„Können sich Politiker vorstellen, wie es uns geht?“ – Wahlpodium bei DaCapo

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(Fotos: Inmitten von Beschäftigten von DaCapo hatten sich die Kandidatinnen und Kandidaten für die Landtagswahl am 8. März versammelt und beantworteten die Fragen zur Arbeitslosigkeit, Armut und mehr)

Landtagswahlkandidatinnen und -kandidaten zu Gast bei sozialem Beschäftigungsträger DaCapo – Betroffene von Arbeitslosigkeit kommen zu Wort

 „Können sich Politiker vorstellen, wie es uns geht“, war eine ganz klare Frage an die Kandidatinnen und Kandidaten, die bei der Landtagswahl am 8. März antreten. Am Mittwoch waren sie bei DaCapo, dem Reutlinger sozialen Beschäftigungsträger. Die Antworten auf die einfache Frage waren sehr unterschiedlich.

Jessica Knapp (Linke) etwa berichtete über ihre eigene Armut, ihre Jobsuche als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern. „Ich weiß, was es bedeutet, zum Arbeitsamt zu müssen und Bürgergeld zu beantragen.“ Sie forderte: „Man muss den Menschen mehr Gehör verschaffen, das fehlt in der Politik.“

Ronja Nothofer-Hahn (SPD) bestätigte das: „Ja, es stimmt, Politiker können sich oft die Situation von Arbeitslosen nicht vorstellen, da fallen viele Worthülsen.“ Thomas Poreski wisse sehr wohl, wie es Arbeitslosen geht, schließlich seien seine Eltern selbst arm und der Grünen-Politiker einige Jahre Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe gewesen. Zu drei Themenbereichen hatten DaCapo-Beschäftigte am Vormittag in einem Workshop ihre Gedanken gesammelt und geäußert – Armut und Lebenshaltungskosten, Angst vor der Zukunft und Arbeitslosigkeit.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Sabrina Stula-Hauser (Caritas) und Holger Fuhrmann (Diakonie Württemberg). Beschäftigte von DaCapo Florian P. und Karsten H. sagten zur Arbeitslosigkeit: „Wo sollen wir Stellen finden, in der unsicheren wirtschaftlichen Situation?“ Albrecht Raible (FDP-Kandidat aus Balingen) sagte dazu: „Es muss einfach sein, wieder in Arbeit zu kommen, aber – in den Ballungsräumen, wo Stellen abgebaut werden, wird das schwierig sein.“

Zum Thema Armut und Lebenshaltungskosten, sagte Heike F.: Die Mieten seien viel zu hoch und nicht mehr bezahlbar für Menschen mit wenig Geld. Das Deutschlandticket sei gut, aber viel zu teuer, genauso wie Kita-Plätze: „Manche Eltern nehmen ihr Kind aus dem Mittagessen raus, weil sie das nicht zahlen können“, so Heike F.. Lebensmittel würden immer teurer, das Bürgergeld reiche nur knapp, mal ins Kino oder für andere Freizeitaktivitäten sei nie Geld da. „Das führt zur Vereinsamung.“

Jessica Knapp stimmte allem zu, „da geht es auch um die Menschenwürde“. Mieten müssten gedeckelt, der soziale Wohnungsbau drastisch gefördert werden“. Ronja Nothofer-Hahn stimmte zu: „In Baden-Württemberg fehlen 200.000 Sozialwohnungen, da muss massiv investiert werden.“ Auch sie forderte: Kitas müssten kostenfrei sein, Schließlich gebe es elf Bundesländer, die genau das anbieten. „Warum nicht bei uns“, hieß es dazu.

Martina Seif sagte als Zweikandidatin der CDU im Wahlkreis Reutlingen, die Kommunen seien blank, sie könnten keine kostenfreien Kitas anbieten. Zum sozialen Wohnungsbau forderte sie, dass Baustandards reduziert und Genehmigungsverfahren verkürzt werden. „Wir müssen von den hohen Standards runter.“

Raible forderte: „Bauen, bauen, bauen“ und zwar mit neuen Methoden wie Leichtbau, serielles Bauen und „die Bauordnung kann eh weg“. Sonja K. fragte, warum sich bei der Erbschafts- und Vermögenssteuer nichts tue, die würde doch den Ländern zugutekommen. Martina Seif dazu: „Das darf den Mittelstand nicht treffen.“ Poreski warf ein: „Wenn jemand drei Wohnungen erbt, muss er Erbschaftssteuer zahlen, wenn er 300 erbt, nicht.“

Angst vor der Zukunft sei in jeder Schicht vorhanden, sagte Seif. Die außenpolitische Lage sei laut Raible „sehr komplex, gute Außenpolitik gibt es nur durch innere Stärke“. Einen Grund für die Unsicherheiten sieht Poreski darin, dass sich „unterschiedliche Lebensschichten nicht mehr begegnen“. Ein Ansatz, das zu beheben, sei das Projekt „Hallo, Nachbarn“ im Ringelbach. Knapp betonte: „Die Wortwahl in Politik und Gesellschaft geht immer mehr in die faschistische Richtung.“

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