„Orange als Farbe des Trotzdem“

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Acht Künstlerinnen und Künstler zeigen auf der Haid eine breite Vielfalt an unterschiedlichen Kunststilen beim Tag des offenen Ateliers 32

Thomas Putze blies am Sonntag gegen 13 Uhr nicht etwa zum Zapfenstreich in der ehemaligen Kaserne auf der Haid – als musikalischer Gastkünstler rief er mit seinem Musikstück auf der Trompete im Atelier 32 am Graf-von-Moltke-Platz 2 die Besucherinnen und Besucher des offenen Ateliers 32 zusammen. Und gab damit das Zeichen zur Führung durch das besondere Gebäude.

Auf die besondere Geschichte des Geländes wies der Kunsthistoriker Clemens Ottnad als Mitglied im Atelier 32 auf „einen Rest von militanter Abwehr“ hin, die etwa Peter Barth in seinen Werken immer wieder aufnimmt. Zum Beispiel in zwei borstig-garstig wirkenden Häusern, die symbolisch für die Abwehr gegen die Flüchtlinge stehen sollen, die nach 2015 ins Land kamen. Barths ausgestellte Werke – insbesondere seine Drahtkunst – hingegen zeige seine heitere, humoristische Seite. So auch sein Selbstbildnis mit Feder – obwohl er sich überhaupt nicht mit fremden Federn schmücken wolle, sagte er lachend.

Start der Tour durch die Ateliers war am Sonntag jedoch bei Eva Doelker-Heim. „Sind das nun Installationen, ist das Malerei oder ‚Work in progress‘“, fragte Ottnad als Kunsthistoriker und führender Moderator durch die Räume voller Kunst. Doelker-Heim betonte: „Es sollte mal Malerei werden, dann wollte ich sehen, was daraus wird.“ Sie spiele mit verschiedenen Indigo-Blau-Tönen, das Wasser und Meer spiele eine große Rolle bei ihr, aber ein Putzlappen könne auch ein Eigenleben als Krake entwickeln. Andere riesige Bilder hat Doelker-Heim mit verschiedenen Erdfarben aus der Region gestaltet – vermischt mit Wasser. Oder auch mit Schnee – „die kristalline Struktur bleibt erhalten“.

Susanne Michel arbeitet viel mit Klebestreifen, Schablonen und immer mit Papier. Ob dabei nun eine Halskette oder Wackersteine abgebildet würden, fragte Ottnad. „Es bleibt die Freiheit der Interpretation“, sagte Michel. „Oft verändert sich das Werk für mich selbst, während es entsteht.“ Ähnlich ergehe es auch Gisela Rohnke, die sich für ihre Fotografien mit dem Wald und vor allem mit Moosen beschäftigte. „Vorläufig erfundene Biotope“ nennt sie ihre Werke, die sie zumeist auf Lichtflächen fotografierte. „Vieles ist zufällig entstanden.“ Manches aus Blüten aus ihrem Garten, „ich beobachte sie im Veränderungsprozess“, so Rohnke.

Carmen Kübler „komponiert ihre Werke auf Papier, mit Linien, Gezeichnetem. „Die Werke haben einen flüchtigen Charakter, sie sind nicht auf Dauer gefertigt“, verriet die Künstlerin. „Wenn ich einen Klebestreifen wegnehme, löst sich oft das gesamte Werk auf“, so Kübler.

Astrid Hille beschäftigt sich laut Clemens Ottnad mit „Alltagsgegenständen, mit Eierschalen und einem schwebenden Boot“. Auch wenn sie sich gerade mit der Gestaltung von Kunstbüchern beschäftigt habe, begeistere sie momentan die Farbe Orange: Die will sie all dem Weltgeschehen entgegenhalten, „für mich ist Orange die Farbe des Trotzdem“, betonte Kübler.

Christa Schäfer hingegen verarbeitet vor allem Ton – zu Tassen, Schalen, Gefäßen. Oder sie nimmt Ton als Unterlage für ihre Bilder. „Und wie ist es mit den Sprüngen im Ton, die manchmal einfach entstehen“, fragte der Kunsthistoriker. Schäfer versuche die Sprünge „zu kultivieren“, sie in ihre Werke einzuarbeiten – „ich mag es, wenn Risse entstehen“, betonte die Tonkünstlerin.

Apropos Töne: Thomas Putze ergänzte das Programm an diesem besonderen Tag des Offenen Ateliers durch eine eigene Performance und sorgte mit Livemusik auch für den Ausklang eines viel beachteten Tages am Graf-von-Moltke-Platz. Allerdings hatte zuvor noch eine weitere Nutzerin des Gebäudes einen Auftritt – die Marionettenbühne Kassandra entführte wie die anderen Künstlerinnen und Künstler ebenfalls in ein märchenhaftes Land.

Mit dem Stück „Das gestohlene Morgenrot“ verzauberten die Akteurinnen die Zuschauer einmal mehr. Obendrein hatte Astrid Hille ihre Installation im Keller des Gebäudes erläutert. Alles in allem: Ein unvergesslicher Nachmittag, den mehr als 40 Besucherinnen und Besucher allein bei der Führung wahrgenommen hatten. Was der Kunsthistoriker Ottnad als „Balanceakt“ bezeichnet hatte. Denn: In manchen der recht kleinen Ateliers hatten so viele Interessierte gar keinen Platz.

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