(Foto oben: Im Gottesdienst vor dem Start der Vesperkirche wurde das Brot gebrochen und an die Anwesenden verteilt.)
Reutlinger „besonderes Gasthaus“ startet am gestrigen Sonntag mit Rinderbraten, Spätzle und Karottengemüse
(Foto: Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler teilt sich dieses Jahr das Amt mit Birgit Hövel.)
„Die Reutlinger Vesperkirche setzt ein sichtbares Zeichen dafür, dass jeder Mensch wertvoll ist“, betonte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck am gestrigen Sonntag in seinem Grußwort zum Start der 29. Vesperkirche. Eine leicht nervöse Vorfreude war bei den Ehrenamtlichen kurz vor dem Beginn deutlich zu spüren, würde alles funktionieren, wie Klaus Ege aus dem Leitungskreis sich fragte.
(Foto: Gespannt warteten die Ehrenamtlichen auf die Ausgabe des Essens – Rinderbraten, Spätzle mit Soß und Karottengemüse.)
Um 11 Uhr sollte der Gottesdienst vorbei sein, zeitgleich wurde das Essen von der Bruderhaus-Diakonie-Küche angeliefert. „Der Umbau muss dann ganz schnell gehen“, so Ege. Und der Umbau ging extrem schnell – während die Honoratioren noch ins Gespräch miteinander vertieft waren, wussten die Freiwilligen genau, wo sie anpacken mussten, um den Rinderbraten, Spätzle, Sauce und Karottengemüse servierbereit in die Wärmetruhen zu bringen. Innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde war alles bereit für die Essensausgabe.
Vorher hatte es allerdings eine Neuerung in der Vesperkirche gegeben: „Noch nie hat mit Dr. Gernot Bohnenberger ein Nicht-Theologe die Predigt beim Eröffnungsgottesdienst gehalten“, sagte Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler, der sich das Amt in den kommenden vier Wochen mit Birgit Hövel teilt.
Einen „Hauch von Magie“ hat Bohnenberger – der Arzt und Weltmeister-Zauberer, Sozialarbeiter, Koordinator und Ermöglicher im Ringelbach-Projekt „Hallo Nachbarn“ – in der Vesperkirche ausgemacht. Er hatte das Gleichnis von der Speisung der 5.000 mit fünf Broten und zwei Fische aus der Bibel entnommen und die Frage gestellt: „In einer hoch-komplexen Welt suchen die Menschen nach Orientierung und Sinn, während gleichzeitig Menschen in der Welt hungern.“
(Foto:Vier Wochen gibt es nun in der Nikolaikirche wieder täglich warmes Essen und viel Gemeinschaft.)
Es gebe, auch in der Stadt Reutlingen, „weniger zu verteilen“ – allerdings zeige das Beispiel Vesperkirche (und auch das Projekt „Hallo Nachbarn“) eindeutig, dass viele Menschen gemeinsam „mit Fantasie und mutigen Entscheidungen Wunder bewirken können“, so der Zauberer und Arzt. „Dann reicht das Brot, es ist sogar mehr als genug.“ Wenn nämlich die einen, die mehr haben, etwas abgeben an die anderen. Im Fall der Vesperkirche sei das Zeit, offene Ohren und Herzen und auch Geld in der Form von Spenden.
350 Ehrenamtliche helfen in diesem Jahr bei der 29. Vesperkirche mit – ein Rekordwert, wir Dr. Joachim Rückle als Geschäftsführer des Diakonieverbands ausführte. „Wir mussten sogar eine Warteliste einführen und den einen oder die andere auf das nächste Jahr vertrösten“, sagte Sabine Lehmkühler als Ehrenamts-Koordinatorin. „Das Wunder der Speisung der 5.000 wiederholt sich in der Vesperkirche“, schlussfolgerte Gernot Bohnenberger. Und das jetzt noch vier Wochen lang, in der Reutlinger Vesperkirche, am Rand der Fußgängerzone.
(Foto:Nach nicht einmal 15 Minunten war das Essen nach dem Ende des Gottesdienstes servierbereit.)
„Lass uns den Weg der Gerechtigkeit geh’n“, sangen die Anwesenden im Gottesdienst vor dem Start des besonderen Gasthauses. „Hier erfahren die Menschen Würde und Respekt“, lobte OB Keck die riesige Zahl der Ehrenamtlichen, die sich vier Wochen lang in den Betrieb in der Nikolaikirche und im Gerber-Café einbringen. „Hier wird ein Beitrag geleistet, dass Hoffnung ganz konkret wird.“
Rund 170.000 Euro würden nach den Worten von Rückle mittlerweile für die Vesperkirche benötigt. Für Tante Friedas Jazzkränzchen, das am kommenden Donnerstag in der Nikolaikirche abends ab 19 Uhr spielt, wird allerdings kein Geld benötigt – die Musiker geben eine Benefiz-Vorstellung.
Thematisch wird in der Vesperkirche ein neues Format ausprobiert: Am Mittwoch, 21. Januar, 19 Uhr, steht ein Gesprächsabend auf dem Programm: In kleinen Gruppen kommen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Wort und zwar mit ihren persönlichen Erfahrungen zu „Wie geht‘s mir beim Thema Armut.“
Armut steht auch am Mittwoch, 28. Januar, 19 Uhr, in der Nikolaikirche im Zentrum: An diesem Abend werden sich Kandidatinnen und Kandidaten zur Landtagswahl im Podiumsgespräch äußern. Am Donnerstag, 5. Februar, 19 Uhr, geht es hingegen eher vergnüglich zu, wenn Helge Thun und Sandra Müller den Abend gestalten.