Tränen fließen bei besonderer Ausstellung zum 4. Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine

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Rund 60 Menschen vor dem Metzinger Rathaus beim Gedenken an den russischen Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren

Ein ukrainisches Lied breitete sich am Dienstagnachmittag wie ein Teppich über den Platz vor dem alten Metzinger Rathaus. Allein das Lied war zu hören, in den Versen ging es um die Hoffnung auf einen Tag, an dem der Krieg in der Heimat endet. Die Sehnsucht ist groß, unter all den fast 400 ukrainischen Geflüchteten, die laut Bürgermeister Patrick Hubertz momentan in der Kelternstadt leben.

Sie wünschen sich endlich Frieden, nach vier Jahren endlich keine Raketen- und Drohnenangriffe mehr auf ihre Heimat, auf die Energieversorgung, auf die Infrastruktur und auf all die Wohngebäude. Bislang sind rund 15.000 Zivilisten auf ukrainischer Seite ermordet worden. Hinzu kommen geschätzte 600.000 Tote unter den ukrainischen Soldaten. Auf der russischen Seite sollen es mehr als doppelt so viele getötete Soldaten sein.

Die Plakate auf dem Metzinger Rathausplatz erinnerten am Dienstag aber zumeist an die Lebensbedingungen der Zivilisten in den ukrainischen Kommunen. Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass das Morden und Zerstören endlich aufhört. Dass die Ukrainer endlich mal wieder ruhig schlafen können. Genug zu essen, endlich wieder eine warme Wohnung haben. Dass sie keine Angst mehr haben müssen vor den tödlichen Angriffen jede Nacht.

Rund 60 Menschen fanden sich vor dem Metzinger Rathaus ein, genau vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Fast sechs Millionen Ukrainer sind aus ihren Kommunen geflüchtet. Mehr als eine Million, vor allem Frauen und Kinder, kamen nach Deutschland. Sie leben hier in Sicherheit – doch die ständige Angst um ihre Verwandten in der Heimat, um ihre Männer, Söhne und Väter an der Front beherrscht täglich ihre Gedanken und Gefühle.

Rund 20 in Metzingen lebende Ukrainerinnen hatten vor diesem vierten Jahrestag des Kriegsbeginns am Dienstag Plakate gestaltet. Darauf hatten sie die Namen der Orte, Städte und Gemeinden geschrieben, in denen sie ursprünglich gelebt haben. „Ich komme aus Saporischschja, in unserer Nähe steht ein Atomkraftwerk, wir leben nicht nur unter Raketen, sondern auch im Schatten einer möglichen nuklearen Katastrophe“, hat eine Frau geschrieben. „Ich komme aus Kyjiw, wir haben standgehalten, aber jetzt können wir nur in U-Bahnschächten und in Zelten schlafen“, schrieb eine andere Frau.

So manche Träne ist am Dienstagnachmittag geflossen. Viel Verzweiflung stand in den Gesichtern der Frauen, Kinder und der wenigen Männer, die ihre Plakate hielten. Die Erinnerung an ihre Heimat, an ihre Lieben in der Ukraine hatte sie alle ergriffen. „Ich komme aus Saporischschja, unsere Männer fehlen uns überall.“

Tetiana Muravlova war eine der Initiatorinnen der ungewöhnlichen, berührenden Ausstellung in Metzingen. Die Ukrainerin kam einst aus Poltawa, ein Foto einer Baumreihe aus der Stadt hat sie auf ihrem Plakat abgebildet und dazu geschrieben: „Wo einst Kastanien blühten, trägt die Allee heute die Namen Gefallener.“

Die gesamte Ausstellung trug den Titel „Hinter jedem Plakat steht ein Mensch, hinter jedem Menschen steht die ganze Stadt“. Aus Kyjiw, Charkiw, Winnyzja, Luhansk und vielen anderen, heute oftmals völlig zerstörten Orten kamen die Menschen. „Jedes Plakat erzählt eine persönliche Geschichte – von Zuhause, von Arbeit, von Geburt, von Verlust, von erzwungener Flucht oder vom Alltag unter Beschuss“, sagte Muravlova. Hinter den individuellen Geschichten stehe aber auch jeweils eine ganze Stadt „und hinter den Städten das Schicksal eines ganzen Landes“.

Die Geflüchteten, nun in Metzingen lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer träumen davon, dass der Krieg endlich, endlich endet. „Ziel der Ausstellung ist es, denjenigen eine Stimme zu geben, die den Krieg erleben“, sagte Eckart Ruopp als weiterer Mitinitiator der besonderen Ausstellung. „Es soll daran erinnert werden, dass die Ukraine nicht nur ein Territorium ist – das Land steht für Millionen menschlicher Geschichten.“

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