlich auch Kosten anfallen, um sie zu pflegen. Und weil man bei den riesigen Automassen auch Ordnungsmaßnahmen ergreifen muss. Die dann in der Form von Parkgebühren eingezogen werden. Absolut nachvollziehbar. Und in meinen Augen auch gerechtfertigt. Nur warum die Franzosen nicht einfach einen Gebührenautomaten in die Landschaft stellen können, verstehe ich nicht. Da müssen alle Autofahrer erst mit ihrem Fahrzeug zur Ausfahrt, dort bei laufendem Motor das Ticket in einen Automaten einschieben, ihn dann entweder mit einer Kreditkarte oder Geld füttern. Und nebenher läuft natürlich minutenlang das Auto. Wenn man keine Start-Stopp-Automatik hat.

Doch zurück zu Beg Ar Raz. Wir befinden uns ja jetzt quasi am Arsch der Welt, sagte ich zu Bine. Also am äußersten Punkt der Bretagne. Und danach kommt in Richtung Westen nichts mehr. Also nichts anderes mehr als Wasser. Atlantik. Kein Land mehr bis Amerika. Eine fast schon ein wenig unheimliche Vorstellung. Wie mussten sich die Menschen beim Blick auf das Meer vor Jahrhunderten gefühlt haben, als sie noch dachten, dass die Erde eine Scheibe ist?

„Beg Ar Raz heißt ja auch Arsch der Welt“, sagte Bine zu mir. Ich schaute sie ungläubig an. „Echt“, sagte ich. Und glaubte ihr tatsächlich. Zweifel kriegte ich erst, als wir später am Tag beim Beg ar Van waren. Bei einer kleinen Kirche auf der anderen Seite der Bucht, an der jener Pointe du Raz sich findet.

Quasi direkt gegenüber. Was sagt mir das? Ich sollte nie so leichtgläubig sein. Später habe ich nachgesehen, wie der Arsch der Welt tatsächlich auf französisch heißt: en pleine cambrousse. „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“. Oder: „Mitten in der Pampa.“ Oder eben: „Am Arsch der Welt.“ Die Landschaft dort am westlichen Ende Europas ist berauschend. Eine extrem felsige Steilküste. Wenn dort das Meer mal so richtig tobt, sagt Bine immer mal wieder, dann geht es aber so was von ab. Bei unserem bisherigen zweiwöchigen Urlaub war das Meer immer sehr zahm. Quasi handzahm. Größere Wellen haben wir hier noch keine gesehen. Geschweige denn, dass sich das Wasser hier gegen die Küste werfen würde. Mit aller Macht. Nö. Egal.

Heute sind wir mal die andere Küstenseite hinaufgefahren, wir wollten zum Pointe du Bellec laufen. Auf dem Küstenweg entlang, den es dort gibt. Rund fünf Kilometer wären das gewesen. Einfache Strecke. Nach rund einem Kilometer gaben wir auf. Es wurde ziemlich unwegsam, ziemlich warm und wir überlegten, umzudrehen und dann mit dem Auto an den Pointe zu fahren, von dieser Stelle aus noch ein wenig zu laufen. Wir kamen dann an einem anderen Fleckchen Erde heraus, liefen am Flüsschen L’Aber ein wenig. Das war sehr nett, das Wasser glitzerte einmal mehr unglaublich. Als wir auf der Rückfahrt ziemlich kreuz und quer durch die winzigen Straßen kurvten, wir irgendwann gar nicht mehr so genau wussten, wo wir waren, zeigte ich mich etwas genervt. Bine auch, weil ihr Handy immer mal wieder kein Netz hatte und sie eh die falsche Brille auf der Nase trug. Wir fuhren also ziemlich orientierungslos durch die Gegend. Letztendlich waren wir froh, als wir wieder in der Ferienwohnung ankamen. Bis dorthin erlebten wir allerdings an der Straße zwischen Saint Nic und Lestrevet ein unglaubliches Szenario: Hunderte Pkw und Wohnmobile reihten sich rechts und links der Fahrbahn entlang. Ein völlig verrücktes Bild, denn bisher waren da ganz vereinzelt mal Autos zu sehen.

Und jetzt, kurz vor Sonnenuntergang gehen wir noch ein wenig an den Strand. Wird mit Sicherheit wieder unglaublich. Mit Farben von tieflila, also quasi deep purple bis zu knalligem Orange und allen möglichen Gelb- und Rottönen. Wie zum Malen gemacht. Oder wie gemalt. Wie auch immer.

