Waldumgang auf Gomadinger Gemarkung mit wissenschaftlicher Erkundung und jeder Menge Informationen zu den entstehenden Windrädern
Der Waldumgang im Gomadinger Forst war alles andere als gewöhnlich, wie auch Bürgermeister Klemens Betz am Freitagnachmittag betont hatte: Zum einen war der Umgang nicht wie gewohnt im Herbst und er war mehr eine Umfahrt: abenteuerlich hatten sich die Teilnehmerschar auf zwei Traktorenanhänger verteilt.
Außerdem hatte sich Revierförsterin Caroline Freitag Verstärkung geholt – und zwar in der Form von Ferdinand Tausendpfund von der Windkraft Schonach und von Max Müller als Gebietsmanager des Biodiversitäts-Exploratoriums Schwäbische Alb.
Geballtes Fachwissen war also mit im Gomadinger Wald. Und die Informationen hagelten regelrecht, bei schönstem Wetter, auf die Gemeinderatsmitglieder und Interessierten ein. So etwa an zwei Fundamenten für die insgesamt fünf Windkraftanlagen, die momentan auf Gomadinger Gemarkung entstehen. Klemens Betz erinnerte nochmals an den Weg, der bis zu den Fundamenten für die Windräder führte.
Neben zwei Windrädern im Staatswald werden auf Gemeindeflächen drei weitere gebaut. Die beiden runden Windkraft-Fundamente, die am Freitag begutachtet wurden, haben laut Ingenieur Tausendpfund einen Durchmesser von 24,5 Meter und sind 2,9 Meter hoch.
800 Kubikmeter Beton und 100 Tonnen Stahl benötige ein solches Fundament, betoniert werde innerhalb von nur einem Tag. „Vergangene Woche war es zu heiß, wir mussten die Arbeiten auf gestern verschieben.“ Die zu große Hitze sei nichts für den Beton gewesen. „Am 8. September beginnen wir mit der Montage des Turms, der wie mit Lego-Bauteilen zusammengesetzt wird“, betonte Tausendpfund.
Innerhalb von vier Wochen sollen dann alle Windkraftanlagen mit einer Leistung von 6,2 Megawatt fertig sein. „Die fünf Anlagen liefern dann Strom für 23.800 Haushalte – das sind mehr als ein Viertel aller Haushalte im Landkreis Reutlingen“, betonte Klemens Betz. Er zeigte sich überzeugt: „Wir haben das Optimale für die Gemeinde bei den Anlagen herausgeholt.“ Inklusive Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der Windräder im Wald sowie Bürgerbeteiligung mit einer „relativ sicheren Geldanlage“, die in Bälde kommen soll. Und: „Ab 2027 erhält die Gemeinde einen Reinertrag von 465.000 Euro – jedes Jahr“, so Betz.
Damit nicht genug der ungewöhnlichen Informationen bei einem Waldumgang: Max Müller berichtete als Wissenschaftler der Technischen Universität Darmstadt und als Gebietsmanager des Biodiversitäts-Exploratoriums Schwäbische Alb über die Arbeit in der Region mit über 100 Klimastationen. Die Zuhörerschar erfuhr viel über das Artensterben, das „die Dienstleistungen in den Ökosystemen bedrohen“, wie etwa die Bestäubung von Blüten.
Zudem hängt laut Müller die Wasserfilterung ebenso von den insgesamt zwei Millionen bedrohten Arten ab wie die Nahrungssicherheit. 2006 wurden in Deutschland drei Exploratorien gegründet, neben dem auf der Schwäbischen Alb auch eines nahe der polnischen Grenze und eins zwischen Göttingen und Erfurt. „Wir können somit auch überregionale Aussagen machen.“ Mehr als 250 Forscher von über 50 Universitäten und Hochschulen seien dort unterwegs, die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Artenvielfalt würden untersucht, die Entwicklung der Pflanzenvielfalt und die Prozesse in den Ökosystemen.
Seit 2006 werde in sogenannten Wald- und Grünlandplots geforscht. So wurden etwa 13 unterschiedliche Baumstämme an verschiedenen Orten ausgelegt und registriert, „dass Douglasie sich am langsamsten abbaut“. Untersucht werde aber auch die Entwicklung von Zecken, generell von Insekten im Wald und auf der Heide – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
Eine von 900 Insektenfallen, die bundesweit zu finden sind, wurde am Freitag auch im Gomadinger Wald begutachtet. „Klar ist, dass der Rückgang von Insekten innerhalb der vergangenen neun Jahren mindestens 40 Prozent beträgt“, so Müller. Die Ursachen dafür? Eindeutig sei: Je mehr Ackerflächen in einer Region zu finden sind, umso größer sei der Insektenrückgang. Je mehr Totholz und je mehr Licht in Wäldern zu finden sei, umso mehr Insekten seien anzutreffen.
Erstaunlich auch: „Der Fichtenwald ist überhaupt nicht so böse wie er in den Medien dargestellt wird“, betonte Revierförsterin Freitag. Erstaunlich obendrein, wie Betz betonte, „dass erst 1801 die erste Fichte überhaupt in Gomadingen gepflanzt wurde“. Und: Auf den Flächen mit Halbtrockenrasen wie knapp unterhalb vom Sternberg gebe es am meisten Pflanzenarten – weltweit. „Je weniger gemäht und gedüngt wird, umso besser ist das für die Pflanzen- und Tiervielfalt“, betonte Max Müller.
(Foto: Insektenzählen und -bestimmen mit KI – auch das wird in dem Exploratorium auf der Schwäbischen Alb betrieben.)