Stadtführung mit Thomas Weiblen zum Reutlinger Stadtbrand im Jahr 1726
Es war ein Montag, der 25. September 1726, also vor ziemlich genau 300 Jahren: Die Magd des Reutlinger Schusters Friedrich Dürr zündete im ersten Stock des Hauses direkt neben der Nikolaikirche am Eck der Bebenhäuserhofstraße zwischen 20 und 21 Uhr eine Kerze an, wie Stadtführer Thomas Weiblen am Freitagabend bei einer Führung durch die Reutlinger Innenstadt berichtete.
Nun war das Anzünden einer Kerze nichts wirklich Spektakuläres. Die Kerze fiel jedoch durch einen Spalt im Boden – wo im Erdgeschoss des „Ackerbürgerhauses“ Stroh lagerte. Das Feuer griff schnell über auf andere, in der Innenstadt dicht an dicht stehende Häuser aus Lehm-Holz-Konstruktionen.
(Foto: Thomas Weiblen und die Teilnehmerschar im Heimatmuseumsgarten – einem der wenigen Orte in Reutlingen, die 1726 nicht zerstört wurden.)
Weil der Wind aus Westen wehte, blieb die Nikolaikirche verschont, der Brand breitete sich zunächst auf die Bindergasse aus, der heutigen Unteren Wilhelmstraße. „Hier waren damals Stadtbäche, die aus der Echaz gespeist wurden“, berichtete Weiblen. Weil diese Bäche aber auch als Kloake genutzt wurden – und gleichzeitig als Löschwasser dienen sollten – waren die gerade mal drei Feuerspritzen ständig verstopft.
Thomas Weiblen führte weiter zum Spitalhof, an dem noch einige rote Ziegel zu sehen sind – sie seien weitere stumme Zeugen des verheerenden Brands. Weil der „Ur-Reutlinger“ aber nicht nur von Katastrophen berichten wollte, streute er so manchen Schwank aus der Geschichte der Stadt ein.
(Foto: Stopp bei der Führung am Zunftbrunnen.)
Wie etwa, dass der Spitalhof auch mal Altersheim war, die Bewohner sich dort einkaufen konnten, versorgt wurden und das Recht auf täglich zwei Liter Wein hatten. Die Schäden durch den Brand wurden resaturiert, das gegenüberliegende Rathaus auf dem heutigen Marktplatz fiel allerdings komplett dem Brand zum Opfer.
So wie insgesamt vier Fünftel der damaligen Stadt. 882 Gebäude verbrannten. Oder sie wurden eingerissen, um das Feuer einzudämmen. Vergeblich. 1.200 Familien wurden obdachlos. Erstaunlich: Nur ein einziger Reutlinger starb bei dem Brand.
Das Feuer wütete insgesamt 38 Stunden, es breitete sich zunächst über die Bindergasse in die Metzger- und Krämergasse aus, also in die heutige Mittlere und Obere Wilhelmstraße. Gehofft hatten die damaligen Reutlinger, dass wenigstens die Stadtkirche verschont bleiben würde, so Weiblen.
(Foto: Vor der Marienkirche, die 1726 eher einem Glutofen glich.)
Viele hatten ihr Hab und Gut in die Mauern der Marienkirche gebracht – doch auch die blieb nicht verschont. Selbst der goldene Engel stürzte (genauso wie die Glocken) zu Boden und verglühten dort. „Insgesamt gibt es nur drei Kirchen mit Engeln obendrauf, das sind die in Mont St. Michel, der Markusdom in Rom und die Reutlinger Marienkirche“, so der Stadtführer.
„Die Steine der Marienkirche müssen damals geglüht haben“, sagte Thomas Weiblen. Auch das heutige Naturkundemuseum am Weibermarkt überlebte den Brand nicht. „Das war das erste Gebäude, das nach dem Brand wieder errichtet wurde.“
Um den Wiederaufbau der Stadt voranzutreiben, gingen einige Reutlinger in halb Europa mit „Bettelbriefen“ auf Wanderschaft. Laut Weiblen wurden sie nicht unbedingt freundlich empfangen. Aber: In Augsburg und Nürnberg fanden sie Unterstützung. Beides waren ebenfalls Reichsstädte und hatten wie Reutlingen 1530 die „Confessio Augustana“, also das Bekenntnis zum Protestantismus, unterschrieben. Diese Gelder dienten vor allem dem Wiederaufbau der Lateinschule, dem heutigen Naturkundemuseum.
Der Weg durch die Innenstadt führte am Freitagabend auch in den Garten des Heimatmuseums – beides blieb ebenso wie das List-Gymnasium vom Brand verschont. Was bei einer Stadtführung unter der Achalm nicht fehlen darf – der Gang durch die Spreuerhofstraße. „New York hat den Broadway, Paris die Champs Elysée und Reutlingen die engste Straße der Welt“, schmunzelte Weiblen.
(Foto: Neben der Marienkirche auf der linken Seite gerade noch erkennbar – das heutige Naturkundemuseum.)
Auch in dieser Gasse hatte der Stadtbrand 1726 gewütet. Der Wiederaufbau sei schwierig gewesen. „Hier in der Spreuerhofgasse wurden mit Tannenholz Wände hochgezogen.“ Ein gerade mal 31 Zentimeter breiter Spalt zwischen den Gebäuden schaffte es als Verbindung zwischen Metzger- und Mauerstraße ins Guinness-Buch der Rekorde – und wurde somit weltberühmt.
Über die Reste der Stadtmauer in der Zeughausstraße („der Ruß an den Steinen stammt noch vom Stadtbrand“) ging es zum Abschluss dieser besonderen Stadtführung zu den Stadtmauerhäusern in der Jos-Weiß-Straße. „Nach dem Brand herrschte massive Wohnungsnot, Handwerker erhielten die Genehmigung direkt an der Stadtmauer Häuser zu errichten“, sagte Thomas Weiblen.
Reutlingen war mit seinem großen Stadtbrand aber keine Ausnahme, vielen anderen Städten erging es genauso. Den Grund für den fatalen Brand an der Achalm hatte Spitalpfarrer Michael Fischer schnell ausgemacht und am 27. Oktober 1726 in einer „Brand- und Bußpredigt“ angeprangert:
(Foto: Bei den Stadtmauerhäusern, die Weiblen als einen der schönsten und lauschigsten Plätze der Stadt bezeichnete.)
„Ach gewiß, wann ein Ort in der Welt ist, da der Sabbat gering gehalten wird, so ist es gewiß Reutlingen. Man hat an Sonntagen wollüstige Tänze gehalten, hat das Spielen und Saufen nicht abgestellt, hat auf prächtigen Spaziergängen gottlose Gespräche geführt“, zitierte Thomas Weiblen. Der Schuster Dürr leugnete hingegen jegliche Schuld an der Brandursache – dennoch wurde er mit seiner Familie für sechs Jahre aus der Stadt verbannt. Ob sie jemals wiederkam, ist unbekannt.