„Wegen Schiris kommt keiner ins Stadion“ – DFB-Schiri-Chef Knut Kircher zu Gast in Bad Urach

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Oberster DFB-Schiri Knut Kircher beim „Stadtgespräch“ in Bad Urach zum Thema „Schiedsrichter zwischen Lust und Frust“

Verwunderlich, dass am Dienstagabend fast ausschließlich Männer der Einladung des Arbeitskreises Rathaus-Apotheke der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Urach und Seeburg gefolgt sind? Kaum. Es ging um Fußball. Und insbesondere um Schiedsrichter. Aber: An diesem Abend war auch einiges über das Leben und die gesamte Gesellschaft an sich zu hören.

Knut Kircher war zu Gast beim „Stadtgespräch“ in Bad Urach: „Man könnte meinen, im Fußball geht es um Leben und Tod – dabei ist Fußball letztendlich nur ein Spiel“, betonte der in Rottenburg lebende Chef aller Bundesliga-Schiedsrichter in der DFB-Schiri GmbH. „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass die Menschen auf dem Fußballplatz ihr eigenes Verhalten reflektieren würden – auch wenn das utopisch ist“, betonte Onur Yildirim vom FV Bad Urach, der selbst ebenfalls Erfahrungen als Schiedsrichter, als Spieler und als Trainer gesammelt hat.

Die Äußerung des Lehramt-Master-Studenten und ehemaligen Dönerladen-Chefs zielte vor allem auf das Verhalten und so manche Bemerkungen von Zuschauern. Was da gerade in den unteren Klasse des Fußballs auf den Plätzen zu hören ist, sei oftmals unterirdisch, bestätigte auch David Gressel als Vorstand des FV Bad Urach. Er bezeichnete Beleidigungen, Hasstiraden und Schmähungen als „normal“, ganz besonders auch, wenn Eltern am Spielfeldrand stehen. „Die Kinder selbst wollen nur kicken, sonst nichts“, so Gressel.

Den Kontakt zu Knut Kircher hatte Elmar Rebmann hergestellt, die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, der Bad Uracher Bürgermeister hatte selbst 25 Jahre lang als Schiri gepfiffen. „Die Qualität von Knut als Schiedsrichter war schon früh erkennbar“, so Rebmann. Eine steile Karriere hatte Kircher ab dem 17. Lebensjahr hingelegt, alle Klassen und Ligen bis zur 1. Bundesliga schon mit 27 Jahren durcheilt. Danach war Knut Kircher acht Jahre lang als FIFA-Schiedsrichter tätig, „ich habe sehr geschätzt, dass ich dadurch fremde Kulturen kennenlernte, nach Saudi-Arabien, Ägypten, Südkorea und andere Länder kam“.

Dabei war Kirche aber immer beruflich tätig, als Entwicklungs-Ingenieur bei Daimler. Bis er gefragt wurde, ob er als Chef in die neu gegründete DFB-Schiri GmbH eintreten wolle. Damit ist er heute für alle Schiedsrichter in den ersten drei Bundesligen zuständig. In der Ersten Liga pfeifen heute 24 Schiris die Spiele. Gleichzeitig einen Beruf auszuüben, sei kaum mehr möglich.

Denn: Profi-Schiedsrichter trainieren heute vier- bis fünfmal die Woche, sie müssen viermal im Jahr eine körperliche Leistungsprüfung ablegen, wie Kircher berichtete. „Der Durchschnittspuls bei einem Spiel beträgt bei einem Schiri 168 Herzschläge pro Minute.“ Um topfit zu sein, habe jeder Schiedsrichter sein eigenes Netzwerk an Ernährungsberatern, Sportpsychologen, Physiotherapeuten und mehr geschaffen. Damit nicht genug. Außerdem müssen Schiris mehrere Lerhgänge pro Jahr besuchen.

Der Lohn: Bis zu 240.000 Euro pro Saison verdienen die 1. Liga-Schiedsrichter. Aber: Sie haben keinen Arbeitsvertrag, sondern „nur“ einen Jahresvertrag. Bei jeder einzelnen Fitnessprüfung können sie jedoch durchfallen. Ob die Schiris neidisch seien auf die Fußball-Profis, „die doch Millionen verdienen“, wollte Moderator Albert Ebinger wissen. „Nein“, sagte Kircher entschieden. „Die Zuschauer kommen ja nicht wegen eines Schiris ins Stadion, sondern wegen der Spieler.“

Ob sich Knut Kircher je bedroht gefühlt habe, womöglich sogar Angst um sein Leben hatte in den „Hexenkesseln“ so mancher Stadien? „Nein“, sagte der 57-Jährige. Die Beleidigungen in einem großen Stadion könnten die Schiedsrichter gar nicht hören. „Ich habe mich immer sicher gefühlt.“ Anders sei das auf den Spielfeldern der unteren Klassen. Dort seien fast alle hineingebrüllten Äußerungen zu hören. „Es ist mit Sicherheit deutlich schwieriger in der A-Klasse zu pfeifen“, waren sich alle auf dem Podium einig.

Und dennoch: Man lernt viel für sein Leben, wenn man als Schiri tätig ist, betonte auch Elmar Rebmann. Für sein Bürgermeister-Amt habe er als Schiedsrichter viel über Menschen und den Umgang mit ihnen gelernt. Das bestätigten auch Onur Yildirim, David Gressel und Knut Kircher. Deeskalierend zu wirken, nicht wegzuschauen, in heiklen Situationen schnelle Entscheidungen zu fällen – das sei nicht nur auf dem Rasen gefragt.

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