Neujahrsempfang von Reutlinger IHK und Handwerkskammer mit zahlreichen Ehrengästen und Vortrag des Präsidenten des Landeskriminalamts über Cyberkriminalität
„Cybercrime entwickelt sich dynamisch, grenzüberschreitend und transnational“, sagte Andreas Stenger am Donnerstagabend in der Reutlinger Stadthalle. „Die Cyberkriminellen sitzen oft in Ländern mit sicheren Häfen, die Folgen ihrer Taten sind immens, jeden zweiten Tag werden kleine Handwerksbetriebe genauso angegriffen wie große Unternehmen“, betonte der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts.
Der gemeinsame Neujahrsempfang von Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie der Reutlinger Handwerkskammer hatte knapp 500 Gäste angelockt, darunter viel Prominenz bis hin zu Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Aber: „Das ist Ihr Empfang“, hatte Moderator Christoph Heise von der IHK die Unternehmerinnen und Unternehmer aus Wirtschaft, Industrie und Handwerk begrüßt.
Mit viel „Kawumm“ (so der Titel des ersten Trommelstücks) ließen zunächst die „Drum-Stars“ mit viel Power und Lichtshow die Stadthalle erbeben. Die drei Trommler begeisterten das Publikum noch mehrmals etwa mit Aluleitern als Drum-Instrumenten. Gefreut hat sich besonders Handwerkskammer-Präsident Alexander Wälde über diese Darbietung: „Toll wäre, wenn jeder Arbeitstag bei den Handwerkern so schwungvoll beginnen würde.“
Allerdings hätten viele Handwerksbetriebe „Jahre mit hohen Energiepreisen hinter sich, einer schwachen Baukonjunktur, anhaltendem Fachkräftemangel und enormer Unsicherheit“, so Wälde. Fast schon leidend sagte er: „Es tut sich nichts beim Bürokratieabbau.“ Auch IHK-Präsident Johannes Schwörer hieb in diese Kerbe: „Seit den alten Römern wird versucht, das Dickicht der Bürokratie zu lichten – mit sehr mäßigem Erfolg.“
Der IHK-Chef bemängelte zudem die Idee, „in Zeiten lahmender Konjunktur die Erbschaftssteuer heranziehen zu wollen – anstatt Steuern zu senken“. Auch er monierte, die Energiepreise seien zu hoch, gleichzeitig müsse das Rentensystem dringend reformiert werden. Was zu tun sei? „Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und wieder produktiver sein“, so Schwörer. „Innovationsfreude, Tatkraft und Mut – ein neues ‚Wir-Gefühl‘ wird gebraucht.“
Alexander Wälde ergänzte, dass Infrastruktur, Digitalisierung, moderne Stromnetze, flächendeckender Mobilfunk und Glasfaser dringend vonnöten seien für wirtschaftliches Handeln. Und: „Wenn wir über Fachkräfte sprechen, müssen wir immer auch über Wohnraum sprechen.“
Wesentlicher Bestandteil in Unternehmen und Betrieben sei heutzutage aber auch die Frage der Datensicherheit als Standortfaktor. Die beginne nach den Worten des Landeskriminalamts-Präsidenten bei den Passwörtern, die halt nicht 12345 heißen dürften. Die Kriminalbehörde unterstütze die Unternehmen seit 2012 mit einer eigenen Abteilung gegen Cybercrime.
Dort arbeiten 130 Mitarbeiter, darunter viele IT’ler, Kriminalisten und Wissenschaftler. Das sei auch notwendig, denn: Cyberkriminalität verursache deutschlandweit jährlich Schäden von rund 200 Milliarden Euro. Jedes zweite große und kleine Unternehmen sei von Angriffen auf die IT-Strukturen betroffen, allerdings werde nur ein Bruchteil der erfolgten Cyber-Attacken bei der Polizei gemeldet. Das sei ein großer Fehler, so Andreas Stenger. „Wir sind diskret und wir haben manchmal den Schlüssel, um verschlüsselte Daten wieder freizugeben.“
Der Rat des Behördenchefs: „Melden Sie sich bei der Polizei.“ Er wolle keine Panikmache betreiben, aber die Bedrohungen seien real. Auch durch Cyberspionage und Cybersabotage. Und durch „Wegwerfagenten“, die etwa in Baden-Württemberg 90 Sabotageakte an SUV-Auspuffrohren vornahmen und dann Bilder von Robert Habeck dazulegten. „Es gibt viele solche Fälle.“ Auch Desinformation im Netz und über Messengerdienste von russischen Troll-Armeen spiele eine Rolle, „um für Unruhe im Land zu sorgen“. Stengers Rat: „Erst denken, bevor klicken.“
Bearbeitet werde im Landeskriminalamt zudem die organisierte Kriminalität, Geldwäsche, Drogenhandel und ein großer Bereich der Wirtschaftskriminalität. „Dort verursachen zwei Prozent der Straftaten rund 50 Prozent der Schadenssumme.“ Hinzu kämen mit Staatsschutz und Antiterrorismuszentrum weitere Bereiche des Landeskriminalamts, die sich um den Schutz etwa von kritischer Infrastruktur und Unternehmen kümmern. Bei so vielen Straftaten bleibe die Frage: „Ist nun alles katastrophal schlimm?“ Die Antwort gab Stenger selbst: „Wir tun alles Erdenkliche, um schneller, besser und umfassender gegen die Straftäter vorzugehen.“ Eine Aufklärungsquote der Straftaten von 63 Prozent sei vergleichsweise gut.