MedMobil hilft Menschen – Rollende Praxis tourt durch Reutlingen

0

MedMobil von AWO und einigen Unterstützenden verschaffen unbürokratisch Zugang zu medizinischer Versorgung mit sozialer Beratung

Viele der Patientinnen und Patienten, die zum MedMobil kommen, „vermeiden zunächst den Blickkontakt“, weiß Kurt Gugel. Der Hausarzt im Ruhestand ist einer der sechs Ärzte, die sich in dem rollenden „Straßenpflaster“ mindestens viermal im Monat an bestimmten Plätzen im Stadtgebiet einfinden – und dort auf Klientel warten. An der Citykirche etwa, im Hammerweg, bei der AWO in der Rommelsbacher Straße oder auch am Listplatz.

„Dort am Listplatz haben wir meist die größte Resonanz“, sagt Eva Sutter beim Pressegespräch. Sie ist die Sozialarbeiterin von der AWO, die auch stets mit dabei ist im MedMobil. Und sie hat auch die Kontakte zu vielen Menschen aus der Wohnungslosenszene.  Oder sie stellt die Kontakte her, berät die Menschen, vermittelt sie zu anderen Beratungsstellen.

Zusammen mit Wilfried Müller als ehemaligem Rettungsdienstleiter hat der Ruhestandsarzt Kurt Gugel die Idee dieser rollenden Praxis in Reutlingen auf den Weg gebracht. Vorbild war das Arztmobil für wohnungslose Menschen von Prof. Gerhard Trabert in Mainz.

Insgesamt mehr als 100 Patienten wurden in der Achalmstadt bei rund 240 Behandlungen versorgt, berichtet Heike Hein als AWO-Fachbereichsleitung Wohnungsnotfallhilfe. „Außerdem konnte ich zu 150 Personen im Rahmen der aufsuchenden Sozialarbeit den Kontakt aufnehmen“, sagt Sutter.

„Zunächst braucht es erst mal etwas Zeit, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen“, so Gugel. Er kennt das Phänomen noch von seiner Hausarztpraxis, wo er auch immer wieder Wohnungslose behandelt hatte. „Wenn die gesehen haben, dass das Wartezimmer voll war, sind sie meist gleich wieder gegangen.“

Beim MedMobil ist das anders. Da kommen die Menschen – und der Arzt hat Zeit. Mit dabei im Team ist immer auch eine von mittlerweile fünf medizinischen Fachkräften und eben Eva Sutter. Bis auf Letztere sind alle ehrenamtlich dabei, die Sozialarbeiterin ist mit 20 Prozent für das MedMobil zuständig – „das ist ein Stückweit wie Streetwork“.

Die Patientinnen und Patienten kommen mit Husten, Schnupfen, Bauchschmerzen, Kniebeschwerden, Wundbehandlungen und allem möglichen anderen. Manchmal geht es aber auch um ganz andere Dinge, wie Schulden, Abhängigkeiten oder psychische Probleme.

„Wir haben ein Grundsortiment an Medikamenten an Bord, können aber auch Privatrezepte ausstellen“, so Gugel. Die Rezepte können dann in der Apotheke am Tübinger Tor eingelöst werden, abgerechnet wird dann nicht mit der Krankenkasse, sondern mit der AWO. „Wir bezahlen die Medikamente dann“, sagt Hein. „Dafür brauchen wir Spenden.“

Apropos Spenden: Die Finanzierung des MedMobils läuft drei Jahre lang über die Förderung von Vector- und Lechler-Stiftung. Viele weitere unterstützen ebenfalls, doch Spenden werden trotzdem weiter benötigt. „Wir hoffen nach diesen drei Jahren, von denen ja schon eins rum ist, auf eine Regelfinanzierung“, sagt Hein.

Die Resonanz ist gut an den jeweiligen Standorten des MedMobils, die Termine sind auf der Homepage der AWO zu finden oder werden auf Zetteln verteilt. Einen Kaffee gibt’s immer und so manchem Menschen konnte durch den Einsatz des MedMobils geholfen werden. Und das Modell spricht sich herum: „Demnächst kommen Medizinstudierende aus Tübingen und schauen sich unsere rollende Praxis an“, so Gugel. Die Drogenberatung will mitmachen, vor allem, wenn das Fahrzeug am Listplatz Halt macht.

„Wir können hier natürlich keine Spezialuntersuchungen durchführen“, sagt Müller. Aber die Patienten können in die Portalpraxis an der Kreisklinik vermitteln werden oder an andere Praxen. Bei nicht medizinischen Problemen sei es möglich, die Wege zur PP.rt, zum Sozialamt oder auch zum Kreisgesundheitsamt zu ebnen. „Darmspiegelungen machen wir nur freitags“, witzelt Sutter und stellt damit unter Beweis, dass das MedMobil-Team durchaus Humor hat.

Blutdruck messen ist möglich im MedMobil, ein Defibrillator soll angeschafft werden. Vor allem aber sind es die Gespräche, die im Fahrzeug geführt werden. „Wir sind ja keine ausgerüstete Praxis mit Ultraschall oder EKG“, sagt Kurt Gugel als Ruhestands-Arzt, Gemeinderat und Kreistagsmitglied. Apropos Kreis – es gibt Bemühungen, das MedMobil auch in anderen Kommunen im Landkreis anfahren zu lassen.

„Wir haben ja genug ehrenamtliche Ärzte und Fachkräfte, die das stemmen könnten“, so Gugel. Eva Sutter sei zudem an einer Zahnärztin dran, die mitmachen könnte, eine Frauensprechstunde oder auch ein Tierarzt seien weitere Optionen. „Wir wollen außerdem die Ärzteschaft weiter für unseren Personenkreis sensibilisieren und die kooperierenden Praxen ausbauen“, sagt Wilfied Müller.

INFO:

Spenden werden benötigt für das MedMobil

Die Förderung durch Lechler- und Vector-Stiftung reicht noch für zwei Jahre, doch die AWO und das MedMobil brauchen weitere Spenden etwa für Medikamente und auch für Rücklagen, wenn das jetzige Fahrzeug mal den Geist aufgeben sollte. Gespendet werden kann auf das Konto bei der Kreissparkasse über die IBAN: DE23 6405 0000 0000 0625 43, Stichwort „medmobil“. Getan hatten das vor kurzem bereits die Reutlinger Neckarpiraten, der Fanclub des FC St. Pauli. Die Mitglieder hatten 500 Euro für das MedMobil gespendet.

Share.

Comments are closed.