„Man darf niemals vergessen“ – Ausstellung zu Holocaust-Überlebenden im Schulhof

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Projekt der Reutlinger Theodor-Heuss-Schule „Gegen das Vergessen“ mit großformatigen Porträts von Holocaust-Überlebenden – Fotograf Luigi Toscano zu Gast

„Wir wollen uns heute der Vergangenheit stellen und einen wachen Blick zurückwerfen“, sagten Schülerinnen und Schüler der Theodor-Heuss-Schule der Klassen 11/2 und 12/3 am Samstag zur Ausstellungseröffnung mit dem Titel „Gegen das Vergessen“.

Schulleiter Silvan Purschwitz betonte: „Wir positionieren uns hiermit klar gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.“ Ein halbes Jahr lang hatten sich Schüler auf die Idee von Lehrer Damian Vernaci hin mit den Porträts und Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden beschäftigt.

Die großformatigen Bilder hatte der Fotograf Luigi Toscano erstellt, mittlerweile sind es mehr als 600 Überlebende, mit denen er erst gesprochen hat und sie anschließend fotografierte. Am Samstag war der Künstler persönlich in Reutlingen. Erschütternd seien die Begegnungen gewesen, bewegend, ergreifend, manches Mal schrecklich, antwortete Toscano auf die Fragen der Schülerinnen und Schüler. „Ich habe oft geweint mit den Menschen“, sagte der Fotograf.

Irgendwann sei Toscano zusammengebrochen, weil er die Geschichten der Überlebenden nicht mehr aushielt. „Ich musste mir Hilfe suchen.“ Doch er habe auch schöne Erinnerungen an die Gespräche. „Ihr glaubt nicht, wie oft ich Apfelstrudel als typisch jüdisches Gebäck in der ganzen Welt von den Menschen gekriegt habe.“

Luigi Toscano holt als „Unesco Artist for Peace“ mit seinen großformatigen Porträts die Erinnerung an die NS-Gräueltaten in die Gegenwart. „Bis zu 17 Millionen Menschen sind in den Lagern der Nationalsozialisten getötet worden“, so Purschwitz. Allein 6 Millionen Juden wurden damals ermordet. Eine unvorstellbar-unbegreifliche Zahl, „wir dürfen das niemals vergessen“.

Und genau so heißt auch die Ausstellung, die bis zum 27. Juli noch im Innenhof der Theodor-Heuss-Schule zu sehen ist.  „Gegen das Vergessen“ – Schülerführungen können gebucht werden. Knapp 20 rund mehr als zwei Meter große Porträts von Überlebenden sind dort im Schulhof aufgestellt, kurze Beschreibungen am Rand beigefügt. Die Gesichter der Menschen sollen für sich wirken, ihre eigene Geschichte erzählen. So wie die von Ruth Michel und Pavel Hoffmann, die beide in Reutlingen wohnen.

Ruth Michel wurde 1928 geboren, floh mit ihrer Familie von Königsberg nach Polen und zurück. Ihr Vater wurde von den Nazis ermordet, das Mädchen Ruth überlebte, weil sie sich versteckt hielt. Nach dem Krieg gelang ihr die Flucht mit gefälschten Papieren in den Westen. Sie wurde Zahntechnikerin, heiratete, bekam zwei Kinder. „Erst nach dem Tod ihres Mannes begann sie, ihre Erinnerungen aufzuarbeiten und trat als Zeitzeugin an die Öffentlichkeit“, ist neben ihrem Porträt zu lesen. „Man darf nicht hassen, aber man darf niemals vergessen.“.

Pavel Hoffmann, Jahrgang 1939, überlebte zwei Jahre im Ghetto Theresienstadt – und zwar ganz allein. Seine Eltern waren zuvor ermordet worden. Schwer krank kam er 1945 mit einem Kindertransport in die Schweiz, danach zu einer Verwandten in der Slowakei. In Prag studierte er, als Ingenieur arbeitete Hoffmann ab 1968 in Reutlingen. Seit seinem Ruhestand engagierte er sich als Zeitzeuge und „setzte sich für den Schutz jüdischen Lebens ein“, ist in den Erläuterungen neben seinem Porträt zu lesen.

Nur rund 80 Jahre nach den Gräueltaten der Nationalsozialisten nehme laut Purschwitz der Antisemitismus wieder zu ebenso wie der Rechtsradikalismus – „obwohl die Geschichte bestens erforscht ist“. Hass mache sich wieder breit, „Hass ist in der Gegenwart bei jungen Menschen präsent, wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen widersprechen, wenn der Holocaust geleugnet wird“, forderte Silvan Purschwitz.

Kreis-Verwaltungsdezernent Marius Pawlak betonte: „Die Grenze des Sagbaren wird heute immer weiter verschoben und das arbeitet für das Vergessen.“ Am Samstag begleiteten die faszinierend-berührenden Stimmen von EnsemBelle die Veranstaltung.

Die Schüler hatten sich zuvor tief in die Schicksale der Holocaust-Überlebenden eingearbeitet. Und sich ebenfalls stark beeindrucken lassen. Ausgewählte Zitate von den Überlebenden? „Ich habe die Hölle auf Erden überlebt.“ Und: „Ich habe immer in Angst gelebt.“ Oder: „Ich habe überlebt, weil mutige Menschen mir geholfen haben.“

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