(Foto oben: Cornelie Pflüger von der Seebrücke und Schiffskapitän Friedhold Ulonska waren Teil eines kleinen Theaterstücks vor dem Spitalhof zum Thema „Menschen retten auf dem Mittelmeer“.)
Aktion auf dem Reutlinger Marktplatz und in der VHS zum Menschenrecht auf Asyl mit der Botschaft „Man lässt keinen Menschen ertrinken“
Im vergangenen Jahr sind im zentralen Mittelmeer fast 1.700 Menschen auf der Flucht ertrunken (mit vermutlich riesiger Dunkelziffer), ein Jahr zuvor waren es mehr als 2.500, wie Rettungsschiff-Kapitän und Referent Friedhold Ulonska am Dienstagabend in der Reutlinger Volkshochschule berichtete. Ein gutes Zeichen also? Die Zahl der Ertrunkenen ist zurückgegangen?
Mitnichten, sagte der ehemalige Journalist und Unternehmensberater. Länder wie Libyen und Tunesien werden von der EU unterstützt, um Geflüchtete zurückzuhalten. Die libysche Küstenwache bedrängt sie auf dem Meer, beschießt die kleinen Boote und bringt sie ins eigene Land zurück, um sie auf Sklavenmärkten zu verkaufen. Dadurch sind laut Ulonska die Zahlen der Flüchtlinge, die Europa erreichen, im Jahr 2024 und 2025 drastisch zurückgegangen. „Der Anteil der Ertrunkenen ist also nicht gesunken, sondern prozentual deutlich gestiegen.“
Der 68jährige Ulonska stammt aus Ostfriesland, hat Theologie, Germanistik, Pädagogik und Psychologie studiert, arbeitete als Journalist in Rottenburg und war danach bis zur Rente in einer Unternehmensberatung tätig. Seit zehn Jahren fährt er mit Rettungsschiffen wie der Sea-Eye, Sea-Watch und zuletzt mit dem Segel-Motorschiff „Nadir“ durch das zentrale Mittelmeer, wo er mit Freiwilligen der Organisation „Resqship“ Geflüchtete aus dem Wasser zieht.
(Foto: Am Rand des Reutlinger Marktplatzes spielten die Musiker Eckhard Gaiser und Udo Riechmann zur Unterstützung der Seebrücke und des Bündnisses für Menschenrechte auf.)
Die Situation verschlechtere sich immer weiter, die libysche Küstenwache, die ihre Boote von Italien geschenkt bekam, schieße mittlerweile schon auf Rettungsschiffe, – und auch auf Flüchtlingsboote. Ulonska hatte am Dienstagabend erschütternde Film- und Tonaufnahmen dabei, die von der Not und der Angst der Flüchtenden berichteten.
„Da stecken Banden aus diesem gesetzlosen Land dahinter, die versuchen, aus dem Leid der Flüchtenden möglichst viel Kapital zu schlagen“, sagte der Kapitän. Nicht viel anders sei das in Tunesien oder Algerien – dort werden laut Ulonska Flüchtende gepackt und in der Wüste ausgesetzt. Unglaublich. Erschreckend. Menschenverachtend – und das alles mit dem Wissen und sogar der finanziellen Unterstützung der EU. Mit dem Ziel, dass weniger Geflüchtete in den jeweiligen Ländern – wie auch Deutschland – ankommen. „Die EU bildet sogar die libysche Küstenwache aus.“ Ein UNO-Bericht habe das klar betitelt: „Die EU leistet Beihilfe zu Straftaten“, zitierte Ulonska.
(Foto:Das kleine Theaterstück sollte die unterschiedlichen Meinungen in der Bevölkerung zur Seenotrettung verdeutlichen – wie hier diese Schauspielerin, die sagte: „Die sind doch selber schuld, wenn sie freiwillig ins Wasser gehen.“)
Die einzige Reaktion der deutschen Regierung: „Wir fordern Libyen auf, sich an geltendes Recht zu halten.“ Gleichzeitig streicht Deutschland die Gelder für die Seenotrettung im Mittelmeer und verlängert die finanzielle Unterstützung des EU-Programms zur Abwehr der Flüchtenden. „Das ist die pure Scheinheiligkeit von ganz Europa.“ Diese Haltung hat nach den einleitenden Worten von Thomas Becker von der Reutlinger VHS mit Humanität gar nichts zu tun. Im Gegenteil: „Wir lassen Menschen im Mittelmeer ersaufen.“
Vor dem Vortrag in der VHS, den rund 40 Interessierte anhörten, hatte eine Aktion der Seebrücke Reutlingen-Tübingen vor dem Spitalhof den ein oder anderen Passanten zum Nachdenken gebracht: „Wie ist denn das mit dem Menschenrecht auf Asyl und der Aussage, dass man keine Menschen ertrinken lässt“, fragte Christian Lawan vom Bündnis für Menschenrechte. Ein kleines Theaterstück offenbarte die unterschiedlichen Meinungen, die in der Bevölkerung vorhanden sind. Sie reichten von „die sind doch freiwillig ins Wasser gegangen“ bis zu „natürlich müssen die Menschen gerettet werden, ohne Wenn und Aber“.
(Foto: Dieser Schauspieler äußerte sich eindeutig zur Frage der Rettung von Ertrinkenden – „ohne Wenn und Aber“, sagte er.)
Friedhold Ulonska hatte schon auf dem Marktplatz betont: „Die Flüchtenden vom Meer in Länder wie Libyen, Tunesien oder Algerien zurückzubringen, ist mit der Feuerwehr vergleichbar: Die rettet Menschen aus einem brennenden Haus, versorgt sie kurz und bringt sie dann ins brennende Haus zurück.“ Natürlich dürfe so was nicht sein. Passiert aber täglich. Im Mittelmeer. Und die EU guckt nicht nur zu, sondern unterstützt das sogar noch.
Spendenkonto von RESQSHIP:
Um die lebensrettenden Aktivitäten der Organisation RESQSHIP zu unterstützen können Spenden auf das Konto bei der GLS Gemeinschaftsbank eG überwiesen werden. IBAN: DE18 4306 0967 2070 8145 00.