Graffiti-Aktion in der Bahnunterführung der Kusterdinger Straße in Wannweil und Platzeinweihung wenige Meter weiter
Kreatives Chaos herrschte am Samstag den ganzen Tag in der Bahnunterführung der Kusterdinger Straße: Es roch streng wie in einer Lackierwerkstatt, überall sprayten junge und nicht mehr ganz so junge Menschen ihre Motive auf die betongrauen Wände. Manche brachten erstmal eine schwarze oder himmelblaue Grundierung auf, andere legten gleich los.
„Wir wollten keine illegalen Sprayereien hier haben, die sind nicht schön“, zeigte sich Bürgermeister Dr. Christian Majer überzeugt. Dass mit der neuen Bahnbrücke über die Kusterdinger Straße in der Unterführung auch die Gefahr bestand, dass solche „unschönen Graffitis“ immer wieder auftauchen würden, davon ist die Gemeinde offensichtlich ausgegangen.
Um dem entgegenzuwirken, kam die Idee auf, professionelle Sprayer zu engagieren. „Vorgabe ist, dass nichts Obszönes an die Wände kommt“, so der Wannweiler Rathauschef. Ansonsten herrsche künstlerische Freiheit – die wohl auch nicht jedem oder jeder gefallen werden. Aber so sei das halt mit der Kunst, sagte Christian Majer.
„Heute verewigen sich hier professionelle Künstler“, betonte Wannweils Schultes. Nun sind diese Profi-Sprayer jedoch nicht an jeder Hausecke zu finden – aber Julius Zenker, der auch die Reutlinger Kunstaktionen „urbana.rt“ organisiert, der weiß, wo er sie findet. Und einige waren am Samstag in der Unterführung vor Ort. Paul etwa, der schon seit 20 Jahren Graffitis produziert.
„Wir haben eine Grundidee für unser Werk im Kopf, einen groben Plan“, sagte Paul. Wie das dann umgesetzt wird, darin unterscheiden sich jedoch individuell die Vorgehensweisen. Looven aus Mössingen etwa nutzt das Doodle-Grid-Verfahren. Scheinbar wild und vermeintlich ohne Plan hat er zunächst verschiedene schwarze Buchstaben, Striche und Symbole auf eine Wand aufgetragen.
„Das ist meist der Zeitpunkt, an dem die Polizei kommt“, sagt er und lacht. Doch Looven zeigt auf dem Handy, was aus diesen schwarzen Buchstaben entstehen soll. Riesig große bunte Wellen, die ineinander aufgehen, sich verschlingen – Kunst eben. „Ich bin Auftragsmaler, ich mach auch Tiere“, sagte er. Auf dem Handy zeigte er ein paar seiner Werke: Vögel auf Trafostationen, Schafe auf zuvor grauen Wänden, ein riesiger Schwan auf dem Metropol-Parkhaus in Tübingen. Extrem detailgetreu schauen einen die Tiere an.
Andere Künstler bringen andere Werke an die Wände unter der Wannweiler Bahnbrücke, Top-Notch vom gleichnamigen Gestaltungsbüro ist sogar extra aus Essen angereist. Währenddessen bringt am Samstag das DJ-Kollektiv N.Y.A.D.S. aus Tübingen und Reutlingen heiße Beats, Rap und mehr auf die Straße. Der Sportverein sorgt für Essen und Trinken, der Förderverein für Kuchen. Möglich war all das aber nur, weil die Fairnetz vier Tage lang die Kusterdinger Straße sperren musste, weil sie an der Bahnstrecke noch Arbeiten durchführte.
„Wir hätten für die Aktion heute die Straße sonst nur für einen Tag gesperrt“, sagte Wannweils Bürgermeister. Zu feiern gab es am Samstag aber nicht allein die Unterführungs-Beton-Verschönerungsaktion, sondern auch die offizielle Freigabe des neuen Platzes hinter der Unterführung. „Der einstige Platz musste weg, als die Deutsche Bahn die Brücke vor drei Jahren einfügte“, erläuterte Majer.
Landschaftsarchitekt Hannes Stahlecker hatte sich Gedanken über die Neugestaltung des Areals gemacht, heimische Bäume wurden gepflanzt, dazu auch „heimische Sträucher und Stauden mit geringem Pflegeaufwand“, erläuterte Bauamtsleiter Carsten Göhner. 334.000 Euro hat der neue Platz gekostet, 940 Quadratmeter groß ist die Fläche, „800 gehören der Gemeinde, der Rest ist Böschung und gehört der Bahn“, so Göhner.
Zwischen Mitte September und Dezember vergangenen Jahres wurden die Arbeiten an dem neuen Platz durchgeführt. „Im Sommer soll er Hitzeschutz bieten und auch bei Starkregen gut aufgestellt sein.“ Währenddessen sind die Sprayer in der schattigen Unterführung schon kräftig am Werk, es herrscht scheinbar kreatives Chaos. Der Lackgeruch nimmt immer mehr zu, doch die jungen Menschen scheint das nicht zu stören.
An einem Teil der Unterführung durften sich auch die Jugendlichen versuchen, zum Teil unter Anleitung der Profis. „Es ist schön, mit den jungen Sprayern und mit den schon seit vielen Jahren Aktiven bei solchen Events zusammenzukommen“, sind sich Paul und auch Looven einig. Die Männer vom Bauhof Wannweil hatten nicht gesprayt, aber im Vorfeld dafür gesorgt, dass alles funktionierte – sie haben Gerüste aufgestellt, für eine Rieseldusche zur Abkühlung gesorgt, Zelte und Pavillons und noch viel mehr aufgestellt. „Ohne den Bauhof wäre hier gar nichts gegangen“, so Majer.