Training bei DHL-Lieferdienst mit der Malteser-Hundestaffel – Gefahren vermeiden, Briefe oder Pakete bei Gefährdung wieder zurückbringen
Heike S. wurde am 2. Februar von einem Hund in ihrem Zustellbezirk in den Oberschenkel gebissen. Sie zeigt bei dem Training am DHL-Zustellstützpunkt in der Reutlinger Erwin-Seiz-Straße auf ihrem Handy ein Foto von der Wunde: ein riesiger blaurotgrün schimmernder Fleck über den gesamten Oberschenkel ist darauf zu sehen.
„Das schmerzt heute noch hin und wieder“, sagt die Zustellerin, die schon seit fast 45 Jahren Post und Pakete an die jeweiligen Adressen liefert. Der Hund, ein Australian Shepherd, „kam aus dem Haus rausgeschossen und hat mich sofort gebissen, ohne Knurren oder Bellen“, erinnert sich H. leidvoll. „Mir ist sofort todschlecht geworden, ich habe bei der Teamleitung angerufen und gesagt, dass ich gebissen wurde.“
Danach ging sie zum Arzt, „das ist ganz wichtig, auch wegen der möglichen Folgen von so einem Biss – und wegen der Versicherung“, erläutert Hans-Jürgen Kaiser, der seit 30 Jahren bei der Malteser-Hundestaffel Rottenburg für die Ausbildung der Tiere zuständig ist.
Am Montag dieser Woche ist er mit drei Kolleginnen und ihren Hunden am DHL-Zustellstützpunkt in Reutlingen. „Die Schulung ist freiwillig, sie wird etwa einmal im Jahr durchgeführt und es kann jeder teilnehmen“, betont Holger Schradi als Stützpunkt-Leiter. Ein rundes Dutzend Zustellerinnen und Zusteller sind am Montag aus dem ganzen Landkreis bei der Schulung dabei, fast alle haben schon mal einen Angriff oder einen Biss durch einen Hund bei der Arbeit erlebt.
„Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, dass wir noch mehr aufpassen müssen, wenn ein Hund die Ohren aufstellt“, sagt Silke H.. Wenn Zusteller Gefahr durch einen Hund „wittern“, dann sollten sie nach Aussage von Schradi die Post, das Paket lieber wieder zurückbringen. Der Eigenschutz gehe immer vor, betont er. Wenn möglich, sollte ein Zettel in den Briefkasten geworfen werden, mit dem Hinweis, dass die Post nicht zugestellt werden konnte. Wegen Hundegefahr.
Die Zusteller könnten versuchen, mit den Hundehaltern zu reden, ihnen vorschlagen, dass der Postkasten außerhalb der Reichweite des Hundes platziert werden sollte. „Nur wenn gar nichts hilft, erhält der oder die Betreffende den Bescheid, dass sie ihre Post nur noch bei der nächsten Poststation abholen müssen“, sagt Holger Schradi.
Vorsicht sei in allen Fällen geboten. Und man sollte Distanz wahren, „Sie müssen nicht der best Buddy von den Hunden werden“, sagte Ümek Hüseyin als Fachkraft für Arbeitssicherheit bei DHL. Die Schulung am Montag umfasst einen theoretischen und einen praktischen Teil. In der Praxis ging es darum, mit Hunden in Kontakt zu kommen. Die DHL-Beschäftigten bilden eine menschliche Gasse, durch die Simba, Arek und die beiden anderen Tiere der Hundestaffel hindurchlaufen sollen.
Nur wenige Zentimeter entfernt von dem jeweiligen Hund zu sein, ist für manche Zusteller schon eine deutliche Herausforderung. „Das geht noch, aber streicheln würde ich keinen“, sagt Silke H., die an dem betreffenden Haus mit dem aggressiven Hund keine Post mehr ausliefern kann.
„Das Problem sind aber nicht die Tiere, sondern die Menschen am anderen Ende der Leine“, sagt Heike W., auch sie ist schon gebissen worden. Vor rund zwei Jahren war das, der Hund hatte sich ohne jede Ankündigung auf sie gestürzt und sie seitlich in den Oberkörper gebissen. „Ich bin dann zum Unfallarzt und seitdem noch deutlich vorsichtiger geworden.“
„Insgesamt haben wir bundesweit im vergangenen Jahr 1.514 Hundeunfälle verzeichnet“, sagt Marc Mombach als Pressesprecher von DHL Regionale Kommunikation Süd. Fast 10.000 Tage hätten die Gebissenen danach nicht arbeiten können. „Die Niederlassung Betrieb Reutlingen verzeichnete 2025 genau 25 Unfälle und 66 Tage unfallbedingte Ausfälle“, so Mombach.
Die Gefahr sei natürlich immer da, sobald Hunde in einem Haushalt sind. In dem Handscanner der Zusteller sind nun Adressen mit Hund vermerkt. „Wenn so ein Hund auf einen zurast, hilft die Information auch nicht mehr.“ Etwas konsterniert blickt Silke H. auf den Hundeangriff vom 2. Februar zurück. „Naja, es war ein Montag – vielleicht lag’s daran“, sagt sie ganz leicht schmunzelnd. „Aber der Hundehalter hätte ja auch mal nachfragen können, wie es mir geht“, ist die Zustellerin dann doch ziemlich enttäuscht. Fast alle Bekannte, Verwandte und Freunde hätten ihr geraten, den Mann anzuzeigen.