Nach der Therapie nicht alleingelassen – Freundeskreise geben Verständnis und Unterstützung

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(Foto oben: Die Reutlinger Ruth und Karl Votteler waren die Pioniere der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe in Württemberg.)

Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe wird dieses Jahr 70 Jahre alt – Maria und Karl berichten über die Geschichte der Selbsthilfegruppen

Im Jahr 2024 haben rund 8,6 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland riskante Mengen Alkohol zu sich genommen, schreibt das Bundesgesundheitsministerium. Etwa 2,2 Millionen Deutsche waren alkoholabhängig. Und das, obwohl die Gefahren des riskanten Alkoholkonsums hinlänglich bekannt sein dürften. „Es wird betont, dass kein risikofreier Alkoholkonsum existiert“, heißt es weiter auf der Homepage des Ministeriums.

Das hatte auch der Reutlinger Karl Votteler vor mehr als 70 Jahren erfahren: „Als er die Rehabilitationsklinik für suchtkranke Menschen verließ, war ihm eines klar: Allein schafft er es nicht, abstinent zu bleiben“, berichten Maria und Karl Luik über die Anfänge der Freundeskreise in Württemberg. Vor 33 Jahren haben sie selbst den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe im Hohbuch gegründet.

Karl Votteler aber war der Pionier in der ehrenamtlichen Nachsorge: Vor 70 Jahren knüpfte er Kontakte zu ehemaligen Mitpatienten aus der Reha-Klinik. „Die Kliniken hießen damals noch Trinkerheilanstalten“, sagt Karl Luik. „Alkoholismus war zu diesen Zeiten noch nicht als Krankheit anerkannt, Betroffene galten häufig als gesellschaftliche Außenseiter, als asoziale Versager.“

Votteler lud die Mitpatienten zu sich in sein Wohnzimmer nach Reutlingen ein, die Betroffenen tauschten sich aus, berichteten über ihr Leben, ihre Probleme, sie begleiteten sich gegenseitig zu Ärzten, unterstützten sich bei Krisen und auch bei Rückfällen. Ein Netzwerk bildete sich. „Dem inzwischen verstorbenen Karl Votteler war damals wohl nicht bewusst, dass er eine Selbsthilfegruppe gegründet hatte“, sagt Maria Luik.

Seit 1978 unterstützte das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche Vottelers Arbeit und trug damit dazu bei, dass „aus den ersten Wohnzimmertreffen die größte Selbsthilfebewegung von und für Suchtkranke in Württemberg entstehen konnte“, so Karl Luik. Die Freundeskreise zählen heute rund 1.800 Teilnehmer in 121 Gruppen in Württemberg.

Maria und Karl Luik haben das Schicksal der Suchterkrankung selbst erlebt und sie sind überzeugt von dem Konzept der Freundeskreise:  „Ein wesentliches Merkmal ist, dass Angehörige Teil der Treffen sind“, sagt Maria Luik. Warum? „Weil Sucht immer auch die ganze Familie betrifft – alle müssen lernen mit der Erkrankung und den Auswirkungen umzugehen.“

Stolz ist das Ehepaar auf die Erfolgsbilanz der Freundeskreise: „80 Prozent der suchtkranken Gruppenteilnehmer finden zu einer dauerhaften abstinenten Lebensweise zurück.“ Und von den rückfälligen Teilnehmern können rund zwei Drittel wieder stabilisiert werden. Klar müsse aber auch sein, dass Selbsthilfe keine Therapie ersetzt. „Aber seit 70 Jahren zeigen die Freundeskreise, wie wirksam gemeinsamer Halt sein kann“, so Karl Luik.

Bei den regelmäßigen Treffen im Hohbuch gehe es in der Gruppe „um Lebensgeschichten mit und ohne Suchtmittel“. Alltägliche Gedanken und Probleme werden dort besprochen, „das können Erinnerungen an die Zeit im Dauerrausch sein, Schwierigkeiten in der Beziehung, Sorgen am Arbeitsplatz oder andere Themen aus dem privaten Umfeld“, betont Maria Luik.

Sucht-Selbsthilfegruppen tragen einen wesentlichen Teil zur Rehabilitation suchtkranker Menschen und ihrer Angehörigen bei, das weiß das Paar aus dem Hohbuch nur zu genau. Doch aus ihrer eigenen Geschichte (mit der Abhängigkeit von Karl Luik) wurde ein Leben der Beiden für die Hilfe von ebenfalls Betroffenen: Wer nach dem Alkoholentzug und der Therapie Verständnis und Unterstützung braucht – der und die sind beim Freundeskreis genau richtig.

Definition von Sucht

„Der psychosozialen Definition zufolge handelt es sich bei Sucht um ein „unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Glücks-, Erlebnis- oder Bewusstseinszustand“, ist auf der Homepage des Bundesverbands der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe zu lesen. „Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstands untergeordnet und es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit, zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums.“

 

INFO:

Feier zum 70. Geburtstag

Zum 70jährigen Bestehen der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe feiern die Gruppen Reutlingen, Hohbuch, Münsingen und Rottenburg gemeinsam am Sonntag, 26. April 2026, um 10.00 Uhr einen Gottesdienst in der Reutlinger Erlöserkirche in der Kaiserstraße 30.

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