„Wir sind auf der Zielgeraden“ – Fast schon eine Zusage zur Schlosssanierung in Grafeneck durch das Land?

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(Foto oben:Nach der Feierstunde im Schlosssaal betrachtet ein Bewohner von Grafeneck im Dokumentationszentrum eine Skulpturengruppe, die für die 10.654 Ermordeten stehen.)

Eindrückliche Feier zum 20jährigen Bestehen des Dokumentationszentrums Grafeneck mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras

„Der 13. Dezember ist ein besonderer Tag, denn vor 85 Jahren ist der letzte Transport im Jahr 1940 mit den grauen Bussen nach Grafeneck durchgeführt worden“, erinnerte Rüdiger Böhm am Samstag im Schlosssaal der kleinen Siedlung auf dem Bergrücken zwischen Marbach und Münsingen. Mit diesem letzten Transport wurden auch die letzten Menschen in der Todesscheune mit der Gaskammer ermordet, „an diesem Ort des Schreckens, des Schmerzes, aber auch der Verantwortung“, wie Samariterstiftungs-Vorstand Wolfgang Bleher während der Feierstunde betonte.

Insgesamt wurden laut Böhm 10.654 Menschen zwischen dem 18. Januar und 13. Dezember 1940 im Rahmen des Euthanasieprogramms T4 in Grafeneck ermordet. „Menschen, die nicht wie du und ich waren, die als ‚Ballastexistenzen‘ bezeichnet wurden“, so der Vereinsvorsitzende der Gedenkstätte. Lange habe es gebraucht, bis erst Ende der 1980er Jahre die Gedenkarbeit in Grafeneck begann. 1990 ist die Gedenkstätte errichtet worden.

2004 begann unter der Federführung von Mike Münzing als damaligem Vereinsvorstand die Erarbeitung einer Konzeption und der Umbau des „Rosenhäusles“, in dem zuvor Bewohner von Grafeneck zusammenlebten. Seitdem wurde die Gedenkstättenarbeit unter der Leitung von Thomas Stöckle immer weiter ausgebaut.

Heute werden rund 400 Gruppen jährlich von Haupt- und Ehrenamtlichen wie auch von den Grafenschrecks (also Bewohnern der Samariterstiftung in Grafeneck) durch die Gedenkstätte geführt, wie Kathrin Bauer und Daniel Hildwein als wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiter ausführten.

(Foto: Nach der Feier im Schloss trafen sich die Gäste im Dokumentationszentrum, hier Muhterem Aras vor einer Fototapete mit den Grauen Bussen.)

Aus der Entfernung von Marbach her wirke das Schloss noch wie ein Schloss, sagte Bleher. „Sobald man das Gebäude betritt, verfliegt jedoch dieser Eindruck eines Schlosses.“ Als vor zehn Jahren ein neues Wohnanagebot in Münsingen gestartet wurde, sind die letzten Wohngruppen aus dem Schloss ausgezogen. Zudem sei das Dokumentationszentrum heute viel zu klein, weiterer Raum wäre dringend vonnöten. Damit war die Steilvorlage für Muhterem Aras gelegt, die dann ans Mikrofon ging.

Die Landtagspräsidentin lobte das Team der Hauptamtlichen in Grafeneck, ihre Arbeit sei „gerade in den heutigen Zeiten der Geschichtsklitterung“ wichtiger denn je. „Gedenkstätten machen das Abstrakte konkret“, sagte Aras. Sie werde sich dafür einsetzen, „dass die Arbeit hier auf ein neues Fundament gesetzt wird“.

(Foto: Schülerinnen des Mössinger Firstwald-Gymnasiums umrahmten die Feier musikalisch.)

Sie sei „zuversichtlich“, dass in Zusammenarbeit mit vier Fraktionen im Landtag die Sanierung des Schlosses angegangen werden könne. „Wir sind auf der Zielgeraden, gemeinsam schaffen wir das“, betonte die Landtagspräsidentin. „Die Gedenkstätte Grafeneck ist von nationaler Bedeutung, sie muss erhalten und saniert werden.“

Rüdiger Böhm zeigte sich höchst erfreut über diese Aussage, „das geht runter wie Öl“. In seinen abschließenden Worten lobte er nach einer mehr als zweistündigen Feier vor allem auch die Schülerinnen und Schüler des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums aus Mössingen, die diese Veranstaltung im Schlosssaal nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich mitgestaltet und enorm bereichert hatten.

Johannes Klett etwa verschaffte dem Publikum im Schloss einen Überblick über die Geschichte von Grafeneck, führte aber auch ein Interview mit Gerd Holder als einem der Bewohner des Samariterstifts Grafeneck. Zusammen mit einigen anderen Bewohnern engagiert sich Holder als einer der „Grafenschrecks“ bei Führungen über das Gelände.

Gleich zu Beginn der Feier hatten die Gymnasiasten Bangran Sun, Cecile Ngatte und Lotta Hahn über die Geschichte von Theodor Kynast berichtet, der 1940 in Grafeneck ermordet wurde. Einen völlig neuen Blick auf ein „zukunftsorientiertes Dokumentationszentrum mit neuen Ideen“ verschaffte Schülerin Rosalie Friemel den Gästen: „Die Ausstellung ist für junge Menschen doch eher unattraktiv“, betonte sie.

(Foto: Im Vorraum des Dokumentationszentrums gab es nach der Feier im Schloss Häppchen und Gelegenheit zum Gespräch.)

Zu viele Texte, zu viel zu lesen – das müsse alles „spürbarer und erlebbarer werden, mehr auf der emotionalen Ebene“. Die Schülerin hatte auch Vorschläge dabei: Die Opfer sollten quasi für sich selbst sprechen, Stimmen aus der damaligen Zeit sollten interaktiv laut werden, aber auch heutige Kommentare. Es müsse erklärt werden, „wie solche Verbrechen damals überhaupt erst ermöglicht wurden“. Rüdiger Böhm schlussfolgerte danach: „Wir haben jetzt zwei Stunden erlebt, die deutlich unter die Haut gingen.“ Sein Dank galt besonders den Schülerinnen und Schülern, aber auch Muhterem Aras. Sie hatte abschließend betont: „Demokratie scheitert, wenn zu viele wegsehen, wir haben aus der Geschichte gelernt und wir müssen weiterlernen.“

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