Die Achalm schrumpft – Von Lügengeschichten und unerfüllten Wünschen

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„Schau nur, Malin“, sage ich zu der kleinen Malin, die so gerne meine kleine Enkelin sein könnte. Also die ich gerne als Enkelin gehabt hätte. Oder vielleicht ist Malin auch die kleine Tochter, die ich gerne hätte aufwachsen sehen. Auf jeden Fall sage ich gerade zu Malin: „Schau nur, die Achalm, der Berg dort hinten – der schrumpft jeden Tag um zwei Millimeter.“

Malin schaut erst mich und dann den Reutlinger Hausberg an. Wir stehen mitten auf einem Feldweg zwischen Äckern, Feldern, Wiesen auf einer Anhöhe oberhalb von Reutlingen, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den Albtrauf hat – und eben auch auf die Achalm.

„Wie viel sind zwei Millimeter“, fragt Malin. Sie hat den Daumen und den Zeigefinger ihrer kleinen linken Hand vor ihre Augen gehalten und weitet oder verengt den Abstand zwischen beiden Fingern immer wieder. „Nun“, sage ich. „Zwei Millimeter ist ein klein wenig mehr als eine 10-Centmünze dick ist.“ Ich ziehe solch eine Münze aus meinem Geldbeutel und zeige sie Malin. „Siehst du, so dick wie der Rand, so viel schrumpft die Achalm jeden Tag, also innerhalb von 24 Stunden.“

Malin schaut mich ungläubig an. Sie kennt zwar schon die Zahlen, aber rechnen kann sie noch nicht. „Das ist nicht viel“, sagt sie dann. „Das stimmt“, sage ich. Doch wenn die Achalm jeden Tag zwei Millimeter schrumpft, dann sind das im Jahr 365mal 2, macht 730 Millimeter, das sind 73 Zentimeter, rechne ich vor mich hin. „Und was willst du mir damit sagen“, fragt Malin. Manchmal klingt sie schon extrem altklug. „Naja“, sage ich. „Die Achalm schrumpft jedes Jahr so viel wie mein Schreibtisch zuhause hoch ist.“ Und wenn das jedes Jahr so weitergeht, dann ist die Achalm in zehn Jahren mehr als sieben Meter niedriger, in 100 Jahren 70 Meter und in 1000 Jahren wäre die Achalm weg. Platt. Genauso platt wie das Meer platt ist. Okay, ich gebe zu, das sind ziemlich viele Zahlen auf einmal, die ich dem Kind da zumute.

Malin guckt zweifelnd. Sie war schon mal an der Nordsee und hat das flache Meer gesehen. Aber das kleine sechsjährige Mädchen kann sich absolut nicht vorstellen, was in einem, in zwei oder zehn Jahren sein wird. Und schon gar nicht kann sie sich ausmalen, dass die Achalm irgendwann verschwunden sein soll.

„Wo hast du das denn her“, fragt sie, als ob sie sagen wollte. ich hätte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Das hat mir meine Großmutter erzählt“, sage ich. Das war jetzt glatt gelogen, denn meine Großmutter hat Reutlingen nie gesehen, sie wohnte ja im Ruhrgebiet. Also die eine. Meine andere Oma (Omma, wie man im Ruhrpott sagt) kam aus der Eifel. Aber das sind Landschaften und Regionen, von denen Malin noch nie was gehört hat. (Und viele andere Schwaben auch nicht.)

Wir gehen weiter spazieren, die Achalm immer im Blick, aber auch die Schönheiten am Wegesrand. Malin hüpft fröhlich vor sich hin, hat meine Ausführungen zu dem Reutlinger Hausberg offensichtlich schon wieder vergessen. Plötzlich hält sie mitten im Sprung inne, dreht sich zu mir um und sagt: „Aber wenn die Achalm irgendwann weg ist – was ist dann an der Stelle, wo sie jetzt ist?“ Ich gerate ins Trudeln. Vielleicht sollte ich nicht solche Schauermärchen in die Welt setzen. Wie leicht so kleine Menschen einen doch entlarven können. Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht weiter rumspinne und aus dem Spinnengeflecht gar nicht mehr rauskomme.

„Weißt du“, sage ich. „Als ich ein kleines Kind, ungefähr so alt und groß war, wie du jetzt, da haben wir mit meinem Opa mal einen Ausflug gemacht, zu einem riesigen Denkmal. Da steht auf einem großen runden Gebäude mit einer runden Haube drauf eine Figur, die ist mehr als zehn Mal so groß wie ich, also einfach riesig. So ähnlich und so hoch, wie der Baum dort drüben, der doch fast aussieht, wie eine Figur.

Aber die Figur vor vielen Jahren, die heißt Hermann der Cherusker. Der Hermann, der eigentlich Arminius hieß, soll gegen die Römer gekämpft haben. Die Figur soll an ihn erinnern und sie ist aus Metall. Das Wichtigste aber ist: Mein Opa hat mir damals erzählt, dass diese riesige, unbewegliche Figur nachts immer das Schwert von der rechten in die linke Hand wechselt.“ Ich berichtete Malin, dass ich damals lange vor der gigantischen Figur stand und sie genau beobachtet habe. Mit halb zugekniffenen Augen, um bloß keine noch so kleine Bewegung zu verpassen. „Aber es war ja Tag und die Figur hat sich keinen Millimeter bewegt.“

Mit großen Augen hat mir Malin zugehört. „Stimmt das mit dem Schwert“, fragte sie mich. „Ich habe das lange geglaubt und wenn mein Opa oder meine Mama mir später die Geschichte erzählten, haben sie immer dazu gelacht.“ Ich hatte nicht gewusst, warum sie lachten. Irgendwann sagte mal ein Onkel zu mir, dass der Hermann sich auf keinen Fall bewegen kann, weil er ja aus Metall ist. Malin überlegt.

„Und was hat das mit der Achalm zu tun“, fragt die naseweise Malin, die alles andere als auf den Kopf gefallen ist. „Nun“, sage ich. „Das soll uns nur sagen, dass du nicht alles glauben sollst, was dir Erwachsene erzählen.“ Malin schaut mich mit ihren großen blauen Augen an, nimmt meine Hand und sagt: „Aber Opa – man darf doch nicht lügen.“ Da hat sie natürlich recht. „Und mir ist doch piepschnurz, was in 1000 Jahren ist“, beendet sie das Thema, vergräbt ihre Hand fest in meiner und beginnt wieder zu hüpfen. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als mitzuhüpfen. Ach, wie gerne hätte ich dich kennengelernt, kleine Malin.

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