Ausstellung im Tübinger Anatomischen Istitut über Leichenbeschaffung vor und während der NS-Zeit

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Schon mal im „Anatomischen Institut“ in Tübingen gewesen? Selbst ich, als häufiger „Gast“ im Landgericht, hatte bis gestern keine Ahnung, dass dieses Institut der Universität sich in direkter Nachbarschaft von Landgericht und Gefängnis am Österberg befindet. Eine besondere Ausstellung ist derzeit in dem Institut zu sehen. Der Titel lautet „Entgrenzte Anatomie“. Dabei geht es um die Arbeit in dem Institut vor und während der NS-Zeit, wie sich die Forschung damals verändert hat.

Klar dürfte zuvor jedoch sein, dass ohne die Forschung am Menschen die stetig zunehmenden Fortschritte in der Medizin nicht möglich gewesen wären. Schon vor der Antike habe es „Körperwissen“ gegeben, ist in der Ausstellung nachzulesen. Wesentlich detailliertere Beschreibungen von menschlichen Organen und Muskeln gab es ab dem 16. Jahrhundert – die Zustimmung der Kirche kam schon vorher: „Kurz nach ihrer Gründung erlaubte der Papst der Universität Tübingen, Hingerichtete zu ‚zerteilen‘ unter der Voraussetzung einer angemessenen Bestattung.“

Um 1700 herum „begannen Mediziner, Organe und andere sterbliche Überreste zu sammeln“. Herzog Karl Eugen versuchte 1763 per Erlass, „die Zahl an Leichen für Forschung und Lehre zu erhöhen. Fortan waren abzuliefern: Hingerichtete, verstorbene Obdachlose und unehelich geborene tote Kinder“.

Bis 1934 wurden die Leichen für die Anatomie vor allem unter den Ärmsten der jeweiligen Gesellschaften gefunden, aber auch unter „Hingerichteten und Exekutierten, Kriegsgefangenen, durch Suizid Verstorbene“. Mit dem NS-Staat änderte sich das: Neben den Leichen von „Insass:innen von Heil- und Pflegeanstalten kamen vor allem Hingerichtete sowie osteuropäische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen in die Anatomie“. Die sogenannte „Armenanatomie“ verwandelte sich in eine „Rassenanatomie“. Sehr junge sowjetische Kriegsgefangene und polnische Zwangsarbeiter:innen markierten den Beginn der ‚Rassenanatomie‘ in Tübingen.“ Das hatte mehrere Vorteile für die Wissenschaft: Nun standen deutlich mehr Leichen zur Verfügung – und sie waren zudem noch deutlich günstiger zu beschaffen.

Doch damit nicht genug des Grauens: In Auschwitz etwa wurden Menschen ermordet, damit sie in der anatomischen Forschung „verwendet“ werden konnten. Ebenso im KZ Natzweiler.

Insgesamt habe es „an der Universität Tübingen kaum Widerstand gegen die nationalsozialistische Durchdringung von Forschung und Lehre“ gegeben. „Biologistische Konzepte rückten in den Mittelpunkt, Rassenkunde avancierte zur Leitwissenschaft.“

„Ab 1937 betrieben der Psychiater Hermann Hoffmann (1891-1944) und der Anatom Robert Wetzel (1898-1962) als Doppelspitze die Umgestaltung zur ‚Führeruniversität‘. Die Medizin gewann auf Kosten der Theologie an Macht.“

Gruselig, aber sehr anschaulich sind die Leichentücher, die in einem Vorraum vor dem Ausstellungsort, im Gang des Anatomischen Instituts, im Obergeschoss zu sehen sind.

Wichtig und eindrücklich sind die Hinweise auf ein paar wenige der Leichen, die im Anatomischen Institut „gelandet sind“. Denn: „Hinter allen Humanpräparaten der anatomischen Sammlung stehen Menschen – mit individuellen Lebensgeschichten und unterschiedlicher Herkunft. In der Anatomie wurden sie zu ‚Material‘.“ Die ausgesuchten Biografien sollen die Individualität wieder sichtbar machen. „Gemeinsam ist allen, dass sie sich zu Lebzeiten am Rand der Gesellschaft bewegten. Ihnen fehlten finanzielle Ressourcen, die eine Abgabe an die Anatomie hätten verhindern können. In der NS-Zeit lösten rassistische Normen die bisherigen Auswahlkriterien ab.“

In der Ausstellung angeführte Menschen mit ihren Biografien sind etwa:

Franciszek Gacek, (geb. 1914, hingerichtet 1942), nach dem Überfall auf Polen kam er als Zwangsarbeiter nach Deutschland, in Mannenweiler wurde er wegen „Rassenschande“ denunziert, am 23. April 1942 von der Gestapo in einem Wald erhängt.

Ludwig Colab, (geb. 1922 in Krakau, enthauptet 1944), als polnischer Soldat bei Luxemburg geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Als Zwangsarbeiter kam er nach Backnang, wo er 1944 bei einem Einbruch erwischt wurde. Wegen „volksschädlicher Verbrechen“ wurde er zum Tode verurteilt. „Am 24. August 1944 in Stuttgart wird er enthauptet, noch am gleichen Tag wird seine Leiche in die Tübinger Anatomie gebracht. Dort wird sie nach dem Krieg im Wintersemester 1946/47 in einem Präparierkurs verwendet.“

Rudolf Langendorf, (geb. 1894 in Hausen im Wiesental, hingerichtet 1942 in Stuttgart), „der Mannheimer Kaufmann gehört zum kommunistischen Widerstand. Auch nach mehrmaliger KZ-Haft arbeitet er weiter im Untergrund gegen den NS-Staat. Zusammen mit Georg Lechleiter gibt er den illegalen ‚Vorboten‘ heraus. Er wird verhaftet und mit 13 anderen Mitgliedern der Gruppe am 15. September 1942 in Stuttgart hingerichtet.“

Wilhelm Sutter, (geb. 1862 in Murrhardt, gest. 1938 in der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried), „nach einer abgebrochenen Schuhmacherlehr lebt er als Bettler. Das bringt ihn ins ‚Arbeitshaus‘, insgesamt mehr als sechs Jahre. Es folgt eine Odyssee durch Heil- und Pflegeanstalten, aus denen er immer wieder flieht. 1930 wird er wegen schwerer Körperverletzung verurteilt, aber in die Heil- und Pflegeanstalt Schussenried eingewiesen. Dort stirbt er nach acht Jahren. Die Familie kommt für seine Beerdigung nicht auf, die Leiche wird in der Tübinger Anatomie abgeliefert. Die übergibt die Leiche an die Kolleg:innen in München.“

Luise Bitsch, (geb. 1894 in Oberharmersbach, gest. 1937 bei Ulm), „die finanzielle Situation der Familie ist prekär. Als der Dachstuhl des Hauses 1936 abbrennt, wird die Mutter von vier Kindern wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrug zu 14 Monaten Zuchthaus verurteilt. Vorzeitig entlassen begeht sie auf dem Heimweg Suizid. Trotz der Bitte ihres Mannes, sie beerdigen zu dürfen, wird ihr Körper in die Tübinger Anatomie gebracht. Wegen ‚Zersetzung‘ wird die Leiche dort aber nicht verwendet, sondern am 17. September 1937 begraben.“

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