Verrückte Zeiten, doch wo kommt Zuversicht her?

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Sind die Zeiten tatsächlich so verrückt und schlimm, wie sie uns erscheinen? Viel scheint darauf hinzudeuten. Aber: Gibt es nicht Zuversicht? Hoffnung?

Die größte Überschrift auf der ersten Seite des Reutlinger General-Anzeigers am Donnerstag, 28. August 2025, lautete „Deutschland wird kriegstüchtig“. Sollen wir uns jetzt darüber freuen? Neben diesem Artikel, viel kleiner: „Kreml: Kein Termin für Treffen“, es geht darum, dass Russland keine Friedensgespräche mit der Ukraine will. Dazu die Nachricht im Radio heute Morgen: Russland hat erneut Kiew angegriffen, mindestens 14 Tote. Und eine EU-Vertretung wurde ebenfalls getroffen. Gezielt?

Unter dem Hauptartikel im GEA stand „Willkommenskultur nimmt ab“ – Flüchtlinge werden weniger freundlich empfangen als 2015 und 2016. Ist dieser Hype um „Wir schaffen das“, Merkels Ausspruch vor zehn Jahren, angesichts der vielen Flüchtlinge aus Syrien, angebracht? Ist diese ständige Präsenz dieser drei Worte nicht völlig übertrieben? Genauso wie die Zuspitzung des Bundestagswahlkampfs Anfang des Jahres auf die „illegale Migration“?

Alle Parteien haben sich von der AfD vor sich hertreiben lassen. Und jetzt schon wieder? Was bringt denn die Diskussion um „Wir schaffen das“ – außer, dass erneut die AfD davon profitiert, wenn vermeintliche Defizite angeführt werden. Vielleicht sollte vielmehr der Fokus darauf gelegt werden, was alles funktioniert. Dass die große Mehrheit der Flüchtlinge von damals heute in Arbeit sind, Steuern zahlen, dem deutschen Staat einiges zurückgeben.

Was aber in diesen Tagen an Meldungen und Berichterstattung in den Medien fast komplett fehlt, ist die Klimakrise. Aber von der ist seit Monaten, seit Beginn des Ukraine-Kriegs, auffällig selten die Rede – außer in den täglichen Nachrichten über Waldbrände in ganz Europa, in den USA. Dazu Überschwemmungen, Erdrutsche weggespülte Dörfer, Hunderte oder gar Tausende Tote in Pakistan, Indien, Taiwan, Vietnam und Thailand. All das wird aber kaum mehr wahrgenommen, so ist mein Eindruck.

Hinzu kommen natürlich die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland, der Transformation, der verschlafenen Weiterentwicklung der Autoindustrie. Nur ein Beispiel: Am Montag gab es eine Demo gegen die Entlassung von rund 200 Beschäftigten bei Cellforce in Kirchentellinsfurt, dem Hoffnungsträger der ganzen Region. Während im Betrieb noch die Beschäftigten den Worten der Vorstände lauschten, wurden schon schriftliche Kündigungen ausgefahren – natürlich mit einem Porsche. Was für ein Hohn.

Bei der Grundsteinlegung der neuen Gebäude hatte Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut am 18. Oktober 2022 die „besondere Innovationshöhe“ gelobt. Umso tiefer ist jetzt der Fall – auf 28.000 Quadratmeter Fläche zieren nun riesige Gebäude, an einem sind noch nicht einmal die Gerüste weg. Alles umsonst?

Was war das für eine Planung von Porsche? In nicht einmal drei Jahren wandelt sich das Vorhaben – das mit Steuergeldern von rund 60 Millionen Euro und mit weiteren Zuschüssen von der EU mit 200 Millionen Euro gefördert wurde – in ein völliges Fiasko. Was passiert mit all diesen Fördergeldern? Alles verloren? Was ist bei Porsche passiert? Sind die Manager wirklich so offensichtlich unfähig? Die Rahmenbedingungen hätten sich verändert, die prognostizierte Nachfrage nach den Hochleistungsbatterien sei nicht vorhanden, hieß es lapidar.

Michel Weber von der Fridays for Future-Landesgruppe hatte vor Cellforce am Montag gesagt: „Wenn kurzfristiger Profit im Vordergrund steht in einer eskalierenden Klimakrise, dann ist das ein fatales Zeichen.“ Ein fatales Zeichen war natürlich auch, dass alle deutsche Autofirmen die Transformation verpennt haben. Viel zu lange haben sie auf Verbrenner gesetzt. Auf dicke, fette Verbrenner. Hat nur einer der Manager dadurch seinen Job verloren?

