Timo D. ist heute 50 Jahre alt, über Jahrzehnte hinweg war er drogenabhängig, kriminell, schwerstkrank und mehrfach im Gefängnis – Seit 2011 ist er clean
Es ist nicht einfach, einen ehemaligen Drogenabhängigen zu finden, der über sein Leben berichten will. Doch der 50jährige Timo D. hat erstaunlicherweise kein Problem, über seine Abhängigkeit, sein Abrutschen in die Kriminalität, seine Gefängnisaufenthalte und über all seine Krankheiten zu berichten. „Das Thema ist bei mir durch, seit der Geburt meiner Tochter bin ich clean“, sagt er heute. 2010 war das, seitdem ist er substituiert.
Doch sein Leben sah viele Jahre lang ganz anders aus. „Meine Kindheit war nicht schön“, sagt Timo D.. Von der Mutter wurde er zum Vater geschickt, von dort zur Oma und wieder zurück. Gewalt war an der Tagesordnung, „als Alkoholikerin kam meine Mutter auf die tolle Idee, eine Kneipe aufzumachen“. Timo selbst war da in der fünften Klasse.
So richtig habe sich niemand um ihn gekümmert, dennoch schaffte er einen Schulabschluss und danach sogar eine Lehre. Wenn auch mit Ach und Krach. „Mit 17 bin ich zuhause rausgeflogen.“ Er kam zu einem Bekannten und mit Heroin in Kontakt. „Ich habe das geraucht, wenn ich dann morgens aufgewacht bin, ging es mir beschissen.“ Doch der Kumpel habe ihn zu einem nächsten mit Heroin versetzten Joint animiert, „da war die Welt wieder in Ordnung“.
Wo der Kumpel so große Mengen an Heroin herhatte? „Er hat gedealt und zwar im großen Stil“, sagt Timo D.. Natürlich ging das nicht lange so, dass Timo immer von den Drogen des Kumpels „profitierte“ – irgendwann musste er sich den Stoff selbst besorgen. „Ich bin dann selbst kriminell geworden.“ Und das mit allem Drum und Dran, mit Diebstahl, Überfällen, Einbrüchen. „Irgendwann habe ich gesehen, dass das Heroin viel wirksamer ist, wenn ich es nicht rauche, sondern spritze.“
Ab dem Zeitpunkt hing er quasi komplett an der Nadel. „Wenn ich Stoff hatte, war alles gut, dann konnte ich auch mal an was Anderes denken – aber wenn ich nichts hatte, drehte sich alles Denken um die Droge, von morgens bis in die Nacht rein.“ Wie beschafft er sich Heroin, was muss er tun, damit er an Geld für die Drogen kommt.
Das blieb nicht ohne Folgen, in gleich mehrfacher Hinsicht: „Ich hatte jede Menge Krankheiten“, sagt Timo D., eine Staphylokokken-Infektion habe zu einer Herzklappenentzündung geführt, nur durch eine Notoperation mit einer Überlebenschance von eins zu einer Million habe er es geschafft. „Ich war acht Monate stationär im Krankenhaus, davon drei Monate auf Intensiv.“
Mehrfach war Timo D. auch in Haft, wegen all der Drogenbeschaffungskriminalität, aber auch wegen Dealens. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mit viel weniger Aufwand verbunden ist, wenn ich selbst Stoff verkaufe.“ Dass er selbst damit weitere Menschen in die Abhängigkeit brachte, sieht er nicht so eng. „Ich habe denen den Stoff ja nicht angeboten, ich hatte meinen Kundenkreis und wenn sie das Zeug nicht von mir gekriegt hätten, dann von einem anderen Dealer.“
Ein Unrechtsbewusstsein scheint da nicht besonders ausgebildet zu sein. Aber: „Ich will auf keinen Fall mehr in den Knast.“ Wenn seine heute 15jährige Tochter in die Drogenszene abrutschen würde, dann wäre das allerdings was anderes. Insgesamt hat Timo D. sechs oder sieben Therapien absolviert, aber vom Kopf her war er nie so weit, dass er wirklich von der Droge loskam. Erst die Geburt seiner Tochter hat ihn aus all dem rausgerissen.
„Im Knast war die Untersuchungshaft richtig schlimm, täglich 23 Stunden Einzelhaft, nur eine Stunde am Tag Hofgang.“ In der Strafhaft habe er dann arbeiten können, „das ging eigentlich, da war ich abends müde“. Natürlich sei Gewalt im Gefängnis ein Thema, „wenn du da Schwäche zeigst, bist du das Opfer“. Er habe sich einmal beweisen müssen, dann sei er in Ruhe gelassen worden.
Und Drogen im Knast? Timo lacht. „Kein Problem“, sagt er. „Du kriegst da alles, egal ob Kokain, Heroin, wenn du willst, sogar Jack Daniels.“ Man müsse halt das notwendige Geld dafür besitzen. Oft werde von außerhalb des Gefängnisses auf ein Konto Geld überwiesen und dann würden unterschiedlichste Dienste oder Personen liefern, die Zugang zum Knast haben, sagt der 50-Jährige.
Das Gefängnispersonal sei froh, wenn Drogen kursieren, denn: „Wenn kein Stoff zu haben ist, dann gibt es Stress.“ Erneut muss Timo D. lachen. „Wenn es heißt, im Knast gibt es keine Drogen, dann lachen alle.“ Auch er selbst habe in seiner Zeit im Gefängnis Drogen konsumiert. „Dann vergeht die Zeit einfach schneller.“
Als er seine Haftstrafe verbüßt hatte, habe er das Glück gehabt, bei seiner Freundin einziehen zu können. „Und wäre das Kind nicht da gewesen, wäre ich wohl schnell wieder abgerutscht.“ Wenn Timo D. etwas in seinem Leben bereut, dann seine Jugendzeit, dass er da völlig in die Drogenszene abgerutscht ist. „Da habe ich viel Zeit verschwendet.“
Heute ist Timo D. zu 100 Prozent behindert, sein Herz schafft keine Anstrengungen mehr. Aber sonst gehe es ihm gut. Er freue sich über seine Tochter, er pflege den guten Kontakt zu ihr. Sein Bruder habe solch ein Glück nicht gehabt – auch der sei drogenabhängig gewesen. Und an den Drogen auch gestorben.
INFO:
Justizministerium äußert sich zu Drogen im Knast
Das Landes-Justizministerium hat auf Anfrage unserer Zeitung nach der Verfügbarkeit von Drogen in Gefängnissen geschrieben: „Die Verfügbarkeit von Betäubungsmitteln stellt den Justizvollzug vor ernsthafte und vielfältige Herausforderungen.“ Damit stellt die Pressestelle des Ministeriums nicht in Abrede, dass in den Gefängnissen Drogen kursieren: Die kämen vor allem „über Besucher, den Postverkehr und Mauerüberwürfe“ dort hinein, gelegentlich über Drohnen. „In seltenen Fällen sind auch Bedienstete beteiligt.“ Vielfältige Gegenmaßnahmen würden so weit möglich ergriffen, Spürhunde und Ionenscanner eingesetzt.