Wie recht er doch hat, der Carsten Brosda (SPD), 1974 geboren, Senator für Kultur und Medien in Hamburg. Der schrieb nämlich, dass „Schlechte Laune auch keine Lösung ist“. Oh ja. Wie wahr.
Erschienen sind die Ausführungen von Carsten Brosda in der ZEIT vom 8. Januar. Platziert ausgerechnet über einer Werbung für die grandiose Komödie „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling und Christoph Maria Herbst. Sehr empfehlenswert. Also beides. Der Text von Brosda und die Komödie, die umwerfend mit Vorurteilen und Klischees spielt. Zum Brüllen.
Der Artikel des Senators aber geht noch viel mehr ans Herz, weil er beschreibt, dass die miese Laune im Land nichts bringt. Gar nichts. Also außer – schlechte Laune. Alles, so schreibt er, was im Moment regelrecht zum Verzweifeln einlädt, letztendlich doch menschengemacht ist. Und wenn das so ist, so die Schlussfolgerung, dann könnten wir doch auch dagegen vorgehen und das Ruder wieder herumreißen. Oder nicht?
Klar: So Typen wie Trump und Putin könnten mich schon dazu verleiten, mich in einem Stück Holz oder gar in einem ganzen Baum festzubeißen und bloß nicht mehr loszulassen. Weil sonst nichts mehr hilft? Und der Klimawandel. Klar. Die Katastrophen sind weltweit sichtbar. Irgendwann wird es nicht immer nur die armen Länder treffen, sondern auch uns, mit alles vernichtenden Überschwemmungen oder Waldbränden.
Ich kann auch das Herumhacken auf den Bürgergeldempfängern nicht völlig ignorieren. Die berühmte „soziale Hängematte“. Das hatten wir doch vor 40 Jahren schon. Immer wieder auf den Ärmsten herumprügeln. Entweder auf den Flüchtlingen oder eben auf den anderen Menschen, die eh kaum was haben. Die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Als ob die Menschen da freiwillig reingeraten, zum Staat gehen und bestgelaunt betteln. Glaubt Ihr, dass das ein tolles Gefühl ist? Und überhaupt – „soziale Hängematte“. So ein Bullshit. Als ob die Menschen es dort wahnsinnig bequem hätten: den ganzen Tag Caipirinha schlürfen und sich die Sonne auf den Pelz brennen lassen. Super. Sorgenlos in den Tag hineinleben. Was für ein ausgemachter Blödsinn.
Diejenigen, die das behaupten, haben doch überhaupt keine Ahnung. Denen geht es finanziell zumeist deutlich besser. Und dann auch noch Markus Söder, gestern mal kurz rausgehauen, die Arbeitnehmer sollen doch für den Aufschwung einfach eine Stunde in der Woche mehr arbeiten. Endlich wieder Ärmel hochkrempeln, alles für den Aufschwung – und alles wird gut. „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“ – mit dem Titel landete die Band „Geier Sturzflug“ 1982 einen Riesenhit.
Und heute: Bloß die Unternehmen nicht belasten. Erbschaftssteuer oder Reichensteuer? Oh Gott. Pfui. Das ist doch des Teufels, solche absurden Gedanken. „Die Unternehmen sind doch eh schon so sehr belastet, die rennen dann alle ins Ausland“, sagt die FDP. Was für ein Quatsch. Und warum nicht endlich die kriminellen Steuerbetrüger angehen, die jährlich Milliarden Euro hinterziehen? CumEx, Cumcum und noch viel mehr Schweinereien. Das ist eine moralische Bankrotterklärung des Staats, wenn dem nicht endlich Einhalt geboten wird. Aaaah. Beißen. Beißen. Beißen.
Oder: Lächeln. Genau. Lächeln. Maria Kalesnikava hat es vorgemacht. Und ihr ging es im Gefängnis in der Einzelhaft wesentlich schlechter als uns. Trotzdem hat sie gelächelt. Sie war freundlich. Hat ihr lachendes Gesicht dem Diktator Lukaschenko gezeigt. Kalesnikova ist heute eine 43jährige Frau, die fünf Jahre in Weißrussland, in Belarus in Haft saß. Und das aus einem einzigen Grund: Weil sie im Wahlkampf gegen Lukaschenko gekämpft hat, weil sie eine Gegenkandidatin unterstützte. Kalesnikava weigerte sich, ihre Heimat zu verlassen. Sie hat ihren Pass zerrissen, damit sie nicht aus Belarus abgeschoben werden konnte. Dafür kam sie ins Gefängnis. Fünf lange Jahre, davon drei in Einzelhaft. 2024 habe sie nur 22mal ein paar Sonnenstrahlen gesehen, sagt sie heute. Ansonsten sei sie immer in der Zelle gewesen. Allein.
Wie sie das ausgehalten hat? Wie sie nicht zerbrach, wie sie überhaupt überleben konnte? Sie hat gelächelt. Ihre Wärter angelächelt. Obwohl die zumeist alles andere als freundlich waren. Sie hat ihre Mitgefangenen angelächelt, ihnen „Guten Morgen“ und „Guten Appetit“ gewünscht. Das habe gewirkt. Kalesnikava hat überlebt, weil sie eine unglaubliche Stärke in sich trägt, um all den Schikanen, dem Psychoterror trotzen zu können. Mit Lächeln. Für die Wärter, die Aufseher, den Diktator war das ein Zeichen. Dass sie diese unglaubliche Frau nicht brechen konnten. Sie hätten sie schon umbringen müssen. Was auch fast geschehen ist, eine Notoperation wegen eines Magengeschwürs holte sie ins Leben zurück. Sie wog dann nur noch 45 Kilogramm. Und was tat sie? Sie lächelte. Nach einem Abkommen, einem Deal mit den USA wurde sie vor einem Monat zusammen mit weiteren rund 100 Gefangenen freigelassen. Sie ist jetzt in Deutschland – und lächelt. Was für eine Frau.
Was ich ganz persönlich von ihr lernen kann? Viel mehr als dass schlechte Laune auch keine Lösung ist. Denn: Was bringt es, pessimistisch in die Zukunft zu blicken? Wenn wir nicht glauben, dass es für die nächsten Generationen auch noch eine lebenswerte Welt gibt – warum sollten wir dann überhaupt weiterleben? Aber der Mensch braucht Hoffnung. Ohne sie macht alles keinen Sinn.
Laut Brosda hatte der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim geschrieben, dass stets zwei unterschiedliche Gruppen miteinander ringen: „Die einen betrachten die Gegenwart als die letzte Etappe einer Vergangenheit, die anderen als den Beginn einer Zukunft“, so Mannheim. Brosda schrieb dazu: „Wenn wir wollen, dass unsere Demokratie noch eine Chance hat, wird es Zeit, dass die Mitglieder der zweiten Gruppe sichtbar auf den Platz kommen, um von den Chancen dieser Zukunft zu reden. Das wird die Laune verbessern.“
Deshalb: Lächeln. Freundlich sein. Die Hoffnung nicht verlieren. Den Mitmenschen zeigen, dass eine Welt voller Freundlichkeit und Lächeln viel, viel, viel besser ist als ein Zurück in eine Vergangenheit, die im Übrigen eh nie so schön und glorreich war, wie uns das die Rückwärtsgerichteten vormachen wollen. Wir brauchen Hoffnung. Also vorwärts in das Länd des Lächelns.