Wir waren in Pfullingen unterwegs, unterhalb der Unterhos‘,
so heißt der Turm, der das Wahrzeichen der Stadt darstellt.
Die Suche nach Erkenntnis leitete uns, denn: Einiges läuft schief in dieser Welt, wir wollten wissen, warum.
Wir hatten vom Baum der Erkenntnis gehört und pilgerten zu ihm hin, zum One Tree Hill. Zum Georgenberg.
Was wir uns davon versprochen hatten?
Blühende Landschaften?
Eins wussten wir sicher: Der Weg hinauf zu diesem einzigartigen Baum war steil. Sehr steil.
„Geht doch, ihr Reutlinger“, schrie uns dieses Transparent in Pfullingen förmlich an.
Und wir gingen. Wir kamen an manchem Obstbaum vorbei, doch bei denen fehlte die Erkenntnis.
Dann endlich: „Das muss er sein“, rief ich Bine zu. „Nimm den Apfel“, hörte Bine eine sehr tiefe, lockende, irgendwie teuflische Stimme.
Doch Bine weigerte sich. „Womöglich öffnet sich dann die Erde und verschlingt mich“, sagte sie.
„Oder der Apfel verfault sofort in meiner Hand, wie all die anderen hier.“
Oder er vertrocknet, wie diese Pfullinger Ananas. Oder heißt das Ananässe?
Egal. Bine ließ es sich stattdessen in einem Zwetschgenbaum gutgehen. „Viel besser“, rief sie.
„Halleluja“, schrie ich. „Du bist am Baum der Erkenntnis vorbeigegangen, wir können im Paradies bleiben.“
Ich vollführte einen Freudentanz direkt neben dem Baum der Erkenntnis.
Hat der nach mir getreten? Fast war ich aus dem Gleichgewicht geraten.
Etwas derangiert lief ich zunächst in die falsche Richtung.
„Hier lang“, rief mir Bine zu, die sich den Berg hinaufkämpfte.
Wir erreichten einen kleinen Weinberg, vom Albverein angelegt.
Prächtige Trauben lachten uns an. Wir konnten nicht widerstehen.
Uns wurde ein wenig schwummrig. Erschöpft ließen wir uns auf dem Gipfel nieder,
gleich gegenüber der Achalm, dem Reutlinger Hausberg.
„Guck“, rief Bine. „Da stehts ganz deutlich.“ Es war, als ob sich ein Vorhang geöffnet hatte:
„Wir wohnen da, wo andere staunen.“ Seltsam. Hatte uns doch die Erkenntnis ereilt? Wir blickten wie durch ein Mikroskop auf Reutlingen
hinunter. Und staunten. „Das IHK-Gebäude“, sagte ich. „Hm“, sagte Bine.
„Guck da, die Tonne, da wohnt doch der Grieche, der Dings, Diogenes, oder“, fragte Bine.
„Nein, das ist unser Theaterhaus“, sagte ich. „Klugscheißer“, meinte Bine.
„Aber guck da unten, wie schön, direkt an der Echaz, gleich beim Busbahnhof – ein Kleinod mitten in der Stadt.“
Wir winkten der Echaz vom Georgenberg aus zu, „könnte mehr Wasser drin sein“, sagte ich.
Unser Blick wanderte weiter: „Oh, schau, der Rosengarten in der Pomologie, auch schön.“
„Und natürlich das Tübinger Tor, herrlich.“
Nicht weit davon entfernt, das Wasserspiel im Bürgerpark. Wie schön.
Der Vorhang schloss sich vor unseren Augen – es wurde Zeit, den Heimweg anzutreten.
„Hast du was gemerkt“, fragte Bine beschwingt.
„Ich glaub, wir haben doch Erkenntnis erlangt“, sagte sie. „Die Erkenntnis, dass wir es in Reutlingen
echt schön haben“, sagte sie
und stieg die steilen Treppen hinunter.
Eigentlich war die Erkenntnis an diesem Tag nichts Neues. Wir wussten ja schon lang: „‘s isch echt schee hier bei uns.“ Warum so vieles falsch läuft in dieser Welt, haben wir zwar nicht erfahren. Aber wir sind ja auch noch nie im Paradies gewesen.