„Take Off“, ein Projekt der Psychologischen Beratungsstelle des Reutlinger Diakonieverbands kümmert sich um geflüchtete ukrainische Jugendliche
Sie sind entwurzelt, sie sind aus ihrer Heimat geflüchtet, allein oder mit der Familie nach Reutlingen gekommen. Sie fühlen sich hier unsicher, unwohl, haben Freunde, Verwandte, die gewohnte Umgebung zurücklassen müssen. „Viele der Jugendlichen aus der Ukraine haben Probleme, hier anzukommen, sie bringen Ängste mit, fragen sich, wie ihre Zukunft aussehen könnte“, berichten Iryna Pedan und Kathrin Bischoff vom Projekt „Take Off“ von der Psychologischen Beratungsstelle des Diakonieverbands Reutlingen.
Als Fachfrau ist die Diplom-Pädagogin Tetyana Pikulska (die beim Gespräch jedoch fehlte) ebenfalls bei dem Projekt dabei. Sie stammt genauso wie die Diplom-Psychologin Pedan aus der Ukraine. Im Projekt „Trio“ und auch beim Nachfolgeprojekt „Take Off“ sind Jugendliche froh, bei der Psychologischen Beratungsstelle einen Raum zu finden, in dem sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten und sich ganz anders ausdrücken können, als in der ungewohnten, schwierigen, deutschen Sprache.
15 Jugendliche aus der Ukraine zwischen 14 und 18 Jahren hatten an dem Vorgängerprojekt namens „Trio“ teilgenommen, berichtet Diplom-Pädagogin Bischoff. Iryna Pedan hatte „Trio“ zusammen mit Pikulska initiiert. „Wir wollen den jungen Menschen ein Stück Orientierung und auch Hoffnung im fremden Land geben“, sagt Pedan.
War das einjährige Projekt „Trio“ ein Erfolg? „Wir haben geschafft, dass die Jugendlichen ihre Chancen hier besser einschätzen können“, sagt Iryna Pedan. Zwei junge Ukrainer haben nach den acht Modulen etwa beschlossen, nach dem Schulabschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. Eine junge Frau beginnt eine Ausbildung in der Gastronomie, eine weitere ist davon abgekommen, unbedingt Jura studieren zu wollen. Und ein 18-Jähriger hat beschlossen, in die Ukraine zurückzugehen. Trotz Krieg und Zerstörung. „Für ihn war das sein Weg“, so die Psychologin.
Neben den Treffen mit Gleichalterigen aus der Heimat einmal wöchentlich in der Gruppe waren (und sind auch im Nachfolgeprojekt „Take Off“) Einzelgespräche möglich. „Für manche passt das Gruppenangebot nicht“, sagt Bischoff. Die Gespräche mit einzelnen Jugendlichen können sich aber auch aus der Gruppe heraus ergeben.
(Foto: Kathrin Bischoff (links) und Iryna Pedan arbeiten auch mit einer Art Spielkarten, auf denen Personen oder Situationen abgebildet sind.)
„Ich mach zusätzlich viel mit Musik, mit Bewegung und gehe auch mal mit Jugendlichen spazieren“, sagt Kathrin Bischoff. Die jungen Menschen, die sich sprachlich nicht so gut ausdrücken können, nutzen manchmal auch Karten – auf denen sind Personen abgebildet oder Situationen, die Chaos, Unstimmigkeiten, Überforderung oder auch positive Gefühle abbilden. Über diese Bilder kommen die jungen Menschen manchmal leichter ins Erzählen.
Ein Clou in beiden Projekten ist, dass Experten eingeladen werden. Fachleute aus unterschiedlichen Berufen, die alle eines gemein haben – sie stammen allesamt aus der Ukraine. „Wir hatten schon Schauspielerinnen hier, IT-Fachleute, eine Frauenärztin, einen Mechatroniker, jemanden aus der Gastronomie“, berichtet Pedan. Die Vorschläge für die jeweiligen Berufe stammen von den Jugendlichen selbst.
„Es ist gar nicht so einfach, die passenden Menschen dafür zu finden, da ist manche Recherche notwendig“, sagt Bischoff und lacht. Humor spiele ebenfalls eine große Rolle bei dem Gruppenangebot. „In der Schule haben die Jugendlichen ja kaum was zu lachen“, sagt Pedan.
Doch die drei Fachfrauen stoßen auch öfter mal auf traumatische Erlebnisse bei den jungen Menschen. „Wir arbeiten da eng mit Refugio und mit der PP.rt zusammen“, sagen sie.
Mancher Jugendliche drohe angesichts der entwurzelten, belastenden Situation, in Depressionen zu geraten. Oder auch richtig wütend zu werden. „Wut ist gut, Wut ist voller Energie und lässt sich umleiten“, betont die Psychologin. „Wir versuchen, die Jugendlichen zu stabilisieren, ihre Ressourcen zu finden und sie darin zu stärken“, sagt Bischoff.
Die Eltern würden von Anfang an mit eingebunden. Bei den Erstgesprächen gelte es auch herauszufinden, ob das Gruppenangebot oder Einzelgespräche für die Jugendlichen passen. Beim „Trio“-Nachfolgeprojekt „Take Off“, das im April gestartet ist, soll ab September (beziehungsweise ab Januar 2027) zudem die Möglichkeit bestehen, dass auch andere Nationalitäten in die Gruppe aufgenommen werden. „Es geht um Jugendliche, die in unterschiedlichen Kulturen zuhause sind“, so Pedan.
Das wird eine weitere Herausforderung für Pedan, Bischoff und Pikulska sein. Wenn die Fachfrauen die jeweiligen Muttersprachen nicht selbst abdecken können, werden sie Dolmetscher einbeziehen. Herausfordernd sind zudem die Förderanträge beim Europäischen Sozialfonds (ESF), aber: „Take Off“ wird nun drei Jahre lang gefördert. Allerdings sei da viel Dokumentation gefordert. Der ESF frage zudem bei den Jugendlichen nach, wie sich das Projekt ausgewirkt hat. Ob es „erfolgreich“ war, ob sie profitiert haben.