Mit Inner Wheel und Zonta spenden zwei Tübinger Clubs für „Body Voices“, ein Projekt für Überlebende sexueller Gewalt
Eine Dunkelfeldstudie des Bundesfamilienministeriums, des Innenministeriums und des Bundeskriminalamts (BKA) zwischen Juli 2023 und Januar 2025 hat ergeben: Fast jede zweite Person hat in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erlebt. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer. Aber Frauen erleiden öfter Verletzungen, empfinden stärkere Angst und schätzen die Lebensgefahr als größer ein. Bundesfamilienministerin Karin Prien zeigte sich Anfang Februar erschüttert von diesen Zahlen. Vor allem, so die Ministerin, wenn man bedenke, dass nur 5 Prozent der Gewalttaten zur Anzeige gebracht werden.
Im Jahr 2024 waren laut BKA rund 266.000 Menschen Opfer von häuslicher Gewalt, davon mehr als 70 Prozent weiblich. Betroffen und erschüttert zeigten sich vergangenen Freitagabend auch die beiden Clubs Zonta Tübingen und Inner Wheel Reutlingen-Tübingen besonders von der Zunahme der Gewalt gegen Mädchen und Frauen. „Unsere bundesweite Vereinigung hat dafür geworben, dass ein Gewalthilfegesetz von der Ampel-Bundesregierung auf den Weg gebracht wurde“, sagte Tübingens Zonta-Präsidentin Hildegard Kusicka.
Eine gemeinsame Spende von 2.000 Euro für das Projekt „Body Voices“ hat der Inner Wheel Club Reutlingen-Tübingen angestoßen, um das Projekt von Eva Michielin zu fördern: „Wir sind auf Zonta zugegangen und haben gefragt, ob wir nicht zusammen was gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen unternehmen sollen“, sagte Hanna Sumski vom Inner Wheel-Gemeindienst am vergangenen Freitagabend im Hofgut Rosenau.
„Dass zwei Clubs gemeinsam ein Spendenprojekt unterstützen, ist einmalig“, betonte Angelika Mez als Präsidentin von Inner Wheel Reutlingen-Tübingen. „Das Schicksal der Betroffenen berührt uns alle sehr, meist bleiben die Taten aber im Dunkeln.“ Die Spende an „Body Voices“ soll nach Mez Meinung keine einmalige bleiben. „Wir wollen Sie auch weiter unterstützen“, sagte sie zu Michielin.
„Angesichts der angestiegenen Zahlen häuslicher Gewalt war es für uns keine Frage, das Projekt zu unterstützen“, so Hildegard Kusicka. Für die „Überlebenden von sexualisierter Gewalt“ will Eva Michielin mit „Body Voices“ einen sicheren Raum bieten, „wo sie sich gesehen, gehalten und getragen fühlen“, betonte die Initiatorin des Projekts am Freitagabend. Wenn traumatisierte Überlebende an einem Dreitage-Workshop teilgenommen haben, fühlen sie sich laut Michielin oftmals zum ersten Mal wahrgenommen, mit ihren Schmerzen, mit ihrer Not. „Sie erfahren, dass sie nicht allein sind.“
Körperorientiert und traumatherapeutisch „wird ein Rahmen geschaffen, damit die Frauen aus dem Gefühl der Einsamkeit heraustreten können“, so die „Body Voices“-Initiatorin. „Wenn die Betroffenen merken, dass sie nicht allein sind mit ihren traumatischen Erfahrungen, ist schon ein Riesenschritt in Richtung Heilung vollzogen“, so Michielin. Dabei könnte man es mit Gisèle Pelicot halten, die in ihrem Buch über ihre jahrzehntelange Vergewaltigungen berichtet: „Die Scham muss die Seiten wechseln.“
Die ehemalige IT-Managerin Michielin als selbst Betroffene von sexualisierter Gewalt noch viel vor: „Ich will ‚Body Voices‘ weiter ausbauen, deutschlandweit, international“, betonte die Initiatorin und Künstlerin. Tübingen sei dabei zentral, aber sie denke deutlich weiter. „Ich kann alles, was ich als Managerin gelernt habe, in dem Projekt einsetzen“, sagte Eva Michielin. „Das Ziel am Horizont ist wichtig.“
Sich selbst sieht sie dabei in der Position als Fundraiserin, „ich würde mir nie anmaßen, in den Workshops therapeutisch arbeiten zu wollen – das können andere besser“. Für den dreitägigen Workshop werden jeweils Fachfrauen mit unterschiedlichen Schwerpunkten eingeladen – Atemtechnik, Baucharbeit, Meditation, Bewegung und Tanz, Tonfeld-Therapie, körperorientierte Übungen werden angeboten, um Traumafolgen und Stress abzubauen. Eine Workshop-Teilnehmerin im Jahr 2023 hatte sich danach geäußert: „Das waren die drei besten Tage meines Lebens.“
INFO:
„Body Voices“ erfährt breite Unterstützung und braucht Spenden
Der erste Workshop von „Body Voices“ von Eva Michielin wurde vom Landesministerium für Soziales, Gesundheit und Integration und auch der Stadt Tübingen gefördert. Schirmherrinnen sind unter anderen Dr. Daniela Harsch als kaufmännische Direktorin der Uniklinik Tübingen und Tübingens Sozialbürgermeisterin Dr. Gundula Schäfer-Vogel. Gespendet werden kann über betterplace.org.