„Als wir Frauen mehr Rechte wollten, meinten wir nicht Nazis“ – Protest gegen Björn Höcke in Rommelsbach

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Björn Höcke bei AfD-Wahlveranstaltung in der Rommelsbacher Wittumhalle – Gegendemonstration mit mehr als 4.000 Teilnehmenden

Der AfD-Vorsitzende im Thüringer Landtag, der auch hochoffiziell als „rechtsextrem“ bezeichnet werden darf, war am gestrigen Samstagabend auf Stippvisite in Reutlingen, genauer im Teilort Rommelsbach, in der Wittumhalle. Im Vorfeld war mit etwa 1.000 Gegendemonstranten gerechnet worden, dem Aufruf von mehr als 30 Initiativen, Gruppierungen, Einrichtungen und Organisationen waren aber laut Zeitungsangaben mehr als 4.000 Menschen gefolgt.

So wie die rund 700 Teilnehmer der AfD-Veranstaltung in der Halle offensichtlich aus ganz Baden-Württemberg angereist waren, so fanden sich auch viele der Demonstrierenden aus der ganzen Region zusammen. Alle sandten ein deutliches Zeichen aus: „Gemeinsam stark für Demokratie und Zusammenhalt in Rommelsbach.“

Schon vor 16 Uhr fanden sich an diesem 28. Februar 2026 in Rommelsbachs Ortsmitte Hunderte und Tausende von Demonstrierenden ein, um gemeinsam in Richtung Wittumhalle zu laufen. Parolen wurden gerufen und gesungen wie etwa „siamo tutti antifascisti“ (wir sind alle Antifaschisten) oder auch „Hejo, leistet Widerstand, gegen den Faschismus hier im Land“ zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“.

Viele der Menschen hielten eine große Vielfalt an Plakaten, Transparenten und Pappkartons hoch, alle mit der grundsätzlichen Aussage wie „Hier ist kein Platz für Faschismus“. Einige waren auch durchaus witzig, wenn im Kern auch sehr ernst, wie das über die Rechte der Frauen.

(Foto: Gott liebt alle – auch Björn Höcke?)

Sehr beeindruckend war dieser Zug hin zur Halle und zum BZN-Schulzentrum in direkter Nachbarschaft. Im Schulhof und auf den Hügeln drumherum fanden sich die Tausenden Demonstrierenden ein, um gemeinsam den Reden von Vertreterinnen und Vertretern von Gewerkschaften, AK Flucht und Asyl, Antifa und weiteren zuzuhören. „Wir werden uns nicht spalten lassen, setzen uns ein für eine bessere Welt gegen rechte Hetze“, so der Tenor.

Die AfD habe das Sagbare erfolgreich nach rechts verschoben, „Remigration“ sei kein Fremdwort mehr, stehe aber nicht etwa „nur“ für die Abschiebung von Straftätern in die Herkunftsländer, sondern für massenhafte Deportation. Mittlerweile würden sogar Kinder ohne Eltern abgeschoben, berichtete eine Vertreterin vom AK Flucht und Asyl.

Viele der Demonstrierenden fragten sich, wie denn die Teilnehmer an der AfD-Veranstaltung überhaupt in die Halle gekommen sind. Über die Straße von der Ortsmitte hin zur Wittumhalle könne das ja nicht geschehen sein. Ein Lob und Dank hier von meiner Seite aus an die Polizei: Die Strategie für die Sicherheit aller Menschen auf allen Seiten ist aufgegangen.

Eine Durchsage während der Demo vonseiten der Polizei: „Bleiben Sie friedlich, es gilt Vermummungsverbot, bitte greifen Sie die Polizei nicht an.“ Nach Zeitungsaussagen haben sich nicht alle Demonstrierenden daran gehalten, elf Personen wurden vorläufig festgenommen, weil sie versucht hatten, die Absperrungen zu überwinden. Sie erhielten Platzverweise.

(Foto: Gutabgeschirmt war die Wittumhalle, in der die AfD-Versammlung stattfand.)

