Ein uraltes Thema: Gewalt gegen Frauen – „Gipfeltreffen“ auf dem Hohenneuffen

0

„Gipfeltreffen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung auf dem Hohenneuffen mit einem brennend heißen Thema: „Gewalt gegen Frauen“

Daniela Magnani Hüller wurde mit 16 Jahren Opfer eines Messerangriffs, eines Femizidversuchs. Sie überlebte knapp, wie sie am gestrigen Sonntag auf dem Hohenneuffen ausführte. Als heute 30jährige Filmemacherin war sie Teil der Veranstaltung „Gipfeltreffen“ des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Das Thema dort lautete „Gewalt gegen Frauen“ – ein uraltes Problem, wie Nils Schmid betonte.

„Die älteste Diskriminierung und Benachteiligung ist die von Frauen“, betonte der SPD-Politiker. „Und diese Benachteiligung ist immer noch nicht zu Ende, sie wird heute noch potenziert durch die sozialen Medien“, so der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium. „Da ergibt sich ein neues Handlungsfeld für die Politik, es ist wichtig, solche Themen aufzugreifen.“

Daniela Magnani Hüller ist in München aufgewachsen, im Alter von 15 Jahren wurde sie von einem Mitschüler in ihrer Klasse gestalkt. Er hatte sie im Unterricht ständig angestarrt, sich von ihr zurückgesetzt gefühlt, weil sie seine vermeintliche Liebe nicht erwiderte. Der Junge bedrohte sie anonym, sie versuchte sich zu wehren, wandte sich an Mitschülerinnen, Lehrer, die Schulleitung – vergeblich.

In dem Film „Was an Empfindsamkeit bleibt“ beschreibt sie die Tat, wie es dazu kam und wie es ihr danach erging. Aber nicht etwa aus Tätersicht, „es gibt schon genug Filme über Femizide, die aber alle die Täterperspektive einnehmen“, so Magnani Hüller im Gespräch mit Nicola Roth als Referentin des FES-Landesbüros.

Für den Film, der bei der Berlinale zu sehen war, hat die heute 30-Jährige Gespräche geführt, mit einer Kriminalhauptkommissarin, einer ehemaligen Lehrerin, einer Schulfreundin. Magnani Hüller rekonstruiert das damalige Geschehen, fragt nach dem Versagen von Verantwortlichen. So etwa bei ihrer Weigerung, im Gerichtssaal dem Täter gegenübertreten zu müssen.

„Ich gehe da nicht rein in den Saal, da müsstet ihr mir schon Handschellen anlegen und mich mit Gewalt da reinzerren“, berichtete sie gestern im Restaurant auf dem Hohenneuffen. „Es war eine unheimliche psychische Belastung, dem Täter im Gericht begegnen zu müssen.“ Dem wollte sie sich nicht aussetzen, „ich brauchte aber dafür ein psychologisches Attest“, beschreibt sie die Ungeheuerlichkeit dieses juristischen Vorgangs.

Natürlich habe sich auch immer wieder Angst, ganz besonders, als sie nach der Verurteilung des Täters plötzlich wieder eine bedrohliche anonyme Nachricht erhielt. Sie vermutete erneut den Täter. „Da geriet ich erneut in einen Strudel aus Angst.“ Wo konnte sie sich Hilfe suchen. Bei der Polizei? Die Kripo sagte, dass sie nicht erneut ermitteln könne – „das war für mich ein weiterer Schlag ins Gesicht“.

Magnanai Hüller wurde weitergeschickt, zum Opferschutz. „Da hieß es, dass sie nur beraten dürfen, nicht ermitteln.“ Ein Gefühl der Ohnmacht machte sich breit, doch die junge Frau suchte weiter. Bei einer Staatsanwältin fand sie endlich Gehör. Ein Annäherungsverbot könne erwirkt werden – doch dafür musste sich Magnani Hüller erst mal einen Anwalt nehmen. Und das in einer Phase, in der sie gerade studierte, eh kein Geld hatte.

„Für mich war der Film auch eine Art der Verarbeitung“, sagte Daniela Magnani Hüller. „Eigentlich wollte ich doch nur in Ruhe leben.“ Unbehelligt. „Ohne Männer, die nur ihre Macht ausüben wollen.“ Nach der Tat war sie schnell wieder in die Schule gegangen, „ich wollte nicht, dass der Täter mein Leben komplett verändert“. Der junge Mann war in Untersuchungshaft.

An ihrer Schule sei aber nichts aufgearbeitet worden. „Da wurde eine Chance verpasst.“ Denn: Stalking, Mobbing, psychische und auch körperliche Gewalt gebe es doch an jeder Schule. Sie habe für ihren Film herausgefunden, dass andere Schulleitungen auch anders reagieren konnten. Die auf Prävention setzten.

„Man kann nicht nachempfinden, wie man sich in so einer Situation fühlt“, so Magnani Hüller. Und die Reaktionen von betroffenen Frauen seien sehr individuell. Nicht sie selbst wollte in ihrem Film als Opfer dieser Messerangriffs im Mittelpunkt stehen, sondern die Strukturen, die bei solchen Taten nicht funktionieren.

Ob sie den Glauben in die Menschheit und insbesondere in Männer verloren hatte, wollte Roth wissen. „Ich glaube total an Männer“, sagte Magnani Hüller lachend. Sie habe mindestens ebenso viele empathische Männer erlebt, wie Frauen, die einfach falsch reagierten. Sie will sich von der sexualisierten Tat nicht ihr Leben zerstören lassen.

Dass der Kabarettist Dieter Nuhr in einer Sendung vor kurzem Witze über Frauenmorde machte, zeige doch eindeutig: „In der Gesellschaft läuft was falsch.“ Schwäche, Scham, Angst und Wut seien Schlüsselbegriffe bei Femiziden, sagte eine Besucherin. Dass weite Teile der Bevölkerung bei solchen Taten wegschauen, führe zu der Frage: „Kann man Zivilcourage einfordern.“

In einem zweiten Teil ging es bei dem „Gipfeltreffen“ weiter um die Gewalt gegen Frauen in sogenannten Soziale Medien. „Die Politik hat es bis jetzt nicht geschafft, Frauen ausreichend zu schützen“, war in der Einladung zu der Veranstaltung zu lesen. Wie Nils Schmid bereits erwähnt hatte: „Die Politik muss sich des Themas annehmen.“ Hoffentlich tut sie es auch.

Share.

Comments are closed.