Vom Verein der „Laienhilfe für Lebensmüde“ zum heutigen Arbeitskreis Leben

0

Arbeitskreis Leben ist in den vergangenen Jahrzehnten beständig gewachsen und feiert am Freitag im franz K. den 50. Geburtstag

Im Jahr 1976 ist der Verein Arbeitskreis Leben unter dem damaligen Titel „Laienhilfe für Lebensmüde“ gegründet worden. Vier Jahre hatte es gebraucht, bis die erste Geschäftsstelle in Tübingen auf den Weg gebracht, die erste hauptamtliche Fachkraft eingestellt wurde und die ersten kommunalen Förderungen erfolgten. Und heute?

Im Jahr 2026 sind zehn Fachkräfte beim AKL angestellt, in 50 Jahren wurden mehr als 700 Freiwillige ausgebildet, die sich zum Teil jahrzehntelang ehrenamtlich als Krisenbegleiter für Menschen in Lebenskrisen engagieren. „Es hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten viel verändert, eines ist aber gleichgeblieben – die Basis des AKL ist nach wie vor die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt in der Beratung von Menschen in suizidalen und psychischen Ausnahmesituationen“, sagt Thomas Bader als Vereinsvorsitzender beim Pressegespräch anlässlich des 50jährigen Bestehens der Hilfseinrichtung.

„Der AKL ist eine einzigartige Organisation, die es nur in Baden-Württemberg gibt“, wundert sich Bader selbst immer wieder über dieses Alleinstellungsmerkmal. Mehr als 100 Ehrenamtliche engagieren sich heute nach einer rund 70stündigen Ausbildung in der Krisenbegleitung. Ärzte, Richter, IT’ler, Handwerker, Ruheständler, Schüler und Studenten bringen sich ein, sie sind zumeist zwischen drei und zwölf Monaten für andere Menschen da. „Diese Unterstützung allein durch Hauptamtliche zu leisten, wäre finanziell gar nicht leistbar“, so der Vereinsvorsitzende.

Warum aber beschäftigen sich nicht nur die hauptamtlichen Kräfte wie Markus Urban oder Kerstin Herr mit solch schweren Themen und Krisen von anderen Menschen – sondern auch all die Ehrenamtlichen? Weil es Sinn macht, wäre die einfachste Antwort. Aber auch, weil Ehrenamtliche betonen, wie wichtig „die Erfahrung ist, wirksam und für andere Menschen da zu sein“. Andere hoben „das Lernen über vielfältige Lebens- und Krisenthemen“ hervor und „die berührenden Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen“.

Dabei geht die Hilfe durch die Engagierten beim AKL weit über die reine Beratung von Menschen in Krisensituationen hinaus, wie Kerstin Herr betont. „Wir sind auch für Angehörige, Lehrer, Mitschüler da, wir begleiten Trauernde, die jemanden durch Suizid verloren haben und betreiben Prävention, wollen Menschen für das Thema sensibilisieren.“

Gründe gibt es offensichtlich jede Menge, um sich bei diesem besonderen Arbeitskreis zu engagieren. Das wertschätzende und unterstützende Team im Hintergrund gehört nach Aussagen der Ehrenamtlichen mit dazu – und zwar in allen drei Bereichen: der Jugendlichen-Online-Peer-Beratung namens „Youth-Life-Line“, der Online-Beratung namens „Lebenslinien 60+“ wie auch der „Face-to-face-Beratung“, also der direkte Kontakt zwischen Ratsuchenden und AKL-Fachkräften.

60+ hat der Arbeitskreis vor einem Jahr gestartet, laut Urban läuft momentan noch die Werbephase. Auch hier beantworten Gleichalterige (wie bei Youth-Life-Line) die Mails von Menschen. Der Kontakt ist nicht auf die Region begrenzt, Anfragen kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Mehr als 300 junge Menschen hat der AKL für Youth-Life-Line ausgebildet, „über 10.000 Gleichalterige haben die Peerberater seit 2003 begleitet“, sagt Markus Urban.

„Ich bin so froh, dass ich mich jemandem anvertrauen kann“, ist eine Stimme aus diesen vielen Kontakten. Eine weitere: „Herzlichen Dank für Ihre wertschätzende Antwort, ich fühle mich beschenkt und es tut mir sehr gut.“ Die Zuwendung durch die mittlerweile zehn AKL-Beratungsstellen in baden-württembergischen Städten ist allerdings auch bitter notwendig, das zeigt die bundesweite Statistik der vergangenen zehn Jahre: Nie waren es weniger als 9.000 Suizidtote pro Jahr, 2024 hatten sich 10.372 Menschen das Leben genommen.

Damit ist der Suizid eine Todesart, die fast das Vierfache der Opfer bei Verkehrsunfällen (2.770 im Jahr 2024) beträgt. Umso erstaunlicher, dass der Arbeitskreis Leben und seine Unterstützung von Menschen in Lebenskrisen nur in Baden-Württemberg existiert. Gerade in den Altersgruppen der Jugendlichen und der Altersklasse 60+ suchen die meisten Menschen einen Ausweg aus den persönlichen Krisen durch Suizid.

Aufgaben, die in den kommenden Jahren auf den Arbeitskreis zukommen? „Beratung durch uns beim Thema ‚begleiteter Suizid‘ wird uns wohl stark beschäftigen“, sagt Thomas Bader. Wichtig sei dabei natürlich, dass der AKL zum Leben berät. „Und wir hoffen, dass die Prävention ausgebaut wird.“ Die finanziellen Mittel dafür sollten ausgebaut werden, schon jetzt ist der Arbeitskreis jedes Jahr finanziell enorm gefordert. Dennoch wird am kommenden Freitagabend im Reutlinger franz K. gefeiert – schließlich wird auch so ein besonderer Arbeitskreis nur einmal 50.

INFO:

Spenden an den Arbeitskreis Leben sind bitter notwendig

Der AKL muss rund 20 Prozent der jährlichen Kosten selbst aufbringen, im Bereich Youth-Life-Line sind es sogar 50 Prozent. „Wir haben es zwar bisher immer geschafft, rund 150.000 Euro über Spenden zu finanzieren, eine Selbstverständlichkeit ist das aber nicht“, sagt AKL-Vorsitzender Thomas Bader. Wer den Arbeitskreis Leben unterstützen will, kann das über die IBAN DE89 6415 0020 0000 2592 77 bei der KSK Tübingen tun. Oder über die KSK Reutlingen mit der IBAN DE05 6405 0000 0000 7140 28.

Share.

Comments are closed.