Bündnis für Menschenrechte, VHS und Eduard-Spranger-Schule setzen sich auf dem Reutlinger Marktplatz für bessere Umsetzung des Grundrechts auf Bildung ein
Es braucht nicht viel, um für gute Lernbedingungen zu sorgen. Das verdeutlichten am Donnerstagnachmittag die beiden Schülerinnen der Vorbereitungsklasse 1 an der Eduard-Spranger-Schule: „Ich kann gut lernen, wenn ich in die Schule gehen darf“, sagte eine. „Ich brauche ein Wörterbuch, dann kann ich gut lernen“, sagte das andere Mädchen. „Ich brauche Freunde, um gut lernen zu können.“
24 Kinder aus zehn Nationen sind in dieser Klasse, viel zu viele, wie eine Umfrage unter den Lehrerinnen und Lehrern ergeben hat. Der Unterricht falle zu häufig aus, die Altersspanne in den Klassen sei zu groß, Kleingruppen seien nicht möglich, ohne Ehrenamtliche könne der Unterricht überhaupt nicht geleistet werden, wie Cornelie Pflüger vom Bündnis für Menschenrechte am Freitag auf dem Marktplatz erläuterte. „Das ist aber kein Reutlinger Problem, sondern ein bundesweites“, betonte Lehrerin Marina Marx-Fenwick.
Immer noch hänge der Erfolg in deutschen Schulen vom Geld und von der Herkunft ab. Kinder aus akademischen Familien haben deutlich bessere Chancen im Bildungs-Wettlauf als Kinder aus Familien mit wenig Geld, wie Irene Karki von der Reutlinger Volkshochschule (VHS) ausführte.
Zwei Stunden lang waren die Bündnis-Mitglieder beim Aufbau auf dem Marktplatz beschäftigt, haben Plakate auf Stühlen platziert, auf denen etwa zu lesen war: „Sprachförderung für alle Kinder, die diese brauchen.“ Oder: „Mehr gut ausgebildete Erzieher und Lehrerinnen.“ Zudem sollten ganztägige Kitas für alle Kinder kostenfrei sein. Diese Forderungen wollen die Bündnis-Aktiven als Forderung an die neue Landesregierung schicken.
Schon beim Aufbau am Donnerstag seien viele Passanten stehengeblieben, „sie haben die Plakate gelesen und auch das Gespräch gesucht“, sagte Pflüger. Bündnis-Mitglieder hatten zudem einen Chancen-Parcours mit Kreide auf dem Marktplatz aufgemalt. Um zu verdeutlichen, unter welchen Voraussetzungen Kinder und Jugendliche heute gute, bessere oder ganz schlechte Möglichkeiten in Kindergärten, Schulen und dann auch im späteren Leben haben.
Je nachdem, unter welchen Bedingungen Kinder leben, steht für sie am Ende des Chancen-Parcours: „Glück gehabt, du hattest gute Startchancen.“ Oder: „Es hätte besser für dich laufen können.“ Oder ein frustrierendes Fazi: „Hier hat die Bildungspolitik versagt.“
Werden Kinder gefördert, haben sie zuhause Platz zum Lernen, verfügen Familien nicht über ausreichend Geld, gibt es ständig Stress? Viele dieser Grundvoraussetzungen entscheiden letztendlich über Erfolg und Misserfolg von Kindern in Schulen. Allerdings betonte Karki auch: „Bildungsgerechtigkeit ist eine Gesellschaftsaufgabe.“ Die Chancen der Kinder dürften nicht allein vom Geld abhängig sein.
