IG Metall demonstriert zusammen mit Cellforce-Beschäftigten vor dem Unternehmensgebäude in Kirchentellinsfurt vor MItarbeiterversammlung
„Am 15. Mai waren wir mit den Gemeinderäten aus Reutlingen und Kirchentellinsfurt hier vor Ort, da ist noch großartig Optimismus verbreitet worden“, betonten Rüdiger Weckmann (Linke) und Helmut Treutlein aus als Reutlinger Gemeinderäte gestern vor dem Batteriehersteller Cellforce. Dort hatte die IG Metall zu einer Kundgebung eingeladen, Anlass dafür war eine Mitarbeiterversammlung bei dem Batteriehersteller, die um Punkt 10 Uhr beginnen sollte.
Marc Schneck (GAL) betonte als K‘furter Gemeinderat: „Wir haben alle gehofft, dass die Ansiedlung von Cellforce ein Schritt in die richtige Richtung wäre.“ Den Rätinnen und Räten sei bei dem Besuch am 15. Mai noch gesagt worden, dass es sich um „kein kurzfristiges Engagement von Porsche handelt – und jetzt reicht es nicht mal bis zur offiziellen Eröffnung“, sagte Schneck enttäuscht. „Die Massenentlassung ist ein fatales Zeichen für den Standort Reutlingen und ganz Baden-Württemberg“, hatte auch Ronja Nothofer-Hahn als SPD-Landtagskandidatin betont.
Doch negative Gefühle gab es dort am Montagmorgen noch viel mehr: Ungläubiges Unverständnis. Ein Stückweit Entsetzen, Frust und auch Wut mischten sich bei der Kundgebung vor Cellforce im gemeinsamen Gewerbegebiet von Reutlingen und Kirchentellinsfurt. „Es ist ein schlimmes Gefühl, jetzt gleich in den Betrieb reinzugehen und mitgeteilt zu kriegen, dass rund 200 der 286 Beschäftigten in wenigen Tagen arbeitslos sein sollen“, sagte etwa Sebastian Roloff als Cellforce-Mitarbeiter.
Kai Lamparter betonte vor rund 200 Personen: „Vor vier Wochen haben wir erfahren, dass heute eine Mitarbeiterversammlung bei Cellforce sein soll – wir wussten aber nicht, worum es dabei gehen sollte“, so der zweite Bevollmächtigter der IG Metall. Erst nach und nach sei durchgesickert, was Porsche mit dem Werk in K’furt plant. Erschrecken und Entsetzen habe sich breitgemacht, als die Kündigungspläne bekannt wurden.
Was Porsche dazu sagt? Im Newsroom des Nobelmarkenbauers war gestern zu lesen: „Leider hat sich der Markt für elektrische Fahrzeuge weltweit nicht so entwickelt wie ursprünglich angenommen“, ließ Dr. Michael Steiner, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei Porsche, verlautbaren. Die Rahmenbedingungen hätten sich grundlegend verändert, darauf müsse reagiert werden. „Am Ende müssen wir feststellen, dass das geplante Geschäftsmodell wirtschaftlich nicht darstellbar ist.“ Antworten darauf, wer dafür verantwortlich ist, habe es laut Kai Lamparter nicht gegeben.
In Kirchentellinsfurt wurden Hochleistungszellen entwickelt, aber die Nachfrage sei einfach zu gering gewesen für die Massenfertigung, sagte Steiner. „Deshalb soll sich die Cellforce Group künftig auf die Forschungs- und Entwicklungsarbeit konzentrieren.“ Für die Beschäftigten in Kirchentellinsfurt war das ein Schlag ins Gesicht. Und nicht nur für sie, wie auch Helmut Treutlein (SPD-Gemeinderat in Reutlingen) betonte: „Das ist ein Schlag gegen die gesamte deutsche Wirtschaft.“
Edeltraut Stiedl (SPD-Kollegin aus dem Reutlinger Gemeinderat) forderte die Subventionen zurück, die an Cellforce geflossen sind. Insgesamt seien es rund 60 Millionen Euro Fördermittel von Bund und Land gewesen, wie Anne Zerr betonte. Weitere 200 Millionen Euro seien laut Lamparter bewilligt. „Der Porsche-Vorstand zeigt, dass ihm kurzfristige Profite wichtiger sind als das Wohl der Menschen, die Tag für Tag hart arbeiten“, so Linke-Bundestagsabgeordnete Zerr.
Auch Michel Weber von der Fridays for Future-Landesgruppe war ins K’furter Industriegebiet gekommen und er hieb in die gleiche Kerbe: „Wenn kurzfristiger Profit im Vordergrund steht in einer eskalierenden Klimakrise, dann ist das ein fatales Zeichen.“ Thomas Hentschel sagte als Grünen-Landtagsabgeordneter: „Das ist ein schwarzer Tag für den Industriestandort Deutschland.“
Harald Buck, bis vor wenigen Tagen Betriebsratsvorsitzender von Porsche, erinnerte auf der Straße vor Cellforce: „Es gab noch nie Massenentlassungen bei Porsche und es gebietet der Anstand, die Betriebsratswahl bei Cellforce abzuwarten – wenn nicht, wird hier die Porsche-Kultur mit Füßen getreten.“ Die Wahl war nämlich in Vorbereitung, am 19. September sollen die Kandidaten gewählt werden, so Kai Lamparter.
Der DGB-Landesvorsitzende Kai Burmeister betonte gestern: „2021 sagte Oliver Blume als Porsche-Chef, mit Cellforce wird die Mobilität der Zukunft gestaltet.“ Und jetzt? Alles Essig? Der IG Metaller Lamparter hatte auf Nachfrage die Ergebnisse der Mitarbeiterversammlung parat: 23 Minuten habe die Veranstaltung gedauert.
„Die Mitarbeiter blieben genauso ratlos zurück wie bei der Einladung.“ Wie viele Entlassungen es nun tatsächlich geben soll, sei nicht erwähnt worden. Der Zeitpunkt der Kündigungen werde diese Woche noch den Betroffenen per Post zugehen. „Die machen jetzt einen disruptiven Ansatz, das wird ein heilloses Durcheinander geben“, so Kai Lamparter. Unklar sei, was mit dem Standort Kirchentellinsfurt passieren soll.
Mitarbeitern seien Arbeitsplätze beim VW-Batteriehersteller PowerCo in Salzgitter angeboten worden. „Das ist 700 km entfernt von hier“, sagte Kai Lamparter. „Das alles ist ziemlich blutleer von den Führungskräften vorgetragen worden.“ Für die IG Metall gehe die Arbeit ab Dienstag weiter: Die Landesregierung müsse nun Fragen beantworten, wie es mit der Batterieproduktion in Baden-Württemberg weitergehe.