Gestern, einen Tag nach der Landtagswahl in „The Länd“ – die von den Grünen und Cem Özdemir mit einem halben Prozentpunkt vor Manuel Hagels CDU gewonnen wurde – sah ich, das war sehr seltsam, direkt an einer Kreuzung auf den Äckern von Degerschlacht (der Ort heißt wirklich so) eine Mülltonne stehen.
Was macht die da, fragte ich mich. In the middle of nowhere? Ich war versucht, reinzuschauen, vielleicht fanden sich dort nicht benutzte oder falsch ausgefüllte Wahlzettel? Es war ja schließlich eine Papiertonne.
Ungefähr zur gleichen Zeit ließ Jens Spahn – also der ehemalige Gesundheitsminister (der mit dem gigantischen Maskendeal in Corona-Zeiten) – verlautbaren: Weil das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg so knapp war, könnten sich die beiden Spitzenkandidaten Özdemir und Hagel doch den Job als Ministerpräsidenten teilen. Jeder die Hälfte der kommenden fünf Jahre.
Was für eine brillante Idee. Grünen-Chefin Franziska Brantner sagte dazu: „Ich dachte, die Union sei gegen Lifestyle-Teilzeit“ Özdemir nannte den Vorschlag des Ministerpräsidenten-Jobsharings kurz und knackig „Quatsch“ und Felix Banaszak? Der teilt sich doch den Grünen-Bundesvorsitz mit Brantner – und ist somit auch irgendwie ein Lifestyle-Teilzeit‘ler, oder nicht?
Auf jeden Fall sagte Banaszak abends in „Hart aber fair“: Man müsse sich nur mal vorstellen, die CDU hätte die Wahl im Ländle ganz knapp gewonnen und die Grünen daraufhin den Vorschlag auf Teilung des Ministerpräsidentenpostens gemacht – „was hätte die CDU da wohl gesagt“, fragte Banaszak schmunzelnd. Wahrscheinlich hätten die Christdemokraten mit Konrad Adenauer geantwortet, dass eine Stimme mehr, immer noch eine Stimme mehr ist. Und hätte Adenauer sich am 15. September 1949 nicht selbst gewählt, dann wäre er ohne seine eigene (entscheidende) Stimme Mehrheit nicht zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt worden.
Ach ja. Ist das schon Satire? Oder auch reif für die Tonne? Also für diese ganz besondere Tonne auf den Äckern von Degerschlacht. Noch viel mehr wäre ja nach dieser denkwürdigen Wahl im Ländle (nach der vielleicht The Länd in The Lönd umbenannt wird – Ihr versteht schon, wegen dem Ö für Özdemir? Ach vergesst es einfach ganz schnell wieder) … also nach dieser Wahl wäre das Ergebnis der AfD doch auch reif für die Tonne. Knapp 19 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben für die AfD gestimmt. Wahnsinn. Für einen Kandidaten, der als Wolf im Schafspelz auftrat. Sein Name: Markus Frohnmaier. Er war angetreten als Bundestagsabgeordneter, der in Baden-Württemberg aber nicht für ein Landtagsmandat kandidierte – er wolle Ministerpräsident werden, sagte er. Bei seinen Auftritten hatte Frohnmaier so viel Kreide gefressen, dass die Kinder im Ländle auf Jahre keine Malkreide mehr kriegen dürften. Aber Frohnmaier verschwindet ja jetzt wieder nach Berlin. In den Bundestag.
Bei der Wahl im Ländle hatte der AfD’ler sich nicht nur als Schafswolf-, sondern ebenfalls als Lifestyle-Teilzeit-Spitzendkandidat präsentiert, denn: Bei den letzten Wahlkampfauftritten seiner Partei im Ländle ließ er sicb nicht mehr blicken. Stattdessen weilte er lieber in den USA, um mit den Rechtsaußen-Republikanern zu kungeln. Außerdem war er doch mit Vetternwirtschaft in Verbindung gebracht worden, oder nicht? Klar, es ist nicht verboten, seine Frau und den Vater bei anderen AfD-Abgeordneten beschäftigt zu haben. Aber ein schales Gschmäckle hats doch, oder? Alles egal, trotzdem stimmten fast 19 Prozent der baden-württembergischen Wählerinnen und Wähler für die Blauen. Wie schön wäre doch, wenn man dieses Ergebnis einfach in die Tonne kicken könnte. Sollten sich die Wähler doch noch einmal überlegen, ob sie tatsächlich mit und für die Rechtsextremen stimmen wollen. Doch ich befürchte: Das würde gar nichts ändern.
Wenn nun diese Tonne hier mitten auf dem Acker steht – was könnte sonst noch alles da rein, überlege ich? All die Kriege in der Ukraine, im Iran, im Sudan. All die autokratischen Systeme auf der ganzen Welt, die Menschen unterdrücken, verhaften, foltern, ermorden. Rein in die Tonne. Weg damit. Wie schön wäre das. Wenn wir endlich eine gerechte Welt hätten. Mit Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle. Arbeit und genug zu essen für alle Menschen. Dann wären Fluchtgründe einfach weg. Und endlich auch Gleichberechtigung für alle Frauen auf der ganzen Welt. Keine Femizide mehr, keine häusliche Gewalt … ach wäre das schön.
Was so eine Mülltonne mitten auf dem Acker doch auslösen kann. Träumen wird man doch noch dürfen, oder? Oder nicht?
In meinen Überlegungen störte mich ein Müllfahrzeug. Das kam mir entgegen. Ich ging aus dem Weg, stellte mich auf den Acker, wurde von einer Staubwolke eingenebelt. Holte das Müllauto die besondere Tonne ab? Wo würde all dieser Sondermüll entsorgt? Gibt es eine Endlagerstätte für Autokratien, Ungerechtigkeiten, Unmenschlichkeiten? Wo könnte die zu finden sein, sodass sie die nächsten 100 Milliarden Jahre nicht mehr zutage treten würden? Fragen über Fragen, die so eine Mülltonne mitten auf dem Acker hervorbringen kann.
Hinzu kommt jetzt, nur fünf Tage nach der Wahl die Frage: Was soll dieses Nachtreten der CDU? Dieses Beharren auf eine absurde Idee des Teilzeit-Ministerpräsidenten sorgt doch nur für eins – dass sich noch mehr Menschen von den etablierten Parteien abwenden und noch mehr der AfD hihterherlaufen. Nur eins noch, ganz zum Schluss und nur zur Erinnerung: Die CDU hat die Wahl nicht gewonnen. Und wer jetzt von Neuwahl redet, wird wiederum nur eins erreichen: dass die AfD noch stärker wird.