(Foto oben: Wie es sich anfühlt, einen 25 Kilogramm Sack Mehl durch ein Kriegsgebiet unter Beschuss zu schleppen, war am Montag auf dem Reutlinger Marktplatz nachzuvollziehen.)
Bündnis für Menschenrechte spricht sich am „Antikriegstag“ mit den Drei Musketieren und Courage Reutlingen gegen Krieg und Bruch der Menschenrechte aus
Rund 70 Personen trafen sich am Montagnachmittag am Antikriegstag auf dem Reutlinger Marktplatz. „Wir sind hier aus Sorge um die weltweit wachsende Kriegsgefahr“, betonte Katrin Lütjens vom Bündnis für Menschenrechte. Im Artikel 3 der 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“
Lütjens dazu: „Nirgendwo wird dieses Recht so verletzt wie bei Kriegen.“ Und nun werde in Deutschland und ganz Europa „beispiellos aufgerüstet“, die allgemeine Wehrpflicht wieder vorbereitet. „Es gibt noch viel zu wenig Widerstand gegen die wachsende Kriegsgefahr“, betonte Lütjens.
Dass der Krieg im Gaza-Streifen ganz besonders schockierend ist, betonte Markus Brandstetter von den Reutlinger Drei Musketieren: „Stellt euch vor, ihr wacht morgens auf und es gibt kein Wasser, kein Brot, keine Milch für eure Kinder.“ Für die Menschen im Gaza sei das keine Vorstellung, sondern pure Realität. Jeden Tag.
Wer zu dem Krieg im Gaza schweige, signalisiere damit Zustimmung, „wir wollen aber nicht länger wegsehen, weil Menschlichkeit nicht an unseren Grenzen endet“. 2,1 Millionen Menschen lebten bis vor wenigen Monaten noch im Gaza-Streifen. Wasser, Nahrung, medizinische Hilfe werde dort bewusst als Kriegswaffe eingesetzt, so Markus Brandstetter.
Seit März 2025 herrsche im Gaza eine fast völlige Blockade – Treibstoff, Medikamente, medizinische Versorgung, kaum Strom und nur sehr wenige Lebensmittel würden das Kriegsgebiet erreichen. Fast eine halbe Million Palästinenser „leben in einer katastrophalen Hungersnot“. „Annähernd 70.000 Kinder und 17.000 Mütter leiden akut unter schwerer Mangelernährung, jeden Tag sterben durchschnittlich 28 Kinder“, betonte Brandstetter. Die Menschen in Gaza haben meist weniger als drei Liter Wasser zur Verfügung.
Damit nicht genug: „Selbst diejenigen, die helfen wollen, werden zur Zielscheibe.“ Mehr als 410 humanitäre Helferinnen und Helfer wurden laut Brandstetter seit Oktober 2023 getötet. „Die Vereinten Nationen sprechen von einer menschen-gemachten Massenhungersnot.“ Dabei handle es sich um eine „bewusste Kriegsstrategie, ein Mittel der kollektiven Bestrafung“.
Markus Brandstetters Fazit: „Jeder Mensch hat das Recht auf Wasser, Nahrung und Leben.“ Wenn Kindern diese Rechte genommen würden, sei dies nicht nur ein Angriff auf die Kinder, „sondern auf uns alle – es ist ein Angriff auf die Menschlichkeit“. Mit diesen Rechtsbrüchen im Gazastreifen müsse sofort Schluss sein.
Wie es sich anfühlt, einen 25-Kilogramm-Sack Mehl nur wenige Meter über den Reutlinger Marktplatz schleppen zu müssen – das konnten die Kriegsgegner zumindest ansatzweise selbst erleben. Im Gazastreifen müssten das Hungernde – wenn überhaupt Hilfe durchkommt – über viele Kilometer hinweg tun. Und das auch noch unter Beschuss von Soldaten.
Auch vor der Versammlung des Bündnisses für Menschenrechte hatte die „Montagsdemo“ schon auf den Antikriegstag hingewiesen, um 19 Uhr gab es eine weitere Veranstaltung von Verdi gegen Krieg und für Frieden. Nach Brandstetter sagte Gabi Oechsle-Kober vom Frauenverband Courage Reutlingen-Tübingen: „Weltweit leben 600 Millionen Frauen in unmittelbarer Nähe von Kriegen – das sind 15 Prozent der Frauen weltweit.“
Friedensaufbau gehe nicht ohne die Erfahrung der Frauen im Krieg. „Wir sind heute im Besitz von so gewaltigen Vernichtungskräften, dass jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre“, zitierte Oechsle-Kober. Deshalb müsse eines gelten: „Die Waffen nieder.“