Vielleicht eine halbe Stunde später sind wir schon wieder zurück. Frisch war’s. Sehr frisch sogar im Vergleich zu den sommerlichen Temperaturen heute den ganzen Tag über. Trotz alledem war der Strandspaziergang wieder herrlich. Wie immer wieder wunderbar. Dieses Laufen am Strand. Den Sand unter den nackten Füßen, das kühle Wasser des Meeres spüren, mit dem Blick über den scheinbar endlosen Strand und über das noch viel endlosere Meer. Diese Weite, die von nichts aufgehalten wird. Kein Baum, kein Strauch, Haus, Berg, Hügel. Nur Weite. Dazu das beständige Rauschen der Wellen in den Ohren. Das Rauschen, das nie aufhört. Das mal stärker, mal schwächer heranbraust. Aber immer da ist. Und dann den Wellen zuschauen, wie sie unablässig heranrollen – als würden sie vom Strand angezogen. Oder von der anderen Seite des Atlantiks losgesandt? Um hier auf dem Sand auszulaufen. Ganz gemütlich. Gemächlich. Von Trump-Land kommend? Kaum vorzustellen, dass das so sein könnte. Um das Bild hier am Strand zu vervollkommnen, dürfen natürlich die Möwen nicht fehlen. Die sind am Strand überall gegenwärtig. Sie laufen zunächst vor uns weg, mit ihren tippelnden Schritten, fliegen dann aber auf, wenn wir ihnen zu nahe kommen. Und wenn dann noch die Sonne untergeht, dann ist das Szenario der Besonderheiten perfekt. Wenn die Sonne dunkelgelb oder tiefrot am Horizont versinkt. Und dann regelrecht eine Explosion der Farben nach sich zieht. Jeden Abend wieder. Jeden Abend anders. Je nachdem, ob Wolken am Himmel hängen. Und abhängig davon, wo sie sich befinden. Wenn die Wolken beispielsweise einen Spalt am Horizont lassen, durch die die Sonne dann ihre Strahlen schickt und die Wolkenpracht von unten anstrahlt. Das ist der pure Wahnsinn. Allerdings kann die sinkende Sonne auch bei absolut wolkenlosem Himmel ein unglaubliches Farbenspektrum entwickeln, das sich von Minute zu Minute wandelt. Wenn das jemand malen wollte – ein Ding der Unmöglichkeit. Weil sich der Himmel ja von Sekunde zu Sekunde verändert. Aber, dass Maler seit Jahrhunderten von diesem Schauspiel angelockt werden, das wird in vielen Büchern beschrieben. Zurecht, denn das ist ein wahrlich unglaublich schönes Spektakel. Und dass wir hier in der Ferienwohnung sitzen können und jeden Abend dabei zusehen dürfen, ist noch schöner.

Schwer vorstellbar, dass wir in einer Woche dieses Schauspiel nicht mehr erleben können. Und selbst, wenn der Himmel bewölkt wäre, so wie wir es ja auch schon ein paar wenige Tage erlebt haben – selbst dann ist das Meer völlig faszinierend. Ich hatte es ja schon beschrieben: Wenn das Grau von Wolken und Meer sich verwandeln. Ebenfalls von Minute zu Minute. Wenn Nebel aufzieht und vom Meer fast nichts mehr zu sehen ist. Wenn Meer und Wolken eine Einheit zu sein scheinen, Nein, nicht nur zu sein scheinen, sondern tatsächlich sind. Eine unergründliche undurchdringliche graue Ursuppe. Die alles verschlingt. Die selbst das Meeresrauschen zu verschlucken droht. Bedrohlich, beängstigend könnte all das wirken. Wenn nicht in den nächsten Minuten sich die Szenerie schon wieder verändert hätte. Wenn das Grau des Himmels heller wird und das Grau des Meeres dunkler. Oder andersherum. Und dann – ein völlig unerwartetes Loch in der undurchdringlichen Suppe. Ein Sonnenstrahl drängt sich hindurch, bescheint einen unbestimmbaren Fleck im Meer. Ein Segelboot. Oder strahlt auf dem Land ein einziges Haus an, das dann aus der Landschaft hervorsticht, so wie wir es in Morgat erlebt haben. Ein trüber Tag war das. Aber dann mit diesen strahlenden Besonderheiten. Schön.

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