Jugend- und Drogenberatung berichtet über die Arbeit in Reutlingen – 21. Juli ist internationaler Gedenktag für verstorbene Drogennutzer
Am 21. Juli ist der Internationale Gedenktag für verstorbene Drogennutzer. Seit 1990 sind in Deutschland mehr als 50.000 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen gestorben, sagt Nathalie Dennenmoser von der Reutlinger Jugend- und Drogenberatung im Gespräch mit unserer Zeitung. In Reutlingen waren es nach den Angaben der Diplompädagogin im vergangenen Jahr sieben Drogentote.
Eines sei dabei klar: Ohne die Hilfe und Unterstützung der Beratungsstelle wären mit Sicherheit mehr Menschen an den Folgen von Drogenmissbrauch gestorben. Ein Weg, um den Menschen zu helfen, sei die Substitution, also die Versorgung der Abhängigen mit Drogenersatzstoffen wie Methadon oder Codein. Allerdings klemme es an dieser Stelle enorm: „Wir bräuchten dringend mehr Arztpraxen, die unsere Klienten substituieren, vor allem im ländlichen Raum.“
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr fast 600 Klientinnen und Klienten von der Jugend- und Drogenberatung betreut. Zuständig ist die Stelle in der Albstraße für Jugendliche bis 24 Jahre, die Alkohol- oder Medikamentenprobleme haben, spiel-, medien- oder pornosüchtig sind. Betreut werden durch die insgesamt elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstelle auch Erwachsene, die illegale Drogen konsumieren.
Im Kontaktcafé Panto in Reutlingen kommen einige von den insgesamt 150 „Substituierten“ zusammen – „viele sind körperlich krank und psychisch belastet“, so die Drogenberaterin. Die Café-Besucher seien meist zwischen 45 und 70 Jahre alt. „Hier haben sie eine Anlaufstelle“, sagt Nathalie Dennenmoser.
Allerdings nehme die Zahl der „Systemsprenger“ zu, „die Zündschnur wird kürzer, weil die gesamtgesellschaftlichen Probleme auch bei unseren eh schon belasteten Klienten ankommen“. An den zwei Öffnungstagen mit jeweils drei Stunden pro Woche stieg die Zahl der Kontakte 2025 von 983 auf 1.014. „Der Frauenanteil sinkt dabei seit Jahren“, so Dennenmoser. „Es gibt bei uns Leute, von denen nicht einmal die Ehefrauen wissen, dass sie substituiert sind.“ Ein mehr oder weniger „normales Leben“ sei mit den Ersatzstoffen möglich – weil die Beschaffungskriminalität, die tägliche Hatz nach der Droge entfällt.
Insgesamt habe die Zahl der Kokainkonsumenten sich in Reutlingen im vergangenen Jahr fast verdoppelt, von 49 auf 86 Personen. Ein starker Anstieg (von 95 auf 133 Personen) finde sich auch bei den Menschen, die nicht nur von einer Substanz abhängig sind, sondern gleich von mehreren. Darunter Kokain, Heroin, Medikamente, synthetisch produzierte Opioide. Diese synthetischen Drogen oder Medikamente seien ein Riesenproblem, sagt Nathalie Dennenmoser. Bereits geringe Mengen davon könnten tödlich sein.
Nachdem die Taliban in Afghanistan den Mohnanbau verboten hätten, sei die Anzahl der synthetisch hergestellten Drogen aus illegalen Laboren irgendwo auf der Welt drastisch angestiegen. „Wenn mal wieder größere Mengen Heroin auf den Markt kommen, steht immer die Frage im Raum, ob das synthetische Drogen sind.“
Erschwert werde die Arbeit der Drogenberatung laut Dennenmoser eh schon durch die Sparzwängen der vergangenen Jahre – die Stellenzahl musste auch in Reutlinger reduziert werden. Hinzu komme nun bei den geplanten Einschnitten im Gesundheitssystem, dass nur noch Gruppenangebote („Pooling“) vorgesehen sein sollen. Die Pädagogin denke dabei an eine junge Frau mit schlimmen Gewalterfahrungen – Einzelfallhilfe müsse gerade in solchen Fällen weiterhin möglich sein.
Obendrein „haben wir nicht die Kapazitäten, um für unsere Präventionsarbeit in Jugendhäuser zu gehen“. Die Aufklärungsarbeit in Schulen werde zwar fortgesetzt, „das ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein“. Groß sei auch der Ruf nach Informationen über „Vapes“ – „wir können die nicht bedienen, dabei sind die E-Zigaretten mit all ihren Zusatzstoffen noch gefährlicher als normale Zigaretten“.
Zur Arbeit der Jugend- und Drogenberatung gehöre in Reutlingen zudem die Betreuung Angehöriger von Drogenabhängigen – schließlich beeinflusse die Drogensucht die ganze Familie. „Um Kinder können wir uns aber kaum kümmern, da gibt es dann Kooperationen mit dem Reutlinger Verein ‚Menschenkinder‘.“
Was weiter dringend gebraucht werde, um noch effektivere Hilfe für Drogennutzer zu leisten? „Drogen-Monitoring“ etwa. Das bedeutet, der Drogenmarkt müsse beobachtet und Süchtige gewarnt werden, wenn wieder neue, synthetische Stoffe auftauchen. In Ulm gebe es einen Modellstandort dafür, „wir warten noch auf grünes Licht der Landesregierung“, so Dennenmoser. Das „Drug-Checking“ werde ebenfalls gefordert, also dass an neutraler Stelle gekaufte Drogen auf die Inhaltsstoffe getestet werden könnten.
Was sich grundsätzlich ändern müsste? „Es bräuchte mehr Menschlichkeit im Umgang mit den Drogenabhängigen“, betont Nathalie Dennenmoser. Klar sei nämlich, dass „jede Sucht seine Geschichte hat“. Und: Es könne jede und jeden treffen. Gerade deshalb müssten die Berührungsängste der Gesellschaft gegenüber Drogenabhängigen abgebaut werden.