„Tanz im Hof“ etabliert sich – Rund 30 Tänzerinnen und Tänzer jeglichen Alters bewegen sich barrierefrei zu portugiesischer Musik
Egal, ob 80 oder vier Jahre alt, ob „mit Migrationshintergrund, behindert oder nicht, weiblich, männlich, grün, gelb, rot, schwarz, blau – beim „Tanz im Hof“ spielt all das überhaupt keine Rolle. Da kommen alle zwei Wochen Menschen im Reutlinger Spitalhof zusammen, um sich gemeinsam mit einfachen Schrittfolgen zu bewegen. Zu serbischer, ukrainischer, lateinamerikanischer oder sonstiger Musik. Am vergangenen Samstag waren rund 30 Personen im Spitalhof, um sich von portugiesischen Tänzen inspirieren zu lassen.
Anleiten ließen sie sich dabei von Cinira Macedo: „Wir wollen zuerst unsere Füße mit der Musik verbinden“, sagte sie, schaltete die Musik über ihr Smartphone zu, portugiesische Klänge füllten den Spitalhof. Langsam, mit wippenden Schritten bewegte sich die Gruppe im Kreis in den altehrwürdigen Mauern zum Rhythmus der Musik.
„Das ist eine offene Sache, alle können mitmachen“, sagte Rose Henes am Rand des besonderen „Tanzkurses“. Zum vierten Mal hatten sich am Samstag Menschen unter dem Titel „Tanz im Hof“ getroffen. Entstanden ist die Idee für das bedingungslose und barrierefreie Tanzen nach dem letzten Festival von „Kultur am Rande“: Da kamen im Mai 2025 nach Aufführungen in der ganzen Innenstadt mehrere Gruppen auf dem Marktplatz zusammen und tanzten dort gemeinsam.
„900 Tänzerinnen und Tänzer haben da mitgemacht“, so Henes vom „Klick-Kulturbüro für inklusive Kultur“. Aus diesem unglaublich-großen und verbindenden gemeinsamen Erlebnis heraus war die Idee für einen regelmäßigen Tanztreff ohne jegliche Vorbedingungen, ohne Vorkenntnisse, ohne Anmeldung entstanden. Oder wie Rose Henes es ausdrückte: „Man muss nichts können, muss nichts schwätzen, alle können mitmachen.“
Das „Haus der Kulturen“ ist neben dem Klick-Kulturbüro bei diesen besonderen Tanz-Events ebenfalls als Veranstalter mit dabei. „Wir wechseln uns immer ab mit der Leitung“, sagte Henes. Dass am vergangenen Samstag die Tanzenden viel Spaß bei der Bewegung und bei der Begegnung hatten, war allein schon daran zu erkennen, als sie in zwei Gruppen aufgeteilt, aufeinander zugingen: Drei wippende Schritte im Takt vor, nonverbal mit einer Person in Kontakt treten, winken, lächeln, lachen, Hand geben, wieder drei wippende Schritte zurück.
Und dann das Gleiche noch einmal, immer im Takt zu der Musik. Und wer mal einen Schritt zu schnell, zu langsam ist – völlig egal. Es spielt keine Rolle, niemand will hier einen Tanzwettbewerb gewinnen. Es gibt keinen Leistungsdruck, der einzige Zweck ist, sich zusammen mit anderen Menschen zu bewegen. Gemeinsam Spaß zu haben. Und vielleicht auch ins Gespräch mit anderen, bis dahin völlig fremden Menschen zu kommen.
Beim „Tanztreff“ im Mai hatte Ximena Alacrcón als Referentin vom EPIZ Reutlingen die Teilnehmenden durch verschiedene lateinamerikanische Tänze geführt. Auch an diesem 23. Mai sei laut Henes deutlich geworden, wie Tanz verbinden und den Zugang zu anderen Kulturen eröffnen kann. „Als körperliche und nonverbale Kunstform schafft Tanz Begegnungen auf Augenhöhe und macht kulturelle Vielfalt unmittelbar erlebbar“, war in der Pressemitteilung dazu nachzulesen.
Doch auch ohne jeglichen Wissenshintergrund wurde am vergangenen Samstag erneut deutlich: Die gemeinsame tänzerische Bewegung bereitet ganz einfach Freude. 14tägig, alle zwei Wochen gibt es dieses Angebot „Tanz im Hof“, jeweils zwischen 14.30 und 15.30 Uhr. „Bei Fragen oder Unterstützungsbedarf einfach melden“, steht auf dem kleinen Flyer.
Das nächste Mal, am 20. Juni, wird aber nicht im Spitalhof getanzt. „An diesem Tag ist Stadtfest“, sagte Cinira Macedo. Das bedeute aber nicht, dass der „Tanz im Hof“ ausfalle: Auf dem Weibermarkt neben der Marienkirche wird erneut um 14.30 Uhr zum gemeinsamen Tanzen aufgerufen.
An diesem Samstag, 20. Juni, ist gleichzeitig der Weltflüchtlingstag. Ebenfalls auf dem Weibermarkt wird die Seebrücke Reutlingen über die Ursachen von Flucht und Vertreibung informieren, über die Gefahren von Fluchtwegen sowie die aktuellen Entwicklungen in der europäischen Flüchtlingspolitik. „Wir sind sehr gespannt, wie das Zusammenspiel von Tanz und den Informationen von Seebrücke, dem Bündnis für Menschenrechte und dem AK Flucht und Asyl wird“, sagte Rose Henes. Vielleicht wird das ja ein ganz großes interkulturelles Tanzfest.