„Innovation Lounge“ im Wechselnden Wilhelm befasst sich mit der Frage, ob Reutlingens Innenstadt als Innovationsschmiede taugt
„Räume. Menschen. Innovationen.“ Unter dieser Überschrift treffen sich zwischen dem 25. September und 24. Oktober mehrfach Menschen in der „Innovation Lounge“ im „Wechselnden Wilhelm“ in der Unteren Gerberstraße. Sie unterhalten sich dort über soziale, technische, kulturelle Innovationen, entwickeln Ideen, um die Reutlinger Innenstadt voranzubringen.
Denn: „Große Unternehmen ziehen sich zurück, Personal wird abgebaut, es gilt, jetzt aufzuwachen, neue Unternehmen zu gründen, neue Dienstleistungen und neue Produkte anzubieten – dafür sind Rahmenbedingungen von der Stadt notwendig“, betonte Dr. Carsten Hutt von Werk ISI, von dem die „Innovation Lounge“ angestoßen wurde.
Am Montagabend stand die Frage auf dem Programm, ob die „Reutlinger Innenstadt als Innovationsschmiede“ dienen könne. Und wenn, dann wie. Oder vielleicht doch nicht? Eine kleine Gruppe an Interessierten war in die Untere Gerberstraße gekommen, um sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Innovationen könnten nicht geplant werden, sie würden passieren. Und wenn es zur Transformation komme, dann brauche die Jahrzehnte. Siehe Ruhrgebiet, betonte der Journalist Raimund Vollmer. Er stamme aus Dortmund, habe den Strukturwandel im „Kohlenpott“ beobachtet, „der ist immer noch nicht beendet“.
Und für Reutlingen gelte Ähnliches: Seitdem die Textilindustrie in der Achalmstadt verschwunden ist, „sucht die Stadt immer noch nach Identität“, so Vollmer. Aber, so betonte Dr. Carsten Hutt in seiner Situationsanalyse: In Reutlingens Innenstadt gebe es eine gute Infrastruktur, kurze Wege, die Achalmstadt sei immer noch wirtschaftlich stark. Allerdings gebe es in der Kernstadt keinen „place to be“, keinen Ort für neue Ideen.
Der Stuttgarter Architekt Ulrich Schwarz hatte zunächst auf „gesellschaftliche Verwerfungen“ gewiesen. Darauf, dass Handels- und Einkaufszentren unter enormem Druck stehen. Es müssten wieder kleinteilige Mischstrukturen entstehen, mit Handel, Gewerbe und Wohnen in der Stadt. „Die Frage ist, wie solche Milieus geschaffen werden, mit denen sich die Menschen auch identifizieren“, so Schwarz. In der Innenstadt tue sich schon Positives, betonte Stadtmarketing-Geschäftsführerin Anna Bierig. Wenn jedoch die Bürgerschaft zur Beteiligung an Prozessen aufgerufen sei, dann würden kaum Interessierte kommen. Siehe Montagabend.
Schwarz sah aber ein „Riesenpotenzial“ an ehrenamtlichen Akteuren in den Boomern, die in den kommenden fünf Jahren in Rente gehen. „Die Alten sind also die Zukunft“, fragte Vollmer zweifelnd. Alle müssten mitgenommen werden, waren sich Hutt und Schwarz einig.
Es brauche eine Anlaufstelle, einen Ort, an dem man sich treffen könne, sagte Jonathan Zwiener, Kunststudent in Stuttgart. Florian Massa, Geschäftsführer von Blue Velo, stimmte zu: „In jedem Quartier braucht es eine Garage, ein Ladengeschäft, einen Raum als Treffpunkt.“ Orte, an denen man laut Schwarz auch mal feiern und laut sein dürfe.
Alexander Mrosek (Projektleiter REM Capital) forderte: „Wir brauchen Kreativität und Begegnung.“ Allerdings sehe er in Reutlingen „keinen Mut, was Neues zu machen – immer nur Dinge blöd zu finden, bringt gar nichts voran“. Um Ideen schaffen zu können, seien Räume notwendig, Freiräume für die Interessierte, betonte Uli Schwarz. „Engagement muss auch leben dürfen“, so der Architekt.
Tolle Beispiele für Engagement seien doch vorhanden, hieß es. Beispiele? Im Ringelbach das Projekt „Hallo Nachbarn“ etwa. Die Echaz-Terrassen am ehemaligen ZOB. Der Echazhafen vom franz.K. Wenn großartiges Engagement vernetzt werde mit Einrichtungen wie der Stadtbibliothek, so Vollmer, dann könne noch mehr Positives entstehen.
Dabei sollte es gelingen, alle Generationen mitzunehmen, sagte Hutt. „Der Gemeinsinn muss erhöht werden“, betonte Uli Schwarz. Das gelte auch für junge Unternehmer, für Startups – „gemeinsam sind Einzelne vielleicht auch etwas mutiger“, so Carsten Hutt.
INFO:
Veranstaltungen der „Innovation Lounge“
Die erste Veranstaltung der Innovation Lounge zur KI sei laut Dr. Carsten Hutt ein voller Erfolg gewesen, „der ‚Wechselnde Wilhelm‘ war voll“. Studierende, Professoren und Unternehmer hätten sich ausgetauscht, „sie sollen nun Lösungen entwickeln“, so Hutt. Zur nächsten Veranstaltung unter dem Titel „Kunst und Innovation“ sei die Nachfrage ebenfalls schon groß, sie wird am Dienstag, 7. Oktober, um 18 Uhr ebenfalls im „Wechselnden Wilhelm“ sein.