Zwei ausgewiesene Kenner der Grünen parlieren am Samstagabend in der Bad Uracher Schlossmühle mit Cem Özdemir und stellen dabei ihr Buch über den Ehrenbürger der Stadt vor
„Eins vorneweg“, sagte Johanna Henkel-Waidhofer am Samstagabend in der Bad Uracher Schlossmühle: „Cem Özdemir hat das Buch über ihn nicht von uns schreiben lassen – wir haben uns dem Menschen Özdemir kritisch, distanziert, wohlwollend genähert“, betonte die Journalistin und Buchautorin, die zusammen mit ihrem Mann, dem Journalisten Peter Henkel und Buchautor, schon eine Biographie über Winfried Kretschmann geschrieben hatte.
Nun also ein Buch über Cem Özdemir, den ehemaligen Europaabgeordneten, Grünen-Bundesvorsitzenden und Bundeslandwirtschaftsminister, der sich nun aufmacht, um Ministerpräsident in Baden-Württemberg zu werden. Dass dieses „nicht-bestellte“ Buch gerade jetzt erscheint und Özdemir zusammen mit dem Ehepaar Henkel-Waidhofer auf Vorstellungstour geht – das legt zumindest die Vermutung nahe, dass der Profi-Politiker mit dem, was in dem Buch steht, einverstanden ist. Einverstanden sein muss. Eine „normale“ Buchvorstellung war das im Willi-Dettinger-Saal der Schlossmühle aber nicht. Eher ein netter Plausch, ein Zuwerfen von Stichworten für Özdemir, auf die er gekonnt, gewitzt und unterhaltsam antwortete – ohne dass jedoch der Eindruck entstand, Fragen und Antworten wären zuvor einstudiert worden.
Rund 140 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten zunächst aber Sabine Hunzinger, die das Trio eingeladen hatte. „Ein Buch über einen Politiker in Wahlkampfzeiten vorzustellen, dass kann ja nicht unpolitisch sein“, sagte die Inhaberin der Buchhandlung am Markt. Und so war es denn auch. Obwohl der in Bad Urach aufgewachsene Cem Özdemir zunächst auf sich selbst einging: Ja, natürlich liebe er seinen Job als Politiker, „man braucht dazu eine Grundfreude an anderen Menschen“.
Die bringe er mit und er sei dankbar, „dass ich das Privileg habe, unglaublich interessante Menschen kennenzulernen“. Wolf Biermann gehöre dazu, eine Vielzahl an Schriftstellern. Aber so ein Wahlkampf sei nun doch was anderes, oder, fragte Johanna Henkel-Waidhofer. Bedauern würde er manchmal, dass er mit politischen Botschaften kaum in die Medien komme. „Aber wenn ich mir zwei Finger beim Handball gebrochen habe, wie jetzt gerade, dann komme ich damit deutschlandweit in die ‚breaking news‘.“ Vielleicht müsse er sich alle Finger der linken Hand brechen, wenn es um den Klimawandel geht, ulkte die Journalistin.
Natürlich durfte das Thema Migration an diesem Abend nicht fehlen. „Wenn es darum geht, ringe ich um jedes Wort“, sagte Özdemir. Asyl und Flucht sollte endlich von der Einwanderung getrennt werden. „Aber bei beiden Themen geht immer um Menschen, das darf man nicht vergessen“, so Özdemir. Und Migranten müssten sich klar darüber sein, dass „hier das Grundgesetz gilt und jeder selbst darüber entscheidet, wer wen liebt“.
Gleichzeitig gehe es um die richtige Haltung: „Wer kann, muss schaffe“ solle verdeutlichen, dass jeder sich einbringen müsse. Aber: „Woran die Menschen glauben, wie sie sich kleiden – das geht mich nichts an“, so Cem Özdemir. Und wie sehe er seine Wahlaussichten, fragte Peter Henkel. Gäbe es eine Direktwahl des Ministerpräsidenten läge Özdemir (Stand Ende Oktober 2025) mit 41 Prozent vorne, Manuel Hagel von der CDU würden gerade mal 17 Prozent wählen. Bei den Parteien sehe es allerdings ganz anders aus: Da lag die CDU Mitte Oktober mit 29 Prozent deutlich vor den Grünen mit 20 Prozent. „Ich muss den Wählern klar machen, dass sie die Grünen wählen müssen, wenn sie mich wollen.“
Massive Kritik äußerte Cem Özdemir am deutschen Bildungssystem, das immer noch zulasse, dass viel zu viele Migranten keinen Schulabschluss schaffen. „Jedes Kind kann irgendwas.“ Die individuelle Förderung durch das Bildungssystem müsse mit der richtigen Haltung zusammentreffen. Und die laute: „‘s Hemd schwitzt net von alloi.“
Gleich zu Beginn der Veranstaltung hatte Bürgermeister Elmar Rebmann ein paar Worte gesagt. Was ihn sehr beeindruckt hatte, war Özdemirs Verhalten, als bei der Verleihung der Ehrenbürgermedaille 2024 vor der Festhalle Landwirte mit ihren Traktoren vorgefahren waren. „Cem Özdemir hat sich zu ihnen hingestellt und gefragt, über was wollt ihr reden?“ Der Landwirtschaftsminister habe dann mit seinem Fachwissen geglänzt, aber immer auf Augenhöhe mit den Leuten geredet. „Du lässt die Gegner ausreden, das beeindruckt mich“, so Rebmann. Ach, ganz nebenbei: Das Buch über Cem Özdemir heißt „Brücken bauen“.