Inklusionskonferenz des Landkreises stellt Assistenz-App für behinderte Menschen vor – Selbstbestimmter das eigene Leben planen
Eine Frau im Rollstuhl sucht eine Begleitung, die mit ihr ins Kino geht. Oder – manchmal ist es nach den Worten von Andreas Ausserhofer viel dramatischer: Jemand, der nicht allein aus dem Bett kommt oder auf die Toilette muss, braucht ganz dringend Unterstützung. Natürlich gibt es dafür Pflegedienste, aber von Selbstbestimmung ist da für die Menschen, die Hilfe brauchen, nicht mehr viel übrig.
Das soll sich im Landkreis Reutlingen nun ändern – am Donnerstag wurde im Augustin-Bea-Haus eine App vorgestellt, mit der das Organisieren von Hilfen, von Assistenzleistungen oder auch von Begleitungen in der Freizeit deutlich einfacher werden soll, wie Susanne Blum als Leiterin der Inklusionskonferenz im Augustin-Bea-Haus erläuterte. Rund 120 Personen waren da, um sich über diese Assistenz-App zu informieren – „Sie bringen alle ihre Erfahrung mit, kritische Fragen sind ausdrücklich erwünscht“, so Blum.
Was die App leisten kann? Dabei handle es sich um eine Plattform, auf der Menschen mit Unterstützungsbedarf sich die eigenen Hilfen suchen können und Assistenzkräfte ihre Tätigkeit anbieten können. Wenn etwa jemand im Rollstuhl in den Urlaub fahren will und dazu eine Begleitung braucht – dann könnte solch eine App hilfreich sein. Oder wenn jemand täglichen Unterstützungsleistungen braucht.
Entwickelt hat diese AVA Assistenz-App die österreichische Firma atempo, die mit über 80 Beschäftigten im Behindertenbereich tätig ist. Atempo betreibt etwa ein inklusives Restaurant, kümmert sich um leichte Sprache „und vermittelt seit mehr als 20 Jahren behinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt, so Andreas Ausserhofer.
Bei der App handle es sich quasi um einen digitalen Marktplatz, auf dem die einen ihre Dienste anbieten, die andere benötigen. Aaron Hochwald hat im Augustin-Bea-Haus als Mitarbeiter von atempo mit hohem Assistenzbedarf demonstriert, wie sein Terminkalender aussieht. Er braucht sieben Assistenzkräfte, um seinen Alltag bewältigen zu können. Morgens, mittags und abends. Beim Aufstehen, beim Anziehen, beim Essen und beim Zubettgehen.
Über die App sei es möglich, sich seinen eigenen Assistenzpool zusammenzustellen. Dazu muss man seinen Assistenzbedarf beschreiben, andere bieten Hilfen und Unterstützung an. Zu Letzteren können durchaus auch Organisationen, Pflegedienste oder Privatpersonen gehören, die Geld für die Leistungen nehmen. Andere bieten ihre Unterstützung vielleicht auch ehrenamtlich an.
Per Chat kommt man sich zunächst näher, „guckt, ob die Chemie stimmt“, sagte Ausserhofer. Nach und nach stellen sich die Assistenznutzer einen Pool mit geeigneten Personen zusammen, die dann angefragt werden, ob sie zu bestimmten Terminen bestimmte Leistungen anbieten können.
Wer aus dem Pool Zeit und Lust hat, meldet sich, die Termine werden vereinbart. Lästiges Abtelefonieren fällt somit weg. Und im Notfall? Wenn eine Assistenzkraft womöglich kurzfristig absagt? „Dann muss ich schnell reagieren“, sagte Aaron Hochwald. Eine weitere Anfrage wird in den Pool gesendet, die Anfrage ploppt dann bei den Assistenzgebern auf. Wenn niemand reagiert, kann die Nachricht auch außerhalb des persönlichen Pools auftauchen.
Zahlreiche Fragen wurden in der Veranstaltung gestellt, nicht alle konnten beantwortet werden. Doch die Möglichkeiten für assistenzsuchende Menschen sind groß, um ihr Leben selbstbestimmter führen zu können. „Das Ziel der App ist die Normalisierung von Leben“, sagte Landrat Dr. Ulrich Fiedler in seinem Grußwort. „Jede noch so kleine Hilfe kann Großes bewirken.“
Nach viel Spaß mit dem Tübinger Theatersport von Felixia Dollinger und Tobias Rockenfeld war am Donnerstag noch lange nicht Schluss: In einer „Zukunftswerkstatt“ fanden Nutzer und Anbieter von Assistenzleistungen im Gespräch mit dem atempo-Trio Zeit und Raum, um jede Menge Fragen zu klären und der Praktikabilität dieser App auf den Grund zu gehen.
„Eine App allein schafft noch keinen Mehrwert, sie muss auch praktikabel sein und genutzt werden“, so Susanne Blum.