Gegen Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht – Zahlreiche Aktionen zum Antikriegstag in Reutlingen

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Demonstration auf dem Marktplatz und Vorträge in Spitalhof sowie in der VHS zum Antikriegstag am 1. September

 Am 1. September 1939 hatte Nazi-Deutschland Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg begonnen. Am 1. September 1957 wurde zum ersten Mal zu einem Antikriegstag in Frankfurt auf dem Römerberg aufgerufen, 5.000 Jugendliche waren gekommen. Am vergangenen Dienstag wurde in Reutlingen erneut zum Antikriegstag aufgerufen – mit einer Vielzahl an Aktionen, Demonstrationen und Vorträgen.

Start war um 16 Uhr auf dem Marktplatz mit rund 120 Demonstrierenden. Katrin Lütjens vom Bündnis für Menschenrechte betonte als Hauptorganisatorin: „Mit dem Überfall auf Polen wurde unsägliches Leid über die Welt gebracht, zwischen 60 und 80 Millionen Tote waren das Ergebnis.“ Grund genug also, um sich immer wieder gegen Krieg und für Frieden auszusprechen? „An Krieg verdienen nur die Mächtigen oder die Rüstungsindustrie“, so Lütjens.

„Kriege sind immer die Niederlage von Diplomatie“, sagte DGB-Regionsgeschäftsführer Frank Kappenberger. Stefan Schwarzer umrahmte die Aktion auf dem Marktplatz mit eigenen Liedern wie „Mein Friede“ oder seiner Fortsetzung von Reinhard Meys „Meine Söhne geb‘
ich nicht“. Als Pfarrer der Reutlinger Citykirche und Friedensbeauftragter der Evangelischen Landeskirche richtete Schwarzer aber auch eine eindeutige Forderung an die Politik: „Rüstet nicht endlos auf.“

Zu Wort kam auch die Jugend, Juri und Harris sprachen sich eindeutig gegen die Wehrpflicht aus: „Wir sollen in den Krieg ziehen, damit die Männer in den Konzernzentralen noch mehr Profite einstreichen“, so Juri. „Wir kämpfen gegen eine Politik der Reichen.“

Harris ging auf einen weiteren Aspekt ein: „Wenn ihr keine Flüchtlinge haben wollt, dann schafft keine Gründe, dass die Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen.“ Sein Fazit: „Die Politik wendet sich nur an uns, wenn wir in den Krieg ziehen sollen.“

Am Rand des Marktplatzes hatten Frauen Origami-Friedensvögel gebastelt, nach rund einer Stunde zogen die Demonstrierenden weiter in den Spitalhofsaal: Dort konnten sich die Interessierten mit Menschen aus kriegsbetroffenen Ländern unterhalten. Der Chor „Zwischentöne“ sang Friedenslieder und Pfarrer Jörg Barthel von der Initiative Christlicher Friedensruf hinterfragte kritisch die politischen Argumente zur Aufrüstung.

Die Antwort, die Frank Kappenberger auf dem Marktplatz und am Dienstagabend in der Reutlinger Volkshochschule auf Einladung von Verdi gab, war eindeutig: „Es braucht mehr Diplomatie, immer mehr Waffen schaffen keinen Frieden.“ Außerdem fehle jeder Euro, der in die Rüstung geht, an anderen Stellen im Staat. Auch der DGB-Funktionär sprach sich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht aus.

Hauptrednerin Setareh Radmanesh betonte an diesem Abend in der VHS als Philosophin und Sozialwissenschaftlerin: „Wir senden Waffen in die Ukraine und arbeiten an unserer eigenen Kriegstüchtigkeit.“ Das Vorgehen entspreche einer „überholten Denklogik, dass man erst Kriege führen können muss, um danach Frieden zu schaffen“. Die Exil-Iranerin sprach von den Traumata von Kriegsüberlebenden, die sich über Generationen hinaus weitervererben. Neben den Investitionen in die „Kriegstüchtigkeit“ werde gleichzeitiges massiv am Sozialen gespart. „Macht es uns friedenstauglich, wenn wir an uns selber sparen“, fragte sie.

Die Ukraine sei zu einer „unkoordinierten Spielwiese“ für modernste Waffengattungen und Rüstungskonzerne geworden, die allesamt Gewalt, Tod und Zerstörung bringen. Ähnliches gelte für den Iran, nach sechs Monaten Krieg in ihrem einstigen Heimatland „geht es den Menschen dort deutlich schlechter als vor dem Eingreifen von USA und Israel“.

Doch wie sehe nun die Konsequenz aus, „wie kann man Frieden anstoßen“, fragte Radmanesh. Ihre Antwort: Die Politik müsse „den Sicherheitsbedarf anderer Staaten ernst nehmen und anerkennen – sonst werden sie zurückschlagen“. Irgendwer müsse in diesen Konflikten den ersten Schritt machen.

Für die Menschen an der Basis forderte Setareh Radmanesh „Ehrlichkeit, eine ernsthafte, respektvolle Konflikt- und Dialogkultur und vor allem Empathie untereinander, aber auch gegenüber Flüchtlingen“. Bei der anschließenden Diskussion wehrte sich Jonas Weber als Verdi-Bezirksgeschäftsführer gegen den Vorwurf, dass die Gewerkschaften im Friedensdialog nichts unternehmen würden. „Die heutige Friedensbewegung ist eine ganz andere als die vor mehr als 40 Jahren – aber ich sehe hier bei den Veranstaltungen viele von den Leuten, die damals schon demonstriert haben.“ Was stimmte – die Zahl der Weißhaarigen überwog sowohl in der VHS wie auch auf dem Marktplatz deutlich.

Ob Radmanesh denn eine Möglichkeit sehe, die kriegführenden Parteien zum Dialog an einen Tisch zu kriegen, fragte ein Gast in der VHS. „Auf diese Frage habe ich gewartet, sagte die Sozialwissenschaftlerin. Es brauche eine starke Friedensbewegung, „ohne den Druck von unten geht es nicht“. Die Jugend müsse in ihrem Bemühen gegen eine erneute Wehrpflicht unterstützt werden. Lara von der Verdi-Jugend hatte die Hauptaussage ihres Vortrags auf ihrem T-Shirt stehen: „Wir sterben nicht in euren Kriegen.“

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