Von Zeitgeschichte über Selbstgeschriebenes bis zum Kaiser von China – Leseabend in Kfurt

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GAL-Lesung im Kirchentellinsfurter Martinshaus am Freitagabend mit vier Leserinnen, Musik von Roger Dempfle und knapp 40 Zuhörerinnen und Zuhörern

„Jedes einzelne Stück Literatur inspiriert“, sagte Mit-Organisatorin und Moderatorin Ruth Setzler beim GAL-Leseabend am Freitag im Martinshaus von Kirchentellinsfurt. „Seit mehr als 30 Jahren gibt es diese Veranstaltung“, so die Fraktionsvorsitzende der GAL im Gemeinderat in Kfurt. Immer am letzten und ersten Freitag im August wird in dem Pflegeheim gelesen, immer zwischen drei und vier Personen stellen ihr Lieblingsbuch vor. Sommerferienprogramm für Erwachsene.

Am vergangenen Freitag eröffnete Roger Dempfle das Programm vor knapp 40 gespannt lauschenden Zuhörerinnen und Zuhörern: Mit Westerngitarre, Mundharmonika und einer irischen Volksweise über ein edles Rennpferd, das nie verliert, unterhielt der Kfurter Gitarrenkünstler das Publikum mehrfach mit Folk, Country und Blues. Setzler hatte zudem einen „Appetizer“ mit Kurt Tucholsky parat: „Tucholsky geht immer und er ist heute aktueller denn je“, so die GAL-Gemeinderätin. „Mir fehlt ein Wort“, hieß das Werk des 1935 verstorbenen Wortakrobaten, „Was tun die Birkenblätter“, fragte sich Tucholsky immer wieder.

Als erste von „drei versierten Leserinnen“ nahm Susanne Häcker in dem Lesesessel Platz. Die studierte Historikerin hatte „ein Stück Zeitgeschichte“ mitgebracht. In dem Buch „Akte Luftballon“ beschreibt Stefanie Wally die Situation in den beiden Deutschlands. Die Mauer wurde 1977 von einem gelben Luftballon überwunden und führte zwei sechsjährige Mädchen aus Ost- und Westdeutschland zusammen.

Überwacht von der Stasi entwickelt sich die Freundschaft der Mädchen, bis hin zum Mauerfall und darüber hinaus. Und heute? „Die Mauern in den Köpfen sind wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, schreibt Wally in ihrem Epilog. Gefordert sei nun „Haltung und Zuversicht“, wie in dem Buch beschrieben, anstatt „Spaltung und Hass“. Ein sehr passender Roman zu der aktuellen Lage, befand Susanne Häcker.

Ein eigenes Werk präsentierte am Freitagabend die in Kirchentellinsfurt lebende Autorin Birgit Juresa: Eigentlich wollte sie aus ihrem neusten Buch vorlesen, doch das hatte der Verlag nicht, wie versprochen, im August fertig. Also offenbarte Juresa einen Teil aus ihrem „neuesten Projekt“ unter dem Titel „In allerbester Gesellschaft“: Der Gatte eines älteren Ehepaars hatte einen „Alltagsengel“ für seine Frau bestellt. Dieser Engel, eine studierende junge Frau, sollte lediglich Scrabble mit seiner Gattin spielen. Nichts weiter.

Doch der Alltagsengel gewinnt mit furiosen Wortkreationen das Spiel, die Stimmung der älteren Frau sinkt auf den Tiefpunkt. Vorurteile und Bösartigkeiten übernehmen die Oberhand, das Paar entpuppt sich als widerwärtig in ihren gegenseitigen Gehässigkeiten. Schrecklich. Aber wunderbar detailreich beschrieben.

Als letzte Leserin an diesem Abend betrat Nicola Frank die (nicht vorhandene) Bühne im mittlerweile stockdüsteren Veranstaltungsraum – einzig eine kleine Leselampe leuchtete den Leserinnen den Weg durch die Zeilen. Die Kreisvorsitzende der Tübinger Grünen war schon öfter bei diesen jährlichen Lesungen im Martinshaus dabei, hatte laut Setzler das Publikum immer wieder mit ihrer Literaturauswahl begeistert. So auch dieses Mal: Nicola Frank hatte den „Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt mitgebracht – eine extrem humorvolle Geschichte, bei der fünf Enkel ihrem Großvater eine Reise zum 80. Geburtstag schenken. „Wo er immer schon mal hinwollte.“

Als Opas Antwort „China“ lautete – wo er doch noch nie aus Deutschland rausgekommen war, es nicht einmal nach Österreich geschafft hatte – soll Keith Stapperpfennig als einer der Enkel mit dem Alten ins Reich der Mitte reisen. Unvorstellbar. Urkomisch, allein die wenigen Seiten, die Frank vortrug, machten Lust auf mehr.

(Foto: Susanne Häcker (von links), Birgit Juresa, Nicola Frank und Ruth Setzler)

Und auch mehr Lust auf mehr solche Leseabende. Doch darauf werden die Kfurter nun wiederum ein Jahr warten müssen. „Aber es gibt ja einige Lesekreise hier in der Umgebung“, sagte Ruth Setzler abschließend, bevor die Leserinnen eine Flasche Sekt mit auf den Weg nach Hause erhielten.

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