Doch zurück zur „Kriegsfähigkeit“, in Kombination mit massenhaften Entlassungen bei Autofirmen und deren Zulieferern: Ist es in heutigen Zeiten schon eine gute Nachricht, wenn Heckler & Koch eine Auftragseingangssteigerung von fast 43 Prozent vermeldet? Wenn Rheinmetall unter Beisein von Vizekanzler Lars Klingbeil, Verteidigungsminister Boris Pistorius und Nato-Generalsekretär Mark Rutte ein neues Munitionswerk in Unterlüß eröffnet? Ist das eine gute Meldung? Und wo verdammt ist Unterlüß?

Was sind das eigentlich für Zeiten in denen wir leben? Geht es letztendlich nur noch um die Frage, ob wir durch die Klimakatastrophe sterben – an einem Hurrikan, an der Dürre, an Bränden? Oder als Alternative bei einem russischen Angriff? Der in drei Jahren bevorsteht, wie immer wieder in Talkshows und in Medien angeführt wird? Putin soll in drei Jahren bereit sei, Europa anzugreifen, heißt es. Könnte natürlich sein, dass die russische Drohne, die vor wenigen Tagen auf einem polnischen Acker landete, eine Art Versuchsballon war. Oder der Angriff auf ein EU-Gebäude in Kiew heute. Kanzler Merz sagte: „Wir sehen tägliche Aktionen der russischen Armee. Sie testen unsere Verteidigungsbereitschaft und unsere Verteidigungsfähigkeit.“

Doch nun zur Frage in der Überschrift: Kann man angesichts solch bedrohlicher Zeiten überhaupt noch zuversichtlich sein? Oder Hoffnung haben, dass sich die Menschheit eines Besseren besinnt und endlich für Frieden auf der Welt sorgt? Endlich den Kampf gegen die Klimakatastrophe entschlossen angeht? Gegen Hunger in der Welt kämpft? Ungerechtigkeit abschafft?

Angesichts eines Putin, dem Menschenleben egal sind? Der Hunderttausende seiner Landsleute in den Tod schickt, ohne mit der Wimper zu zucken. Und Donald Trump, der ganz offensichtlich jeden Tag daran arbeitet, die USA in eine Autokratie, in eine Diktatur zu verwandeln.

Gestern Abend sagte ich zu Bine: „Wir müssen letztendlich wohl froh sein, wenn sich die Amerikaner aus Europa zurückziehen – und nicht mit ihrer Militärmacht die europäischen Länder als Satellitenstaaten der USA angliedern.“ Ein abstruser, verrückter Gedanke? Angesichts dieser verrückten Zeiten vielleicht aber gar nicht so abwegig? Klar dürfte aber sein, dass Trumps Rückzug aus Europa Putin enorm in die Hände spielt.

Wo also Hoffnung hernehmen? Vielleicht von den Menschen, die nicht in Erstarrung verharren, die aktiv sind, die versuchen, anderen Menschen zu helfen. So wie das Reutlinger Ärzteehepaar Claußnitzer: Jedes Jahr fliegen sie nach Nepal, um Menschen in entlegenen Himalaya-Tälern zu helfen. Ein Beispiel könnte man sich auch an Markus Brandstetter von den 3 Musketieren nehmen.

Ich könnte zwar nicht in die Ukraine, ins Kriegsgebiet fahren oder in Flüchtlingslager in Syrien, in Ägypten oder wie Claußnitzers nach Nepal fliegen – aber ich denke: Wenn wir alle aktiv werden und versuchen, anderen Menschen zu helfen, die tatsächlich in Not sind – dann könnten wir Sinnvolles tun. Dann verharren wir nicht in Verzweiflung, sondern setzen uns in Bewegung.

Dann können wir zumindest hier vor Ort, in der Nachbarschaft helfen, in der Tafel, bei einem Besuchsdienst, in der Flüchtlingshilfe, bei der AWO. Als Jobpate beim Projekt „Lebenswert“ an der Reutlinger Kreuzkirche. Beim Arbeitskreis Leben. Beim Ambulanten Hospizdienst. Es gibt so viele Möglichkeiten, um Menschen zu unterstützen, die tatsächlich Hilfe benötigen.

Und dann denken wir vielleicht nicht mehr so viel darüber nach, wie schrecklich doch diese Welt ist. Dann tun wir Sinnvolles. Im Kleinen. Aber wir tun was. Für Andere. Und für uns selbst. Eines nicht zu vergessen: Den Humor nicht verlieren. Auch wenn es manchmal sehr schwerfällt.

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