Ein Polizist sei von einer Fahnenstange leicht verletzt worden, die Beamten seien mit Eiern beworfen worden. Einmal habe die Polizei Pfefferspray eingesetzt. Nach 19 Uhr, also zu Veranstaltungsbeginn in der Halle, sei ein Teil der Demo unter Polizeibegleitung in Richtung Reutlinger Bahnhof geleitet worden. Vereinzelte Provokationen habe es dabei gegenüber den Polizisten gegeben.

In der Wittumhalle waren nach den Berichten der Zeitungen alle 700 Plätze belegt, es herrschte ausgelassene Stimmung. Höcke sei gefeiert worden, Standing Ovations, Beifall und „Höcke, Höcke, Höcke“-Rufe habe es schon gegeben, als er in die Halle kam.

(Foto: Plakakte an den Schulfenstern forderten auf zu Respekt, Vielfalt und Gemeinsinn.)

Politik-Ressortleiter David Drenovak vom Reutlinger General-Anzeiger (GEA) schrieb: „Dass Höcke offiziell als Faschist tituliert werden darf, dass er und sein Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft sind, müsste eigentlich jedem bekannt sein. Stört aber hier heute Abend augenscheinlich niemanden. Das Gros der Besucher steht auf und applaudiert lautstark.“

Höcke habe die „Sprechmaschine“ angeworfen, wenige Gegner der Veranstaltung waren bei den Einlasskontrollen durchgeschlüpft und hatten ein Transparent hochgehoben: „Keine Faschisten in unserer Heimat.“ In Kürze wurden sie vom Publikum mit Buh-Rufen aus der Halle geleitet. Höcke gab sich völlig gelassen, präsentierte sich laut Drenovak als Saubermann.

Kurz habe Höcke gegen die Presse gehetzt, Deutschland sei eine Diktatur, die AfD kämpfe „einen moralischen Kampf“, eine Parole jagte die nächste. Das Publikum war nach Zeitungsangabe begeistert, erneut Standing Ovations, Höcke war der Held – ohne jegliche Differenzierung, konnte er sagen, was er wollte, immer Beifall, Jubel. Erinnert das nicht an andere Zeiten, vor knapp 100 Jahren?

Zur Landtagswahl am 8. März in Baden-Württemberg habe Höcke aber rein gar nichts gesagt. „Man weiß, wie der Zustand des deutschen Staates ist, wenn man den Zustand deutscher Autobahntoiletten kennt“, soll der Rechtsextreme an diesem Abend in der Wittumhalle gesagt haben.

Höcke gehe sehr versiert und rhetorisch gekonnt vor, so Drenovak. Das Fazit des Redakteurs: „Am Ende kommen (von Höcke) dann noch die Forderungen nach Remigration, Werten und Tradition. Die Verschwörungstheorie vom Austausch des deutschen Volkes wird ebenso bedient, wie die von fremden Mächten gesteuerten Politiker. Es ist für jeden etwas dabei vom radikalen Umsturzfanatiker bis hin zum gemäßigten besorgten Bürger.“ Und das Publikum? Das jubelt. Unglaublich.

Die Demonstrierenden neben der Halle, im Schulhof sind da schon längst abgezogen. Eine Lichterkette mit vielen Lücken zwischen Halle und Ortsmitte funktionierte nicht wirklich zusammenhängend. Doch die Stimmung unter den Demonstrierenden war gut. Drei Stunden gemeinsames Demonstrieren hat zumindest eins gezeigt: Wehrlos ist die Demokratie nicht. Gemeinsamer Protest gegen die AfD, die unsere Demokratie als Diktatur betrachtet, ist nicht nur sinnvoll, sondern auch extrem wichtig.

Gerade heute. Gerade in Zeiten, in denen (laut Demokratieindex der britischen Zeitschrift „The Economist“, Stand 2024) nur noch 42,5 Prozent der Menschen weltweit in einer Demokratie leben, nur noch 15 Prozent in einer „vollständigen Demokratie“. Deutschland gehört dazu. Hoffentlich auch weiterhin. Wir sind alle gefordert, für den Erhalt weiter zu kämpfen und auf die Straße zu gehen. Zumindest das.

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