Braille-Schrift wurde 200 Jahre alt Blinde Menschen können über diese Punkte-Schrift mit Fingern lesen – Simone Degler-Wahl nutzte sie im Alltag, sie ist völlig überraschend kurz nach dem Gespräch mit mir am 1. Dezember verstorben
Simone Degler-Wahl hat unterhalb der PC-Tastatur eine weitere, ganz besondere Tastatur liegen. Braille-Zeile heißt die. In einer langen Reihe sind dort in der Braille-Schrift jede Menge kleine Punkte angeordnet, die die 56jährige blinde Frau mit einem Finger abtastet. „Mit der Zeile wird der Bildschirminhalt abgebildet“, sagt sie.
Degler-Wahl wohnt in Trochtelfingen-Steinhilben – nicht gerade besonders zentral. Zumal sie fast jeden Tag der Woche nach Stuttgart zur Arbeit fährt. Mit Bus und Bahn. Die blinde Frau liest mit dem Zeigefinger der linken Hand. Das bedeutet: Sie führt den Finger auf der Punktzeile von links nach rechts und ertastet dabei die Punktkombinationen, die jeweils für einen anderen Buchstaben stehen. So fügt sie gedanklich Buchstabe um Buchstabe zusammen, so entstehen Wörter, Sätze – wie beim Lesen mit den Augen auch.
So liest Degler-Wahl ganze Bücher, aber auch das, was auf ihrem PC-Bildschirm erscheint. Aber sie orientiert sich auch in der Öffentlichkeit mit der Braille-Schrift, in Aufzügen etwa, wo neben der Stockwerksanzeige oftmals die Punkte zu finden sind, die für Blinde anzeigen, wo sie hinwollen. Degler-Wahl zieht eine Medikamentenschachtel aus ihrem Rucksack, zeigt die Punkte, die Sehende zumeist übersehen. Paracetamol, sagt sie und tastet mit dem linken Zeigefinger über die Schachtel.
Erfunden hat diese Blindenschrift vor 200 Jahren ein damals 15-Jähriger, sein Name war Louis Braille. Er hat diese Punktschrift ertüftelt, in frühen Kindheitstagen war er erblindet. Ab 1816 ging er auf eine Blindenschule in Paris, wo er eine spezielle Tastschrift kennenlernte und auch eine militärische Nachtschrift – die dazu diente, nachts im Dunkeln Nachrichten und Befehle lautlos zu übermitteln.
Doch für die Schüler waren diese Schriften zu kompliziert, zu schwierig, zu unattraktiv. Louis Braille tüftelte fortan über mehrere Jahre hinweg, im Alter von gerade mal 15 Jahre hatte er die Lösung gefunden: Mit Punkten, die er mit einer Ahle in Leder drückte, erfand er ein System, das insgesamt 63 verschiedene Zeichen umfasste. Die Punkte sind alle wie die 6 auf einem Würfel in unterschiedlichsten Kombinationen angeordnet. 63 Buchstaben, Umlaute, Satzzeichen, Zahlen sogar Noten lassen sich damit abbilden. Genial. Aber: Bis sich die Schrift durchsetzte und in Frankreich offiziell als Blindenschrift anerkannt wurde, vergingen viele weitere Jahre – erst 1854 war es tatsächlich so weit. Da war Louis Braille schon tot, zwei Jahre zuvor im Alter von nur 43 Jahren an Tuberkulose gestorben.
Heute ist die Braille-Schrift auf der ganzen Welt verbreitet, sie dient blinden Menschen dazu, sich zu orientieren, Bücher, Zeitungen zu lesen und Bildschirminhalte anzeigen zu lassen. Die Schrift ist international anerkannt, hat sich sogar in arabischen Staaten und in China verbreitet.
Simone Degler-Wahl war selbst, wie Louis Braille, in einem Internat, besuchte eine staatliche Schule für Blinde. Einen Vorteil gegenüber Sehenden habe sie jedoch dort erlebt: „Wenn es um 22 Uhr hieß, wir sollen das Licht ausmachen, haben wir nur gelacht und unsere Bücher in Braille-Schrift herausgezogen“, sagt die 56-Jährige und schmunzelt. Aber: „80 Prozent des Alltags funktioniert über das Sehen – da sind wir Blinde natürlich deutlich benachteiligt, wir müssen mit den restlichen 20 Prozent unseren Alltag ganz anders strukturieren.“
Bei der Arbeit im Landwirtschaftsministerium in der Telefonzentrale (und auch beim Blindenverband im Ehrenamt sowie hauptamtlich als Leiterin der Bezirksgruppe Neckar-Alb-Sigmaringen) arbeitet sie am PC, zumeist mit der Braille-Zeile. „Oder auch mit der Sprachausgabe.“
Jüngere, blinde Menschen würden zwar auch noch die Blindenschrift lernen, zumindest in den Internaten. Inklusiv beschulte blinde Kinder lernen hingegen das, was in den „normalen“ Schulen gelernt wird. „Und Jüngere machen generell ganz viel über die Sprachausgabe am Handy“, sagt Degler-Wahl.
Ob denn in Zeiten von Smartphones, hilfreichen Apps und der Möglichkeit, sich Texte, Bücher vorlesen zu lassen, die Braille-Schrift überhaupt eine Zukunft hat? „Die Braille-Schrift wird nicht verschwinden“, ist Simone Degler-Wahl überzeugt.
Was sich aber auf jeden Fall bessern sollte: „Wenn ich im Zug mal auf die Toilette muss und ich suche den Knopf für die Spülung, dann muss ich alle Wände abtasten – weil das in jedem Zug anders ist.“ Das sei ziemlich widerlich. Sinnvoll wäre doch, wenn die Knöpfe für die Toilettenspülungen in allen Zügen am gleichen Platz angebracht wären. Das wäre zumindest eine kleine Erleichterung.