Joachim Glaubitz vom Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart diskutierte am Donnerstagabend in der Reutlinger VHS mit rund 40 Interessierten über die Frage, wie der Rechtsextremismus die Gesellschaft verändert
„Messerattacken, Kommunen am Limit – wir kennen die Schlagzeilen“, betonte Asylpfarrerin Lena Möller am Donnerstagabend in der Reutlinger VHS bei einer Gemeinschaftsveranstaltung von AK Flucht und Asyl, Bündnis für Menschenrechte, VHS und Caritas. Mit den Schlagzeilen werde laut Möller der Blick stets negativ auf Geflüchtete gerichtet, das lenke ab „und erspart komplizierte Antworten“.
Doch an diesem Abend in der VHS wollten die Interessierten zusammen mit Joachim Glaubitz als Rechtsextremismus-Experte beim Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart „genauer hinschauen“. In all den Diskussionen um „Migration“ gehe es stets „um zu viele Flüchtlinge“, um das Boot, das vermeintlich voll sein soll. Die Menschen, die aus vielerlei Gründen aus ihrer Heimat fliehen, werden zu Sündenböcken abgestempelt.
2026 stehen schon wieder Wahlen an, in insgesamt fünf Bundesländern. Der Ton wird erneut sehr rau – von Asylsuchenden und Migration ist allerdings im Wahlkampf (zumindest bei den demokratischen Parteien) keine Spur mehr. Gleichzeitig werden die Maßnahmen zur Abschiebung von Geflüchteten und zur Abschottung Europas immer drastischer. Der „Kulturkampf“ ist in vollem Gang, wie Joachim Glaubitz betonte. Und „die Grenze des Sagbaren wird radikal nach rechts verschoben“.
Der Begriff der „Remigration“ sei kein Ausrutscher, kein Versehen, sondern diene dazu, die „Migration“ immer mehr als Problem zu definieren. „Man könnte das Jahr 2015 ja auch als Krönung der Mitmenschlichkeit betrachten“, so Glaubitz Doch die Realität heute sehe anders aus.
Die Erkenntnis sei wichtig, dass es sich bei der „Remigration“ nicht um freiwillige Rückkehr ins Heimatland handle, sondern um „gewaltvolle Deportation“, betonte Joachim Glaubitz. Der Blick in die USA mit den ICE-Söldnern in Minneapolis zeige, wie so was aussehen kann. „Die Schlinge darf bei uns nicht noch enger werden“, so der Referent. Dennoch rede Innenminister Dobrindt schon über „Return Hubs“ – „das sind Abschiebelager“, so Glaubitz.
Warnend mahnte der Experte: „Faschismus kommt nicht über Nacht, er schleicht sich bei blauem Himmel und Sonnenschein an.“ Klar zu erkennen sei das jetzt im „Super-Wahljahr“. Die Sündenböcke sind zurzeit nicht die Geflüchteten, sondern die Arbeitslosen, die Bürgergeldempfänger, die endlich wieder raus aus der sozialen Hängematte sollen. Und alle anderen raus aus der „Lifestyle-Teilzeit“.
(Foto):Das Kuchendiagramm verdeutlicht, wer den Staat ausnützt – die „Sozialbetrüger“ (mit rund 260 Mio Euro) im Vergleich zu denen, die Steuern hinterziehen (mit etwa 200 Mrd Euro).
Äußerungen von Kanzler Merz gefeiert“, sagte Joachim Glaubitz. „CDU und CSU wirken mit an der Normalisierung des Sagbaren, das immer weiter nach rechts verschoben wird.“ Gestärkt werde damit aber nur der rechte Rand.
Dieser Rechtsruck sei nicht allein in Deutschland zu spüren, ebenso in den USA und in weiten Teilen Europas. Weltweit würden die Rechtsextremen nach dem Motto vorgehen „flood the zone with shit“ – also „flutet die Öffentlichkeit mit Müll“, so dass „das Gehirn kurz vor dem Kollaps ist“. In Deutschland richte sich dieser ganze Mist zurzeit „gegen alle Menschen, die nicht produktiv sind“.
Doch was tun gegen die Reizüberflutung? Glaubitz Rat: Öfter mal abschalten, nicht bei jedem Stichwort wie „Jobverweigerer, Telefonkrankschreibungen, Bürgergeld-Streichung, Zahnarztbesuche selbst zahlen“ gleich an die Decke gehen. „Das sind Testballons.“
Schuld an den Miseren in der Gesellschaft seien nicht die Geflüchteten und auch nicht die Bürgergeldempfänger: „Es geht darum, weiter nach unten zu treten und die Solidarität in der Gesellschaft aufzukündigen.“
Was tun? „Wir brauchen emotionale positive Geschichten, wie die Zukunft aussehen kann, wir müssen andere Werte setzen, als die, mit denen wir täglich konfrontiert werden“, so Glaubitz. Außerdem sei „Humor wirklich wichtig bei allem Chaos“. Man solle sich Gleichgesinnte suchen, auf Empathie, Respekt und Solidarität setzen.
„Es ist wichtig, für Schwächere die Stimme zu erheben“, sagte der Referent. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Mehrheit in der Gesellschaft gegen Rechtsextremismus ist.“ Die ukrainisch-deutsche Politikerin Marina Weisband habe mal gesagt, „selbst wenn morgen meine Welt zusammenbricht und ich alles verliere, wird es doch auch ein Übermorgen geben“. Es gelte, heute die Saat für eine bessere, gewaltfreie Welt im Übermorgen auszusäen.