Schweinehaltung unter aller Sau – Aktion von Tübinger Tierschutzgruppen

0

„Act for Animals“ und „Vegane Hochschulgruppe Tübingen“ demonstriert am Samstag in einer 24-Stunden-Aktion auf dem Holzmarkt gegen den Kastenstände in der Schweinezucht

 Viele Menschen flanierten am Samstagnachmittag durch die Tübinger Innenstadt. Als sie Elena Suck in dem seltsamen Gitterstall auf dem Boden sitzen sahen, blieben einige verwundert stehen. Manche suchten das Gespräch. Andere äußerten sich abfällig, sexualisiert, dumm, „so als ob ich gar nicht da wäre“, sagte die 24-Jährige von der Veganen Hochschulgruppe Tübingen.

Suck saß dort auf dem Holzmarkt, direkt vor der Stiftskirche St. Georg. Die junge Frau wurde von vielen Seiten beobachtet, was machte sie da, in diesem seltsamen Stall? „Das ist ein Kastenstand“, erläuterte Fabian Hönig von Act for Animals. Darin werden Muttersauen gesteckt, wenn die Besamung ansteht. Bis zu fünf Wochen liegen sie dort, bis klar ist, ob die Sauen trächtig sind. „Eigentlich müssten sie dann in die Gruppenhaltung, raus aus dem Kastenstand.“

Eigentlich. Wenn das tatsächlich geschieht, kommen die Muttersauen dennoch eine Woche vor dem Abferkeln wieder in diesen Gitterkasten, „dort bleiben sie dann bis zu vier Wochen, bis die Ferkel abgesäugt sind“, so Hönig. Die Jungtiere kommen dann in den Mastbetrieb, „die Sau wird gleich wieder besamt“. Unglaublich. Nach 230 Tagen werde ein weibliches Tier erstmals besamt, „das geht bis zu 2,5 Jahre so, jedes Jahr mehrmals, dann lässt die Wurfleistung nach“, betont Fabian Hönig.

In diesem Kastenstand kann sich eine Muttersau kaum bewegen, sie liegt einfach wochenlang nur da, in ihrem eigenen Kot und Urin, sie füllt den Käfig fast komplett aus. „So eine hochgezüchtete Sau wiegt zwischen 150 und 300 Kilogramm.“ Bis zu 16 Ferkel kann so ein Mutterschwein zur Welt bringen. Einige sind sehr schwach, sie überleben diese grausame Kastenhaltung nicht. Beim Kampf um die Zitzen geht es nicht zimperlich zu, die Konkurrenz ist groß.

Wie kam Elena Suck auf die Idee, sich 24 Stunden in diesem Stall zu präsentieren? „Ich habe einen Film von 2023 über Schweinehaltung gesehen und mir sofort gedacht, da muss ich was tun“, berichtete die 24-Jährige. „Es geht darum, diese Art der Tierhaltung zu veranschaulichen.“ Natürlich kann die 24-Jährige sich in dem Kastenstand einigermaßen komfortabel bewegen, sich drehen, die Beine ausstrecken – und im Notfall auch zur Toilette gehen. Sie muss nicht in ihren eigenen Exkrementen liegen.

Wie die Reaktionen der Passanten waren? Manche hätten gesagt: „Lasst doch die junge Frau aus dem Käfig raus.“ Andere seien sehr betroffen gewesen über die Zustände bei der Schweinehaltung und insbesondere bei den Muttersauen. „Dabei hat jede und jeder dreimal täglich die Möglichkeit, sich zu überlegen, ob er oder sie tierische Produkte essen will“, betonte Hönig. Die Haltung von Rindern, Hühnern, Puten sei meist nicht viel besser.

Der Kastenstand sei in anderen Ländern zum Teil schon seit vielen Jahren verboten, in der Schweiz etwa, in Schweden und Großbritannien.

„Schweine haben ein sehr gutes Geruchsempfinden, wenn sie in ihren Exkrementen liegen, ist das für die Tiere höchst unangenehm“, sagte Fabian Hönig. Die Ferkel werden kurz nach der Geburt kastriert, die Eckzähne abgeschliffen und die Schwänze kupiert. Seit 2021 dürfe das nur noch unter Betäubung geschehen – vorher nicht. Eigentlich dürften Muttersauen maximal 5,5 Monate pro Jahr in solchen Kastenständen verbringen müssen, so Hönig.

„Die Tiere haben keine frische Luft, keine Sonne, das ist kein Leben“, betonen Fabian Hönig und Elena Suck. Was oft beobachtet werde: Dass Schweine in die Stangen ihrer Ställe beißen. „Das ist eine Verhaltensstörung, da drehen die Tiere durch“, so Hönig. Dabei sei der IQ eines Schweins mit dem IQ eines dreijährigen Kindes vergleichbar. Die Tiere bräuchten dringend Beschäftigung. Die sie nicht bekommen.

Die Aktion auf dem Tübinger Holzmarkt hatte ihren Zweck erreicht, viel Aufmerksamkeit erregt. „Wir haben zwölf Schichten mit je zwei Stunden eingeteilt, 15 bis 20 Aktivisten waren beteiligt.“ Nur eine blieb 24 Stunden in dem Kastenstand. Was Suck so erlebt hat in den ersten vier Stunden? „Viele Leute waren sehr erschrocken, sie wüssten nichts über den Kastenstand.“ Viele andere Passanten hätten sofort zugemacht und sagten: „Ihr übertreibt doch.“

Doch die Aktiven hatten nicht übertrieben, die Zustände in der industriellen Tierzucht in Deutschland sind sozusagen „unter aller Sau“. Elena Suck sagte: „Meine Motivation, hier 24 Stunden auszuhalten, ist gut und groß – weil die Zustände in der Schweinehaltung einfach schrecklich sind.“ Es fühle sich gut an, „was dagegen zu tun und aufzubegehren“.

Share.

Comments are closed.