„Am Ende den Mangel verwalten“ – Diskussion über Gesellschaftsthemen beim ESB-Wirtschaftsforum

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Wirtschaftsforum der European School of Business mit hochrangigen Gästen und inspirierend-analysierender Diskussion

 Die sechs Gäste auf dem Podium beim 30. Wirtschaftsforum der European School of Business (ESB) am Dienstagabend kamen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Viel Fachkompetenz war also anwesend, um sich über den „Preis der Moral – ein Balanceakt zwischen Sozialverantwortung und Wirtschaft“ zu äußern.

(Foto: Beim 30. ESB-Wirtschaftsforum fand sich auf dem Podium geballte Fachkompetenz, (von links) Moderator Rainer Maria Jilg, Dr. Stefan Wolf, Jessica Tatti, Nils Schmid, Isabel Grupp-Kofler, Dr. Bernd Villhauer und Frank-Jürgen Weise.)

Erster Aufreger in der Diskussion auf der Bühne: Die „Überregulierung“ von Firmen durch den Staat. „Es braucht eine Entfesselung von der Überregulierung, damit Menschen kreativ agieren können“, sagte Isabel Grupp-Kofler, Chefin des mittelständischen Unternehmens Plastro Mayer in Trochtelfingen.

Dr. Stefan Wolf, Ex-Chef von Elring-Klinger und Ex-Arbeitgeberpräsident von Gesamtmetall, stimmte zu, „Ich bin ein Verfechter des freien Unternehmertums“. Der Staat habe etwa bei der Datenschutzgrundverordnung „jedes Augenmaß verloren“. Also weg mit all den Einschränkungen: „Unternehmer wissen am besten, was Kunden wollen“, so Wolf.

Hinzu komme eine Beobachtung von ihm: „70 Prozent der Mörder im sonntäglichen Tatort waren in den vergangenen 40 Jahren Unternehmer.“ Von diesem „Unternehmer-Bashing“ müsse Deutschland wegkommen. Jessica Tatti, Landesvorsitzende des BSW, entgegnete: „Das Soziale wurde aus der Marktwirtschaft in Deutschland vertrieben und auch jetzt wird wieder der Sozialstaat abgebaut.“

Nils Schmid, SPD-Politiker und Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium, stimmte zu, dass Bürokratie abgebaut werden müsse. „Die Politik hat Fehler gemacht, es braucht Mumm, um Hü oder Hott zu sagen.“ Grupp-Kofler forderte auf, den Staat wie ein Unternehmen zu führen und da müssten zunächst mal Stellen eingespart werden.

Schmid entgegnete: „Was sollen wir denn tun, Lehrer entlassen oder Polizisten?“ Grupp-Kofler: „Man könnte ja bei den Ministerien anfangen.“ Frank-Jürgen Weise – ehemals Arbeitsagentur-Chef, Ex-Präsident des BAMF, heute Vorsitzender der Rentenkommission – grätschte dazwischen: „Bürokratie ist auch Rechtsstaatlichkeit, aber es braucht in den Behörden mehr Verantwortung und mehr Transparenz.“

(Foto: Die rund zwei Stunden waren am Dienstagabend eindeutig zu kurz, um alle Themen anzusprechen, die noch unter der Überschrift „Preis der Moral“ hätten angesprochen werden können.)

Wolf stimmte erneut zu: „Zu 100 Prozent, alle glauben, Unternehmer sind unmoralisch.“ Da sei mehr Vertrauen vonnöten, auch wenn es immer „schwarze Schafe“ gebe. Tatti gab zu bedenken, dass jede Menge an Steuern hinterzogen werden und „die Prüfung der Einhaltung von Gesetzen braucht nun mal Personal“.

Dr. Bernd Villhauer, Philosoph am Weltethos-Institut in Tübingen, gab zu bedenken: „Wir leben in einer Zeit der Überempfindlichkeit.“ Außerdem begleite ihn das Thema „Bürokratieabbau“ sein Leben lang, schon immer habe es geheißen: „Abbau ist notwendig, aber doch nicht dort, wo es mich betrifft.“ Gleichzeitig gebe es ein demografisches Problem, die Lust auf Zukunft sei bei zu vielen Älteren und wenigen Jüngeren abhandengekommen.

Stefan Wolf führte das Auseinanderklaffen der Schere in der Gesellschaft auf die Unterschiede in der Entlohnung in der Gesellschaft zurück. In der Metall- und Elektroindustrie seien die Löhne im Vergleich zu anderen Branchen sehr hoch. „Es ist auch eine moralische Frage, wie in der Gesellschaft wieder mehr Zufriedenheit entstehen kann.“

(Foto: Die annähernd zwei Stunden des ESB-Wirtschaftsforums waren viel zu kurz, um alle Themen anzusprechen, die angestanden hätten.)

Wenn sich Unternehmer in Deutschland an Gesetze und Vorschriften halten, wie sehe es dann mit der Moral im Ausland aus, wollte Moderator Rainer Maria Jilg wissen. Der Hunger auf Wohlstand sei bei uns nicht mehr so groß wie nach dem Zweiten Weltkrieg, sagte Nils Schmid. In vielen anderen Ländern existiere eine „Aufholbewegung, was auch uns unter Druck setzt“.

Das „Lieferkettengesetz“ kritisierten Isabel Grupp-Kofler und Stefan Wolf massiv. „Zu glauben, dass Deutschland mit diesem Gesetz die Welt verändern kann, ist naiv.“ Jessica Tatti betonte jedoch, dass etwa die Kakaobauern in Westafrika von europäischen (auch deutschen) Lebensmittelkonzernen so unter Druck gesetzt würden, dass die Bauern nicht überleben können.

Viele weitere Themen wurden angesprochen an diesem hochinteressanten Abend. Migration, Renten- und Gesundheitsreform etwa. Weise sagte zur künftigen Rente: „Am Ende verwalten wir den Mangel und die Deutschen müssen mehr arbeiten“, so der Experte. Den Vorschlag, alle in die gesetzliche Rentenversicherung zu zwingen, erteilte Weise eine Absage: „Das wird teuer, wenn auch Beamte aufgenommen würden – viele von ihnen leben länger und kriegen eine hohe Pension.“

(Foto: Zu Beginn der Veranstaltung am Dienstagabend erinnerte Alexander Luft als Mitgründer des ESB-Wirtschaftsforums an die erste Veranstaltung des neuen Formats im Jahr 1998, bei dem sogar Michael Gorbatschow auf der Gästeliste auftauchte – aber nicht kam.)

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