Wie es ist, in Armut zu leben – Erfahrungsberichte im Tübinger Stadtmuseum über Flucht und Armut

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„Stadtgespräch“ zum Thema Jugendarmut im Tübinger Stadtmuseum mit Berichten, Ausführungen und einem Film unter dem Titel „Wir sind stark“

 Ist in der Universitätsstadt am Neckar Armut ein Thema? Sehr wohl. „Jeder siebte in Tübingen ist von Armut betroffen“, sagte Ann-Marie Kaiser, die in der Stadtverwaltung für die „Koordination Kinderchancen“ zuständig ist. Doch was heißt das eigentlich ganz konkret, arm zu sein, fragte Moderator Bruno Wiedermann-Kashefipour vom Stadtmuseum am Donnerstagabend die vier Frauen auf dem Podium.

Joudy und Parisa sind als Kinder aus ihrem Heimatland geflohen, vor Krieg und Verfolgung, sie haben Angst, Hunger, Panik und Armut auf dem Weg nach Deutschland erlebt. Und die beiden jungen Frauen wissen auch, was „relative Armut“ in Tübingen bedeutet. Nämlich: sich in der Schule ausgegrenzt fühlen, auf beengtem Wohnraum leben, kein Geld für den Bus, die Bahn zu haben oder sich keinen Kaffee, keine Cola leisten zu können, wenn sie mit Freunden unterwegs sind. Darüber berichteten Parisa und Joudy am Donnerstagabend im Stadtmuseum vor rund 20 Interessierten.

Zusammen mit den Fachfrauen Lena Hezel vom Mädchen*treff und Ann-Marie Kaiser erläuterten die zwei Jugendlichen, wie oftmals schambesetzt, ohnmächtig und stressig das Leben mit wenig Geld ist. Wenn etwa Jugendliche aufgrund ihrer Armut in der Schule ausgegrenzt werden. Oder wenn amtliche Schreiben kommen, die Kinder den Eltern übersetzen müssen – ohne dass sie selbst verstehen, was in den Briefen steht.

Stress bedeute auch, wenn Jugendliche nach der Schule Nebenjobs annehmen, um sich mal etwas leisten zu können. Doch Vorsicht: „Wenn Jugendliche einen Job annehmen, wird das beim Wohngeld der Familie angerechnet“, sagte Parisa aus eigener Erfahrung. „Es kann doch nicht sein, dass Kinder die Eltern finanziell unterstützen müssen, da muss sich was ändern“, forderte die Studentin.

Zwar gebe es einiges an Hilfen in Tübingen für ärmere Menschen, durch die KBC zum Beispiel, die Kreis-Bonus-Card. „Damit wird Armut aber nicht strukturell angegangen“, sagte Lena Hezel. Einige Probleme seien laut Kaiser erkannt worden, etwa dass manche Kinder und Jugendliche in der Schule kein Mittagessen kriegen, solange die Bearbeitung der Anträge bei der Stadtverwaltung dauert. Sozialpädagogin Kaiser sagte: „Ämter sollten mehr Kulanz zeigen, gerade, wenn es um Essen oder Teilhabe bei Kindern und Jugendlichen geht.“

Am Donnerstagabend wurde im Stadtmuseum zudem ein Film gezeigt, den fünf Jugendliche mit dem Mädchen*treff gedreht hatten. Unter dem Titel „Ich bin stark“ verdeutlichten die jungen Frauen eindrucksvoll, wie sie selbst Flucht und Armut erlebt haben. „Die Bewusstwerdung, dass sie nicht selbst die Schuld an der Armut tragen, war ganz wichtig“, sagte Hezel.

„Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für arme Familien und besonders auch für die betroffenen Kinder und Jugendlichen“, betonte Kaiser. „Sie müssen enorm viel leisten.“ Das momentane „Bashing von Bürgergeldempfängern und Armutsbetroffenen“ müsse aufhören, „wir müssen dem entgegentreten“. Denn: „Arme Menschen sind nicht schuld an ihrer Situation.“

Dieses Thema werde in der Gesellschaft immer mehr zugespitzt, betonte Lena Hezel. „86 Prozent der Bevölkerung sind dafür, dass Bürgergeldempfänger stärker sanktioniert werden.“ Genau das sei ein Zeichen dafür, dass das kapitalistische System nur funktioniere, „wenn ganz viele Menschen wenig besitzen und ganz wenige ganz viel“, betonte die Sozialpädagogin Hezel. In der Gesellschaft sei mehr Solidarität gefordert, betonte eine Besucherin des „Stadtgesprächs“.

Die Veranstaltung war im Übrigen eine des Freundeskreises des Stadtmuseums, wie Wilhelm Triebold ausgeführt hatte. Der Titel des Gesprächs „Hungrig in die Schule?“ sei also auch in Tübingen ein Thema. Wenn auch eines, gegen das laut Kaiser viel getan werde – von der Stadtverwaltung ebenso wie von zahlreichen Tübinger Ehrenamtlichen. Aber, so Lena Hezel: Auch das ehrenamtliche Engagement könne die Mängel im System nicht beheben.

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