Rainer Claußnitzer wird in wenigen Tagen 80 Jahre – Im Oktober startet er mit seiner Frau und weiteren Helfern wieder nach Nepal zum Hilfseinsatz
Wenn Anne und Rainer Claußnitzer am 18. Oktober zusammen mit weiteren Helfern wieder nach Nepal fliegen, dann wissen sie nicht, ob sie mit Jeeps auf waghalsigen Routen zu ihren Zielorten in den abgelegenen Himalaya-Tälern kommen. Oder ob der Monsun und abschmelzende Gletscher die Wege zerstört haben. „Der Klimawandel zeigt sich in Nepal ganz besonders“, sagt Rainer Claußnitzer. Nicht nur Wege und Straßen, ganze Dörfer werden immer wieder weggeschwemmt – viele Menschen überleben das nicht.
Die Vorbereitungen für die nächste vierwöchige Hilfstour der Claußnitzers läuft auf Hochtouren, in abgelegenen Himalayatälern wollen die Reutlinger erneut dort lebende Menschen akut medizinisch behandeln und ihnen Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Seit 16 Jahren tun sie dies, seitdem Rainer Claußnitzer, der ehemalige Chefarzt der Gefäßchirurgie an den Reutlinger Kreiskliniken, in den Ruhestand gegangen ist. In wenigen Tagen wird er 80 Jahre alt. Grund genug, um einen Blick zurück zu werfen.
Erlebt haben der Arzt und seine Frau Anne jede Menge Abenteuerliches und auch Lebensgefährliches in ihrem Leben. Geboren und aufgewachsen in der DDR studierte Rainer Claußnitzer Medizin – obwohl er sich nicht gerade als linientreu erwiesen hatte. „Er profitierte damals Ende der 1960er Jahren davon, dass Ärzte dringend gebraucht wurden – es sind ja fast alle in den Westen geflüchtet“, sagt Anne Claußnitzer. Sie selbst durfte nicht studieren, weil sie aus einem „rebellischen“ Künstlerhaushalt stammte.
Wie so vieles im Leben der Claußnitzers war auch die Flucht aus der Diktatur mehr als aufregend: 1981 hatte sich der Expeditionsarzt für einen Einsatz im sozialistischen Angola beworben. „Damals hieß es aus Angola, wenn ihr uns keine Ärzte schickt, kriegt ihr zu Weihnachten keinen Kaffee“, sagt die gelernte Krankenschwester und lacht. Ihren Humor hat das Paar über all die Jahre nicht verloren.
„Als unser Flugzeug in Paris zu einem längeren Zwischenstopp landete, bin ich mit meinem Stasibegleiter zu einer Stadtbesichtigung aufgebrochen“, erinnert sich Rainer Claußnitzer. „Der Stasimitarbeiter hatte aber keine gute Kondition, also sagte ich irgendwann zu ihm, er soll in einem Café warten, ich würde mir den Rest von Paris noch angucken.“ Stattdessen ging der Arzt aber schnurstracks zur westdeutschen Botschaft – damit war der Weg in den Westen frei.
Doch seine Frau und die Kinder blieben zurück in der DDR, Anne Claußnitzer wurde von der Stasi massiv verhört. Sie musste ja so tun, als ob sie von den Fluchtplänen überhaupt nichts gewusst hätte. „Damals hatte ein gewisser Wladimir Putin als KGB-Chef die Protokolle meines ersten Verhörs gelesen“, sagt die Krankenschwester. Und: „Ende der 70er Jahre ist Putin in Dresden mit dem KGB in das Haus meines Urgroßvaters, des Architekten Martin Pietzsch, eingezogen.“
Rainer Claußnitzer sagt und lacht: „Wie man sieht, haben wir eine enge Beziehung zu Putin.“ Für seine Frau waren nach seiner Flucht und ihrem Ausreiseantrag die folgenden zwei Jahre aber alles andere als lustig. 1983 kam dann von einer Stunde auf die andere die Stasi-Weisung: „1,5 Stunden haben Sie Zeit, um auszureisen.“ Eigentlich war an diesem Tag ein großes Familienfest in Dresden geplant.
Rainer Claußnitzer war in der Zwischenzeit in Tübingen angekommen. In der DDR hatte er als Allgemeinchirurg gearbeitet, aufgrund einer (heute unfassbaren) Ärzteschwemme im Westen der Republik war an der Uniklinik nur eine Stelle als Herz- und Gefäßchirurg frei. „Ich habe ein Jahr dort gearbeitet, dann musste ich alle Studienabschlüsse nochmal wiederholen.“ Nach Reutlingen kam er 1987, als dort am Klinikum die Gefäßchirurgie aufgebaut werden sollte.
Bis zur Rente hat der Arzt am Steinenberg gearbeitet, die Liebe zu den Bergen hat er nie verloren. Selbst sein traumatisches Erlebnis aus dem Jahr 1975 hielt ihn nicht von der Bergsteigerei ab: Illegal war er damals mit Kollegen der TU Dresden zum damals höchsten Berg der Sowjetunion gereist und hatte am Pik Kommunismus (7495 Meter) drei Freunde verloren. „Ich war als Expeditionsarzt mit dabei.“ Der Reutlinger Filmemacher Joachim Stall berichtet auf Youtube in einem Film über dieses dramatische Ereignis im Pamirgebirge.
Warum Claußnitzers immer wieder in Nepal Hilfsprojekte initiieren? Natürlich habe das auch was mit den Bergen zu tun. Aber vor allem deswegen: „Wir haben so viel Glück gehabt im Leben, wir wollen was zurückgeben“, sagen beide. Denn: Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Die Flucht 1981 hätte, wie bei so vielen seiner Kollegen, misslingen können. Claußnitzers hätten ins Gefängnis kommen, die gemeinsamen Kinder ihnen weggenommen werden können. All das ist nicht passiert. „Wir hatten Glück“, sind sich Anne und Rainer Claußnitzer einig.
INFO:
Unterstützung für die Hilfe in Nepal
Wer die Hilfe des „Nepali Rotznäschen Medizinteams“ und der Claußnitzers in der Himalaya-Region unterstützen will, kann das über die Volksbank in der Region eG tun, IBAN: DE61 6039 1310 0336 9550 06. Weitere Informationen gibt es auf www.nepali-rotznaeschenmed.de.