Gedenkspaziergang von „Metzingen ist bunt“ und „Bunter Block Metzingen“ zu einstigen Wohnorten von Opfern des Nationalsozialismus – Stolpersteine sollen dort verlegt werden
Es regnete am Dienstagabend in Metzingen, zeitweise sogar sehr heftig. Trotzdem hatten sich mehr als 50 Interessierte gegen 18.30 Uhr beim Eduard-Kahl-Bad getroffen, um bei einem Gedenkspaziergang anlässlich des Holocaust-Gedenktages dabei zu sein. „Das Wetter passt zu dem Anlass“, sagte jemand. Denn: Am 27. Januar 1945, „vor 81 Jahren“, so Grünen-Gemeinderätin Lisa Weigert, „ist das KZ Auschwitz befreit worden“. Seit 30 Jahren ist dieses Datum ein bundesweiter Gedenktag für die Opfer der NS-Zeit.
Insgesamt zu sieben Stationen führte dieser besondere Stadtrundgang, der vom „Metzinger Bunten Block“ und „Metzingen ist bunt“ organisiert wurde. Die Haltung, die zur Ermordung von Millionen Menschen führte, sei aber schon weit vor dem Jahr 1945 bereitet worden, „als Menschen sich über andere erhoben hatten“, hatte Weigert betont. Der heutige Blick in die USA diene als Warnung. „Wir tragen alle miteinander Verantwortung, dass so was wie unter den Nazis nicht noch einmal passiert.“
Erfreulich an diesem kühlen, regnerischen Abend: Zahlreiche jüngere Teilnehmende liefen mit durch die Innenstadt, zu Häusern, in denen einst Opfer des Nationalsozialismus wohnten. In die Schillerstraße 14 etwa, wo Marco Mielich an die jüdische Familie Herold erinnerte – ein angesehenes Unternehmerpaar mit drei Kindern.
„Sie dachten, ihnen könne nichts passieren.“ Doch in der Reichspogromnacht 1938 wurden Fenster in ihrem Wohnhaus eingeworfen, berichtete Mielich. Die drei Herold-Kinder sind in die USA und nach Palästina geflüchtet, das Paar Adolf und Jenny Herold wurden 1941 nach Riga verschleppt, wo sie von der SS ermordet wurden.
Mehrere Metzinger Bürgerinnen und Bürger wurden Opfer der Aktion T4, der systematischen Ermordung von psychisch Kranken. Darunter war Sophie Ruoss, die in der Gustav-Werner-Straße 1 gelebt hatte. Angelika Brauner berichtete: „Sophie war eines von sieben Kindern, sie wurde 1891 geboren, ging mit 16 Jahren in Stellung, machte mit 18 Jahren eine Ausbildung zur Büglerin und dann zur Pelzmacherin.“
1923 bekam Sophie Ruoss einen unehelichen Sohn, sie wanderte ohne ihn in die USA aus, wurde psychisch krank und nach Deutschland zurückgeschickt. Über mehrere Heilanstalten kam sie nach Grafeneck, wo sie 1940 ermordet wurde. Ähnlich erging es auch Adam Gassner, Friederike Schäfer sowie Karl und Kurt Knaisch – die ebenfalls psychisch erkrankt Opfer der der ersten systematischen, massenhaften Ermordung von Menschen durch Giftgas wurden.
Die Metzinger Opfer der Euthanasie hatten in der Urbanstraße 10 gewohnt, in der Stuttgarter Straße 13 und Beim Rathaus 16. Ebenfalls auf dem Weg beim Gedenkrundgang lag die Nürtinger Straße 28, wo einst Albert Fischer wohnte. Als Metzinger KPD- und Gemeinderatsmitglied war er mehrfach verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager gesteckt worden. Er überlebte, kam im April 1945 nach Metzingen zurück, wurde zum zweiten kommissarischen Bürgermeister eingesetzt und starb im Mai 1952, wie Thomas Lusch erläuterte.
Vor den Häusern der Metzinger NS-Opfer sollen von dem Künstler Gunter Demnig Stolpersteine in den Boden eingelassen werden – mit den jeweiligen Namen der Menschen, den Lebens- und Schicksalsdaten. Am 16. Oktober vergangenen Jahres hatte der Metzinger Gemeinderat dem Vorhaben zugestimmt – nur die CDU vertrat die Auffassung, dass das Mahnmal für die Opfer der NS-Diktatur des Künstlers Konrad Schlipf neben dem Rathaus ausreiche.
Am Dienstagabend hielt dort in einem Eck, ziemlich versteckt neben dem Rathauseingang, Christian Mündl zum Abschluss des Rundgangs einen beeindruckenden Vortrag über das Mahnmal sowie übe rdie Geschichte der Opfer- und Täterforschung – beide hatten erst viele Jahrzehnte nach 1945 begonnen.
Um die Opfer nicht zu vergessen „stiftet das Mahnmal Sichtbarkeit im öffentlichen Raum – wie auch die Stolpersteine“, so Mündl. „Die Geschichte ist nicht abgeschlossen, wir müssen uns auch weiter für Demokratie einsetzen, für die Menschenwürde und Solidarität.“