Reutlinger Citykirche feiert am Mittwochabend 20jähriges Bestehen mit Gottesdienst, viel Musik und zahlreichen Grußworten
Die Geschichte der Reutlinger Citykirche begann schon vor mehr als 25 Jahren. Erste Überlegungen für die Nutzung der im 14. Jahrhundert erbauten Nikolaikirche am Rande der Reutlinger Fußgängerzone hatte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde schon 1999 angestrengt, wie Martin Willmann als „Urgestein“ der Reutlinger Citykirche in seinem Rückblick am Mittwochabend bei der Geburtstagsfeier ausführte.
Klar war 1999 bereits: Offener sollte dieses besondere Gotteshaus sein, sozusagen eine „Kirche für Laufkundschaft“, so Willmann. Sven Gallas und Beatrix Schubert erarbeiteten zusammen mit einer Arbeitsgruppe ein Konzept, die katholische Kirche kam mit ins Boot. „Solch ein ökumenisches Projekt wurde einhellig begrüßt“, sagte Willmann in seinem Rückblick.
Ein großes „Aber“ stand der Umsetzung jedoch im Weg: „Derzeit sei das denkbar ungünstig, hieß es 2002.“ Ein Jahr später übernahm Christoph Zügel die Leitung der Arbeitsgruppe Citykirche. 2005 ging das Projekt der besonderen Kirche mit Pfarrerin Sabine Drecoll und Pastoralreferentin Ulrike Neher-Dietz tatsächlich an den Start. Eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), wurde gegründet, ein Teil der Kirche an die BruderhausDiakonie verpachtet, die fortan das Café Nikolai betrieb.
Am 4. Juni 2005 hatten Neher-Dietz und Drecoll „mit 100 Klappstühlen, einem Wasserkocher und einer Spülwanne“ den Betrieb der Citykirche aufgenommen, wie die Pastoralreferentin am Mittwoch ausführte. Im Oktober 2005 wurde ein gigantisch langer roter Teppich vom Marktplatz durch die Wilhelmstraße bis zur Nikolaikirche verlegt – als Symbol für die Verbindung zwischen Kirche und Stadt.
„Im Herzen der Stadt ein Gebäude, das offen ist für alle, in dem alle willkommen sind, in dem Vielfalt und Zusammenhalt gelebt und gefördert werden – das ist eine Bereicherung für unsere Stadtgesellschaft“, betonte Sultan Braun für die Stadtverwaltung. „Die Citykirche ist kostbar“, so das Fazit der Amtsleiterin für Integration und Gleichstellung. Dekan Hermann Friedl von der katholischen Kirche befand: „Ihr leistet in der Citykirche Großartiges für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.“
Der Umbau der Nikolaikirche für die Zwecke des neuartigen Gotteshauses erfolgte erst 2007 – unter anderem wurde eine Fußbodenheizung eingebaut. „Bis dahin waren wir nach zwei Stunden Dienst total durchgefroren“, so Ulrike Neher-Dietz. Schlagworte für die Citykirche waren in den Anfangszeiten (und sind es bis heute): Information, Ruhepause, Seelsorge und Gespräch.
Schnell waren rund 30 Ehrenamtliche gefunden, die sich mit offenen Ohren und Herzen einbringen wollten. Passanten, die mit Kirche bis dahin wenig oder gar nichts zu tun hatten, sollten „niederschwellig reinkommen können und auf offene Ohren treffen“, so Neher-Dietz. Eine riesige Vielfalt an Projekten wurde entwickelt, wie Sternenfunkeln, ein Strick-Café, Adventsaktionen, „spirituelle Anregungen im Vorbeigehen“, eine Sommerakademie zu Glaubensthemen. Jede Menge musikalische Veranstaltungen zählten zum Angebot, dazu immer wieder wechselnde Ausstellungen, Lesungen und ganz viel mehr. Und natürlich die Reutlinger Vesperkirche jedes Jahr wieder.
Auf Sabine Drecoll folgten Katrin Zürn-Steffens und Cornelia Eberle auf evangelischer Seite. Nach Neher-Dietz kam 2020 Andreas Reich und nun Pastoralreferentin Malin Hagel. Zusammen mit Pfarrer Stefan Schwarzer leitet sie seit fast drei Jahren die Geschicke der Reutlinger Citykirche.
Viel hat sich verändert in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten, der „Kern der Arbeit aber ist gleichgeblieben – wie Kirche auf die Menschen in der Stadt zugeht“, so Cornelia Eberle. Ein Riesenvorteil der Citykirche sei stets gewesen: Die Leiterinnen und Leiter „konnten viel experimentieren, frei von festgefügten Erwartungen“.
Jede Menge gesellschaftliche Themen wurden aufgegriffen, der Dialog gefördert, Kooperationen angegangen, mit der Journalistenschule etwa und vielen weiteren Organisationen mehr. Christoph Geiger, der seit fast 20 Jahren für alle Umbauten der Citykirche verantwortlich dabei war, sagte abschließend: „Des Kirchle isch oifach super.“
Gestartet wurde die Geburtstagsfeier am Mittwochabend allerdings mit einem Gottesdienst, denn: Schließlich ist auch die Citykirche trotz aller Andersartigkeit immer noch – eine Kirche. Musikalisch beschwingt, nachdenklich und begeisternd umrahmt wurde die gesamte Feier zum 20. Geburtstag von einem Jazzensemble der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde.