Armut in all seinen Facetten – Bereichernder Abend in der Reutlinger Vesperkirche

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Rund 30 Interessierte am Mittwochabend in der Reutlinger Vesperkirche bei ungewöhnlichem Gesprächsformat „Sprechen und Zuhören“

„Ich hatte bisher nicht viel Kontakt mit Armut“, sagten einige der Anwesenden am Mittwochabend in der Reutlinger Vesperkirche. „Ich war alleinerziehend, musste jeden Cent umdrehen, bin sehenden Auges in die Altersarmut reingerutscht“, betonte eine Frau. Schlimm seien die Vorwürfe aus der Politik, dass Ärmere doch selber schuld seien, dass sie faul seien.

Es ging kräftig zur Sache und sehr ins Detail in der Vesperkirche bei diesem besonderen Gesprächsformat zum Thema Armut. Manche der mehr als 30 Anwesenden wussten vor dem Start an diesem Abend nicht so genau, was auf sie zukommen würde – und ob sie überhaupt richtig seien bei dieser Veranstaltung.

Claudia Guggemos (Katholische Erwachsenenbildung) und Dr. Joachim Rückle (Diakonieverband) hatten sich im vergangenen Jahr fortgebildet in einer neuen Gesprächsmethode, die vom Verein „Mehr Demokratie“ entwickelt wurde. Es gehe nicht nur ums Zuhören, sondern auch um das eigene Sprechen, darum, persönliche Befindlichkeiten und Gedanken zu äußern, so Rückle eingangs.

Vier Minuten lang sprechen. In den jeweiligen Kleingruppen von drei bis vier Teilnehmenden äußerte sich jeweils eine Person, die anderen hörten zu. Ohne Kommentare, ohne Zwischenfragen. „Das war gar nicht so leicht, nichts zu sagen, mir lag so oft was auf der Zunge“, sagte eine der Teilnehmerinnen nach drei solcher Runden. Alle kamen zu Wort, allen wurde zugehört.

Die einhellige Meinung von fast allen der rund 30 Personen war am Schluss eine ähnliche: „Sehr bereichernd, tolles Format, spannend“, sagten viele. „Das war so wie ‚speed dating‘“, meinte einer der Jüngeren. Gelobt wurde auch, dass so viele unterschiedliche Menschen aus vielen Schichten dabei waren. Jugendliche, Ältere, Azubis, Studierende, Betuchte und Arme, Politikerinnen, Sozialarbeiter und ehrenamtlich Engagierte.

„Ich gratuliere zu dem Mut, sich hier auf was Unbekanntes einzulassen“, hatte Joachim Rückle eingangs betont. In den acht Gruppen wurde es vom Startgong an gleich sehr intensiv, sehr persönlich. „Wenn ich sehe, was andere Familien für Lebensmittel kaufen – das Meiste davon könnte ich mir nicht leisten“, so eine Frau. Die Ursachen von Armut kamen auf den Tisch: Arbeitslosigkeit, Verlust des Partners, alleinerziehend, während des Studiums psychisch krank geworden, seitdem von Bürgergeld leben müssen.

Die Äußerungen von Teilnehmenden waren oft sehr berührend, manches Mal auch zutiefst erschütternd. „Es ist so demütigend, wenn du siehst, dass dein Kind als einziges ohne Buddelhose im Regen steht und im Schlamm spielt.“

Wenn man im Kindergarten zum Tauschregal mit den Gummistiefeln geht, eine Nummer größer für seine Tochter auswählt – und gleichzeitig die Scham einen überfällt, weil man sich für das eigene Kind keine neuen Stiefelchen kaufen kann. Wenn man in der Tafel einkaufen muss, sich den Supermarkt nicht leisten kann.

„Ich erlebe in der Vesperkirche immer wieder, dass Leute hier reinkommen, niemand anschauen, immer nur auf den Boden starren“, sagte Vesperkirchen-Pfarrerin Birgit Hövel. Diese Scham der Menschen zu registrieren, „das geht enorm ans Herz“. Armut führe auch in die Einsamkeit – „wenn ich nicht ins Kino gehen kann“, wenn das Treffen mit Freunden in einem Café nicht drin ist.

Wenn das Geld nicht einmal reicht, um mit den Öffentlichen zu Angehörigen zu fahren. Wie schrecklich schambesetzt, wenn selbst kleine Geschenke für die Kinder oder Enkel nicht möglich sind. Gut seien zwar die sozialen Sicherungssysteme, Bürger- und Wohngeld, sonstige Unterstützungsmöglichkeiten – viel werde getan.

Und trotzdem gebe es in diesem reichen Land Armut. Obdachlosigkeit. Viel zu teure Mieten, zu hohe Energiekosten. Sozialwohnungen fehlen. Inflation führe zu immer teureren Lebensmitteln. „Sogar viele Jüngere plagt die Sorge vor dem sozialen Abstieg“, sagte einer der Jüngeren an diesem Abend. „Die Miete für meine Wohnung könnte ich mir allein nicht mehr leisten“, so eine Frau kurz vor der Rente.

Es war ein denkwürdiger Abend in der Nikolaikirche. Viele der Teilnehmenden fühlten sich im Austausch mit den ihnen zumeist unbekannten Menschen beschenkt. Mit Personen ins Gespräch zu kommen, mit denen man sonst nie zusammengekommen wäre, ihnen zuzuhören, Bruchteile aus anderen Lebenswelten kennenzulernen, die Not von Menschen aus deren eigener Betroffenheit zu hören und besser zu verstehen – all das war nicht nur außergewöhnlich. Dieser Abend erweiterte den Horizont.

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